Gesellschaft

Spanischer Zankapfel Bürgererziehung

Artikel veröffentlicht am 19. September 2007
Artikel veröffentlicht am 19. September 2007
Per Gesetz führt die spanische Regierung ab dem neuen Schuljahr ein obligatorisches Schulfach ein: Bürgererziehung.

Mit der Einführung eines Unterrichtsfaches über Wertevermittlung hat Zapateros Regierung die Büchse der Pandora geöffnet. Religiöse Vereinigungen, politische Parteien und andere Vereine reiben sich aus vielfältigen Gründen an diesem Vorhaben, das zwar vorgibt Werte zu vermitteln, aber gleichzeitig Gefahr läuft bestehende Konflikte und Vorurteile zu verstärken. Wenn schon die "Großen" sich nicht auf Fragen wie Verfassung, homosexuelle Ehe oder Islam einigen können, wie soll sie dann ein Lehrer in zwei Unterrichtsstunden pro Woche vermitteln?

Probelauf an Schulen

Ursprünglich kam der Vorschlag von Mercedes Cabrera, der spanischen Ministerin für Bildung und Wissenschaft, die das Bildungsgesetz Ley Orgánica para la Educación (LOE) angeschoben hatte. Das Fach Bürgererziehung wird in der Grundschule eine Stunde pro Woche unterrichtet, in der Mittelstufe sind es zwei. Es ist verpflichtend für alle Schulen, obwohl bislang nur sieben autonome Regionen ihre Bereitschaft signalisiert haben, das neue Fach schon in diesem Schuljahr in den Lehrplan aufzunehmen (Andalusien, Aragon, Asturien, Kantabrien, Katalonien, Extremadura und Navarra). Die Noten sind - wie für Pflichtfächer üblich - für den Jahresdurchschnitt relevant und können zur Wiederholung des Schuljahres führen. Zudem sei das neu eingeführte Fach für die Erlangung des Abschlusszeugnisses obligatorisch, betonte die Ministerin.

Verfassung, homosexuelle Ehe und Islam

Das Bildungsministerium hat folgende Kernthemen hinsichtlich der Ausrichtung des Faches vorgestellt: Respekt und Menschenrechte, demokratische Institutionen, Selbstreflexion, Toleranz, kulturelle Vielfalt und kritische Medienerziehung. Jede Schule hat aber das Recht einen eigenen Themenkomplex zu definieren. Spanische Verlage haben bereits eine große Anzahl an Lehrbüchern herausgegeben, die die zukünftigen Lehrer - Generalisten, Sozialwissenschaftler, Historiker, Philosophen oder Ethiklehrer - je nach Bedarf auswählen und im Unterricht verwenden können. Auch wenn in den Lehrbüchern verschiedene ideologische Positionen in Bezug auf Sexualität und die homosexuelle Ehe vertreten werden, besteht die allgemeine Tendenz darin, die soziale Situation zu beschreiben und nicht zu bewerten.

In der spanischen Tageszeitung La Vanguardia stellt Alicia Rodriguez den Standpunkt des katholisch geprägten Verlags SM heraus, dessen Lehrbuch von José Antonio Marina, einem bekannten christlichen Intellektuellen verfasst wurde: "Wir haben die ethische Verpflichtung, die Würde aller Menschen zu respektieren, die in der Verfassung und in den Gesetzen festgeschrieben ist, die jede Diskriminierung aufgrund des Geschlechts oder der Sexualität verbieten." Im Lehrbuch von Vicente Vives heisst es: "Die Legalisierung der Ehe zwischen Homosexuellen (und das daraus resultierende Adoptionsrecht) ist eine neue Situation, die für einige das Ende der Bevormundung in der Liebe bedeutet und für andere ein großes Problem für die Zukunft der Gesellschaft."

Beschwerden von links und rechts

Der Hauptgegner des neuen Gesetzes ist die spanische Volkspartei Partido Popular, die behauptet, der Staat greife damit in einen Bereich ein - die Werteerziehung -, der zur Privatsphäre gehört. Die PP bezeichnet das Fach als "sozialistischen Katechismus". Aus ähnlichen Gründen sträubt sich auch die Bischofskonferenz gegen die Bürgererziehung, weil sie an der Verfassung kratze, in der die Religionsfreiheit doch schon festgeschrieben stehe.

Einige Vereinigungen gingen einen Schritt weiter und riefen zur Aktion auf. Das Konsortium der Privatschulen Confederación Española de Centros de Enseñanza (CECE) katholischer Prägung – Privatschulen machen ungefähr 6 Prozent der Schülerschaft in Spanien aus -,hat seinen Schülern in einer internen Bekanntmachung erlaubt, der Bürgererziehung fernzubleiben und stattdessen Kurse zu den Themen Menschenrechte oder Verfassung zu besuchen.

Kritik gab es allerdings nicht nur von rechts. Einige linke Gruppen bedauern, dass dieses Fach das geeinte Europa propagiere, statt es in Frage zu stellen, und dass Inhalte durch Werte ersetzt würden, die nur schlecht zu vermitteln seien. Clara Serrano vergleicht die Lehrbücher für Bürgererziehung in einem Kommentar der Zeitschrift Rebelión mit "Stickeralben" voller Pfeile und Rollenspiele, in denen "Diskurs und Argumentation" fehlen.

Auch Gewissensfragen werden als Argumente hervorgebracht. Der christliche Verein Profesionales por la Etica (Berufstätige und Ethik) fordert, das Fach müsse ein Wahlpflichtfach werden und dürfe nicht benotet werden. Die Organisation hat bereits vier Millionen "Anleitungen zum Einspruch" verteilt, in denen sie sich auf den Artikel 16 der spanischen Verfassung beruft. Einige Bürger haben sich dem Vorhaben angeschlossen.

Und die Erziehung der restlichen Bürger Europas?

Spanien hat das Rad nicht neu erfunden. Unterrichtsfächer wie Sozialkunde und Ethik gibt es bereits in 16 europäischen Ländern. Oft werden die Inhalte jedoch fachbergreifend vermittelt, so wie in Dänemark, Ungarn, Deutschland, Zypern, Norwegen oder Finnland. Im Unterschied zu diesen Ländern ist die Bürgererziehung in Spanien allerdings obligatorisch. Esteban Beltran, Direktor von Amnesty International Spanien, ist jedoch überzeugt, dass Spanien in Bezug auf die Menschenrechtserziehung einiges aufzuholen hat.