Gesellschaft

Strassburg: Eine Stadt, zwei Gesichter

Artikel veröffentlicht am 16. Juli 2014
Artikel veröffentlicht am 16. Juli 2014

Das Zen­trum von Straß­burg, wo das Eu­ro­päi­sche Par­la­ment steht, ist hübsch und ruhig. Es strahlt Wohl­stand aus. Aber diese Fas­sa­de ver­deckt eine dunk­le­re Seite. Die Ju­gend­ar­beits­lo­sig­keit ist auf dem Höchst­stand und Dro­gen­pro­ble­me neh­men ra­sant zu. Hun­der­te sind auf eine Sup­pen­kü­che an­ge­wie­sen oder muss­ten auf der Suche nach einem bes­se­ren Leben weg­zie­hen.

Als die Sonne über dem Fluss Ill un­ter­geht, spie­geln sich die go­ti­schen Fach­werk­bau­ten, die den Kern der UNESCO-Welt­kul­tur­stadt bil­den, im ru­hi­gen Ge­wäs­ser. Junge Leute fah­ren auf dem Rad das Fluss­ufer ent­lang. Viele fla­nie­ren über die ge­pflas­ter­ten Wege und trin­ken in einer der vie­len ein­la­den­den Bars im Stadt­zen­trum ein Bier. Straß­burg wirkt in der Nacht ge­nau­so be­lebt und dy­na­misch wie tags­über. Es ist eine der Städ­te mit der jüngs­ten Be­völ­ke­rung Eu­ro­pas. Ob­wohl die Ju­gend­ar­beits­lo­sig­keit bei 23 Pro­zent liegt, ist es den­noch eine pul­sie­ren­de und mul­ti­kul­tu­rel­le eu­ro­päi­sche Haupt­stadt. Von außen wirkt es so, als ob die tau­sen­den Ju­gend­li­chen, die die Stadt be­völ­kern, keine Pro­ble­me haben könn­ten. Aber ist dem wirk­lich so?

Trotz einer Be­völ­ke­rung von nur 272.000 Men­schen, be­her­bergt Straß­burg eines der bei­den Eu­ro­päi­schen Par­la­men­te, sowie den Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te und den Eu­ro­pa­rat. Au­ßer­dem sind wei­te­re EU-Agen­tu­ren hier be­hei­ma­tet. Da sich Straß­bur­ger genau an einem Kno­ten­punkt Eu­ro­pas, an der Gren­ze zu Deutsch­land be­fin­den, kön­nen die Ein­woh­ner oft Fran­zö­sisch, Deutsch und Eng­lisch gleich gut spre­chen. Damit ge­hört Straß­burg zu den we­ni­gen eu­ro­päi­schen Städ­ten, in denen die drei EU-Ar­beits­spra­chen flie­ßend ver­wen­det wer­den. Aber wie eu­ro­pä­isch füh­len sich die Ein­woh­ner dort?

Tho­mas Boul­lu ar­bei­tet für SOS Aide aux Ha­bi­tants, eine Or­ga­ni­sa­ti­on, die jun­gen Leu­ten, die Pro­ble­me mit stei­gen­der Ver­schul­dung haben oder kri­mi­nell ge­wor­den sind, Rechts­hil­fe an­bie­tet. Er sagt, dass die­je­ni­gen, die in sol­chen Vor­städ­ten wie Neu­hof leb­ten, „nicht ein­mal wüss­ten, was die EU ist", ge­schwei­ge denn, wel­che Mög­lich­kei­ten sie bie­te. Ein Be­such in Neu­hof, das mit der fu­tu­ris­ti­schen städ­ti­schen Stra­ßen­bahn eine halbe Stun­de süd­lich vom Zen­trum liegt, ent­blößt die Un­ter­schie­de zwi­schen den Vor­städ­ten und dem Stadt­zen­trum. Der mit­tel­al­ter­li­ch fran­zö­sisch-go­ti­sche Charme, für den Straß­burg be­kannt ist, scheint hier mei­len­weit ent­fernt. Die ele­gan­ten Kir­chen und glän­zen­den eu­ro­päi­schen In­sti­tu­tio­nen sind auf dem Weg von Straß­burg nach Neu­hof, den her­un­ter­ge­kom­me­nen Wohn­blö­cken ge­wi­chen. In der Luft hängt ein Ge­fühl der Un­si­cher­heit. Das Pres­ti­ge von Straß­burgs EU-In­sti­tu­tio­nen ist au­ßer­halb des Zen­trums über­haupt nicht spür­bar.

Neu­hof ge­hört zu Straß­burgs Pro­blem­be­zir­ken. Da die Ju­gend­ar­beits­lo­sig­keit steigt und da es keine staat­li­che Un­ter­stüt­zung für Per­so­nen unter 25 Jah­ren gibt, ist die Ju­gend ver­zwei­felt. Dro­gen­schmug­gel ist in sol­chen Vier­teln weit ver­brei­tet. Im Ok­to­ber 2012 wur­den 26 junge Men­schen ver­haf­tet, weil sie an einem gro­ßen Dro­gen­schmug­gel-Ring, der die Vor­stadt Neu­hof be­herrsch­te, be­tei­ligt waren. „Das Ge­richt re­agier­te mit bis zu zehn­jäh­ri­gen Ge­fäng­nis­stra­fen für ei­ni­ge die­ser Ju­gend­li­chen", sagt Boul­lu, und fügt hinzu, dass die meis­ten unter 25 und mit gro­ßen Men­gen an Dro­gen (He­ro­in, Can­na­bis, Ko­ka­in etc.) er­wischt wor­den waren. Ei­ni­ge Ju­gend­li­che hat­ten mit ihren Rol­lern He­ro­in ver­kauft. Das Ge­richt sei in sol­chen Fäl­len „ag­gres­siv", fährt Boul­lu fort und seine Stim­me be­tont den Ernst der Sache.

„Sol­che Fälle sind sehr schwie­rig", sagt Boul­lu be­drückt. Die Frage ist, wie man dem Ver­lust von Le­bens­chan­cen und der so­zia­len Iso­la­ti­on wie in Neu­hof, be­geg­nen kann. „Die Schwie­rig­kei­ten be­gin­nen im Alter von 15", er­klärt er, „wenn die Ju­gend­li­chen sich ent­schlie­ßen, dass sie die Schu­le nicht wei­ter­füh­ren kön­nen oder wol­len. Sie ver­su­chen, eine Lehr­stel­le zu fin­den, aber wenn sie dies nicht schaf­fen, sind sie ver­lo­ren." Ihr Leben gehe dann den Bach run­ter, da sie Schul­den­ber­ge an­häuf­ten und in Un­si­cher­heit ge­rie­ten: eine ver­zwei­fel­te Ge­men­ge­la­ge.

Bri­git­te Lud­mann ar­bei­tet für Réseau Ex­press Jeu­nes, eine Or­ga­ni­sa­ti­on, die jun­gen Leu­ten hilft, eine Stel­le im Aus­land, vor allem in Deutsch­land, zu fin­den. Das deut­sche Bun­des­land Ba­den-Würt­tem­berg ist le­dig­lich 45 km ent­fernt, dort liegt die Ju­gend­ar­beits­lo­sig­keit le­dig­lich bei 2.8 Pro­zent. Lud­mann seufzt, als sie er­klärt, dass die Schwie­rig­kei­ten, mit denen die heu­ti­ge Ju­gend kon­fron­tiert ist, dazu führ­ten, dass diese ein­fach ir­gend­ei­ne Mög­lich­keit such­ten, nur damit sie ir­gend­et­was zu tun hät­ten. „Am An­fang der Krise muss­ten wir für die Leute su­chen, nun müs­sen wir Be­wer­bun­gen ab­leh­nen." Die EU-Pro­gram­me, die jun­gen Men­schen eine Mög­lich­keit für ein kurz­fris­ti­ges Prak­ti­kum bei Fir­men im Aus­land bie­ten, füh­ren nicht un­be­dingt zu einer fes­ten An­stel­lung. „Aber es ist ein ers­ter Schritt hin zur Mo­bi­li­tät in an­de­re Län­der. Das Ken­nen­ler­nen von an­de­ren Kul­tu­ren und Spra­chen hel­fen sehr, Men­schen zu mo­ti­vie­ren und ihr Selbst­be­wusst­sein auf­zu­bau­en", sagt Lud­mann.

Lud­man sagt je­doch, dass es für junge Leute nicht ein­fach sei, sich auf­zu­raf­fen und weg­zu­ge­hen. Und es sei nicht nur die Schön­heit von Straß­burg, die sie binde. „Die kul­tu­rel­len Bar­rie­ren ma­chen es schwie­rig: die ver­schie­de­nen Spra­chen und die Tat­sa­che, dass Geld die Wahr­neh­mung von Sinn und Zweck eines Aus­land­auf­ent­hal­tes be­ein­flusst." Sie fügt mit trau­ri­ger Stim­me hinzu, dass die Ju­gend­li­chen auf dem Land die­je­ni­gen seien, die na­tio­na­lis­ti­scher wür­den und glau­bten, dass es bes­ser sei, aus der EU aus­zu­tre­ten.

Ge­ra­de ste­hen wir ge­gen­über des her­aus­ste­chends­ten und ma­jes­tä­tischs­ten Ge­bäu­des von Straß­burg: dem Pa­lais Rohan. Lud­mann weist mich an, mei­nen Stift und Lap­top weg­zu­ste­cken, als wir die von L'Etage - einer 30-jäh­ri­gen Or­ga­ni­sa­ti­on, die jun­gen Ar­beits­lo­sen und Ob­dach­lo­sen hilft - be­trie­be­ne Sup­pen­kü­che be­tre­ten. 45 An­ge­stell­te und 30 Frei­wil­li­ge ver­ge­ben Mahl­zei­ten, sowie Un­ter­künf­te für 18- bis 25-jäh­ri­ge, die plötz­lich auf Hilfe an­ge­wie­sen sind. Die Ju­gend­li­chen be­kom­men einen Tel­ler mit war­mem Essen und in ihren Augen spie­gelt sich eine Mi­schung aus Er­leich­te­rung und Ver­zweif­lung. Man kann nicht sagen, ob es Hun­ger oder Scham ist, der sie auf das Essen vor ihnen star­ren lässt. Zwi­schen­drin wird aber hier und dort ein freund­li­ches Lä­cheln aus­ge­tauscht. Trotz der Schwie­rig­kei­ten, denen sie be­geg­nen, wir­ken sie be­ein­dru­ckend ruhig und gut ge­launt.

„Man wird stän­dig von dem, was man hier sieht, über­rascht", sagt Lud­mann, als sie die Frei­wil­li­gen grüßt. „Hier sind nicht nur Un­ge­lern­te, auch Ge­bil­de­te kön­nen in sol­che Ver­hält­nis­se ge­ra­ten." Die Or­ga­ni­sa­ti­on half am An­fang 40 jun­gen Men­schen, in­zwi­schen un­ter­stützt sie 600 bis 1000 Men­schen.

Als ich am Fluss voller Schwäne und den be­ein­dru­cken­den Bau­ten vorbeigehe, entlang der beeindruckenden Ka­the­dra­le, werde ich fast von einem Fahrradfahrer überfahren. Mir wurde jetzt voll­kom­men klar, wieso Ju­gend­li­che in Straß­burg blei­ben wol­len. Wenn nur die eu­ro­päi­schen Ab­ge­ord­ne­ten sich end­lich auf eine Richt­li­nie zur Schaf­fung von Ar­beits­plät­zen einigen könnten, statt die Ju­gend zu zwin­gen, ihre Hei­mat zu ver­las­sen...

IE­SER AR­TI­KEL IST TEIL EINES RE­POR­TA­GE­PRO­JEKTS, DAS IN STRASS­BURG REA­LI­SIERT WURDE. „EU­TO­PIA: TIME TO VOTE“, WURDE IN ZU­SAM­MEN­AR­BEIT MIT DER STIF­TUNG HIP­PO­CRÈNE, DER EU­RO­PÄI­SCHEN KOM­MIS­SI­ON, DES FRAN­ZÖ­SI­SCHEN AU­SSEN­MI­NIS­TE­RI­UMS UND DER EVENS STIF­TUNG REA­LI­SIERT. DIE GANZE SERIE WIRD BALD AUF UN­SE­RER HOME­PAGE ZU FIN­DEN SEIn.