Gesellschaft

Studium beim Nachbarn: Österreich dreht den Hahn für deutsche Studenten zu

Artikel veröffentlicht am 28. Mai 2010
Artikel veröffentlicht am 28. Mai 2010
Die österreichischen und deutschen Zeitungen sind voll davon und der Europäische Gerichtshof streut noch etwas Salz in die Wunde…aber was passiert da wirklich in den österreichischen Universitäten mit den deutschen Studenten? Ein Blick in die Wiener Fakultäten.

50% der Studenten an der medizinischen Fakultät sind DeutscheWenn man an Österreich denkt, denkt man zunächst an Klischees wie Mozart, an Sachertorte oder an Wiener Kaffeehäuser Für zahlreiche junge Menschen reimt sich Österreich aber auch auf die Möglichkeit eines Studiums nach Wahl. Denn mit dem Studium im Alpenland kann man die Aufnahmebedingungen an den Unis des eigenen Landes problemlos umgehen, da österreichische Universitäten diesbezüglich kein NC-Limit für neue Studenten haben. Sind diese obendrein EU-Bürger, können sie sich außerdem kostenlos an den Universitäten in Österreich einschreiben. Gesagt getan!

Angezogen von diesen Bedingungen, wechseln besonders viele junge Deutsche in das Nachbarland, um dort zu studieren, während sie in ihrer Heimat mit dem gemeinen „Numerus Clausus“ konfrontiert sind. So beträgt die Anzahl deutscher Studenten in einigen Studienrichtungen - insbesondere im Studiengang Medizin - 50% der Studierenden. Als Konsequenz dieses massiven Studenten-Stroms hat der Europäische Gerichtshof im April 2010, anlässlich einer Belgien-Affäre entschieden, dass die EU-Länder zukünftig berechtigt seien, die Zahl der ausländischen Studenten im Fach Medizin zu beschränken. 

Zwischen Spannungen und Gleichgültigkeit

Für die Österreichische HochschülerInnenschaft sollte es diese, durch die Entscheidung der EU entfachte Debatte nicht geben: „Es ist und bleibt ein kompliziertes Thema, aber man spricht nicht oft darüber. Vielmehr sind es die Sensationsmedien, die sich beklagen - was aber eher auf einen Mangel an Kommunikation zurück zu führen ist“, erklärt Jens Marxen, der die ausländischen Studenten in der Vereinigung repräsentiert. „Es ist wichtig, dass die Universität international bleibt.“

Wenn man Jens danach fragt, ob es Spannungen zwischen den österreichischen und den deutschen Studenten gibt, verneint er ebenso trocken. Doch ein Blick in die Hörsäle zeigt, dass die Antwort nicht ganz so klar ausfällt wie bei Jens. Claudia, die gerade ihr drittes Studienjahr in Wien abgeschlossen hat, sieht die Lage als österreichisch-deutsche Studentin nicht ganz so rosig: „Man kann eine gewisse Spannung spüren. Viele Deutsche integrieren sich schlecht. Sie stellen sich selber nie die Frage, ob es ein Problem gibt und machen auch nichts dafür, die Situation zu verstehen oder sie zu ändern. Es gibt sogar einige, die es spaßig finden, Österreich als einen Teil Deutschlands zu bezeichnen“, merkt Claudia an. Und was ist die Haltung der Österreicher gegenüber ihren Nachbarn? „Diskriminierung wäre ein zu hart gewähltes Wort, aber man spürt schon eine gewisse Spannung, wenn die Österreicher den deutschen Akzent hören. So bleiben die deutschen Studenten oft unter sich - sogar während der Vorlesung mischen sich die beiden „Fronten“ nicht.“

CFür die Nationale Österreichische Hochschülerinnen- und Hochschülerschaft gibt es zur Polemik über die Invasion deutscher Studenten keinen Grundhristian Allesch, Präsident des relativen Ausschusses des Studiengangs Psychologie der Universität Salzburg, eine Region, die mit 65% (der nationale Durchschnitt ausländischer Studenten beträgt 20%) die größte Anzahl deutscher Studenten zählt, hilft uns die Situation etwas besser zu verstehen. Einer seiner Studenten, Daniel Jasbenserger, habe sogar seine Dissertation über die Beziehung deutsch-österreichischer Studenten in der Psychologie geschrieben: „Seine Forschungen haben ergeben, dass es keine Spannungen zwischen den zwei Gruppen gibt, auch wenn man einen gewissen Wettbewerb zwischen den „Fronten“ feststellen kann. Die deutschen Studenten fühlen sich in gewisser Weise schuldig, da sie sich durch die restriktiven Aufnahmeverfahren ihres Landes gezwungen sehen, nach einer Zulassung in Österreich zu fragen“, stellt Christian Allesch fest. „Hingegen sehen die österreichischen Studenten sich selber von der Mehrheit der deutschen Studenten zurückgedrängt. Doch das Klima zwischen den zwei Gruppen ist herzlich, auch wenn sie es vorziehen, sich nicht unbedingt zu mischen.“ 

Eine Not...welche Not?

Einige Kommunikationsstrategien gehen sogar etwas weiter und beginnen sich in Zahlen nieder zu schlagen. Die Süddeutsche Zeitung hat diesbezüglich im Oktober 2009 die offizielle Stellungnahme des Rektors der Universität Innsbruck, Karl Heinz Töchterke, unter dem Titel "Dr. Austria" veröffentlicht „Kann man dem österreichischen Steuerzahler zumuten, dass er universitäre Infrastruktur zur Verfügung stellt für weite Teile Mitteleuropas, die jetzt unser Land überfluten, weil wir gratis Studienplätze zur Verfügung stellen?“ Ein Gedanke, der schlussfolgern lässt, dass die Kostenlosigkeit der österreichischen Universitäten für ausländische Studenten dazu führt, dass die österreichischen Steuerzahler für die Ausbildung ihrer Nachbarn aufkommen müssen.

Selbst Manfried Gantner, der ehemalige Rektor der Universität, dementiert das nicht: „Selbst in einem Flugzeug oder einem Restaurant gibt es ein Limit in der Küche, der Bedienung und an Plätzen.“ Marxen von der Österreichischen HochschülerInnenschaft will das Ganze jedoch lieber dimplomatisch angehen. Er behauptet, dass die österreichische Gesellschaft nicht das Gefühl habe, die Studien ihrer europäischen Nachbarn zu bezahlen (Studenten aus nicht-EU-Staaten müssen für eine Einschreibung an einer österreichischen Uni 363,63 Euro zahlen).

Aus dem Büro der Medizinischen Fakultät hält Allesch an seinem Argument fest: Egal für welche Universität - es sei immer positiv, internationale Studenten zu haben: „Daher bin ich gegen ein Limit für ausländische Studenten an unseren Unis. Salzburg befindet sich an der deutschen Grenze, was ein Grund mehr ist, den Studenten aus den benachbarten Regionen offen gegenüber zu sein. Auf jeden Fall ist es aber dringend, ein vergleichbares Zulassungssystem in beiden Ländern zu schaffen, um die einseitige Migration, in der wir uns zur Zeit befinden, zu stoppen.“

Vielen Dank an an das Team von cafebabel.com in Wien

Fotos: ©Trishhhh /flickr; Studenten ©RiOTPHOTOGRAPHY.com /flickr