Gesellschaft

Sowjetisches Denken bremst die litauische Bildungsreform

Artikel veröffentlicht am 31. Oktober 2007
Artikel veröffentlicht am 31. Oktober 2007
Mit jedem Machtwechsel in der Hauptstadt Litauens wurde das Erziehungssystem reformiert. Das aktuelle System ist so jung wie die Unabhängigkeit des Landes. Trotzdem wird heftig Kritik geübt.

"Wir stehen vor genau den Problemen, die für ein junges Land zu erwarten waren", gibt Kestutis Kaminskas, Berater des Komitees für Erziehung, Wissenschaft und Kultur des litauischen Parlaments, zu verstehen. Er empfängt uns im Parlament in Vilnius, einem jungen Gebäude, das gerade um einen Veranstaltungssaal und ein Pressezentrum erweitert wurde.

"Man kann die Denkweise der Lehrenden nicht über Nacht ändern. Über die Hälfte von ihnen hat zu Sowjetzeiten studiert und unterrichtet heute Schüler, die mit dem unabhängigen Litauen vertraut sind. Viele Schulen ähneln auch heute noch Fabrikgebäuden, denn sie sollten Ideologien vermitteln. Dies müssen wir überwinden", sagt Kaminskas.

Um die alte Last endlich abzuschütteln, veröffentlichte das Litauische Parlament 1992 eine Absichtserklärung über das Erziehungswesen, in der die Autonomie jedes Individuums, Gleichheit, Gewissensfreiheit und Toleranz gefordert wurden. In diesem Sinne unterscheidet sich das heutige litauische Erziehungswesen nicht vom Rest Europas. "Der größte Fortschritt besteht darin, dass sich heute alle frei fühlen können. Wir müssen aber dafür sorgen, dass diese Freiheit mit Verantwortung ausgeschöpft wird."

Lehrergehälter unter Norm

Das Ansehen und die Gehälter litauischer Lehrkräfte schwanken je nach Anstellung im privaten oder öffentlichen Sektor. Die notwendige Anpassung der Lehrer an ständig wechselnde Lehrpläne ist kein Kinderspiel. Dies wird besonders am Fach Geschichte deutlich. "Alle Geisteswissenschaften wurden in den letzen Jahren vollkommen umgekrempelt", seufzt Irena Valikonyte, Dozentin im Institut für Mittlere und Alte Geschichte an der Universität Vilnius. Das Institutsgebäude liegt im Stadtzentrum und wird häufig von Touristen besucht. "Zu sowjetischen Zeiten hat Moskau die Lehrpläne bestimmt. Alles wurde ihrem Gutdünken unterworfen und die Geschichte der UdSSR stand im Mittelpunkt. Heutzutage werden die Prioritäten anders gesetzt und wir widmen einen Großteil der Forschung der Geschichte Litauens. Das Augenmerk richtet sich auch auf die Geschichte der Europäischen Union, aber uns fehlen fachkundige Wissenschaftler."

Auch in der Oberstufe ist der Wandel spürbar: der Unterricht findet auf Litauisch statt. In den Lehrplänen halten sich Russland und die USA die Waage. Besonderes Interesse gilt der litauischen und polnischen Geschichte, obwohl einige Schüler gern intensiver auf die estnische und lettische Geschichte eingehen würden.

Fehlende Investitionen und mangelnde Qualität an der Universitäten

Im ganzen Land gibt es 22 Hochschulen. Seit einigen Jahren werden vermehrt auch private Hochschulen gegründet. Studiengebühren können an diesen Privatinstitutionen bis zu 2.500 Euro pro Student betragen: achtmal so viel wie an öffentlichen Hochschulen.

Expertenmeinungen zufolge sei es dringend notwendig, die Qualität der Hochschulbildung zu verbessern. Viele Jugendliche würden zum Studium ins Ausland gehen, vor allem in andere EU-Mitgliedstaaten. Die Studentenvertreter schließen Streiks nicht aus, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. "Die Regierung sagt, sie würde die Qualität der Lehrveranstaltungen verbessern, wenn wir höhere Studiengebühren zahlen. Aber wir fordern zunächst ein besseres Studienangebot, bevor wir zahlen", kommentiert der 22-jährige Marius Skuodis, Student der Politikwissenschaften und aktives Mitglied der Studentenvereinigung der Universität Vilnius.

"Die Regierung muss mehr in die Bildung investieren. Im Moment macht sie nur leere Versprechen. Das Niveau an litauischen Universitäten liegt deutlich unter dem internationalen Durchschnitt", bemerkt Marius weiter. Laut Statistiken des litauischen Kultusministeriums wurde 2006 - im Vergleich zu den letzen 10 Jahren- deutlich weniger in das öffentliche Bildungswesen investiert. Nur 5,2 Prozent des nationalen Gesamthaushaltes flossen im letzten Jahr in die Bildung. 2005 waren es noch 6 Prozent. Die Investitionen liegen damit auch unter dem europäischen Durchschnitt von 5,5 Prozent. Skuodis schlägt Alarm: "Im Vergleich zu anderen Bereichen nehmen die Investitionen in die Ausbildung stetig ab."

Die Mehrheit der Studenten wünscht sich einen einfacheren Einstieg in die Arbeitswelt. "Viele wandern aus, weil sie keine Anstellung in ihrem Fachbereich finden. Die Arbeitslosenquote in Litauen ist zwar relativ niedrig (4,9 Prozent), aber es gibt nur wenige offene Stellen für qualifizierte Jobsuchende." Skuodis kritisiert zudem die gängige Vergabepraxis von Professuren: "In meiner Fakultät haben alle Lehrkräfte mehrere Jobs gleichzeitig." Die Vermittlung der Inhalte an Studenten rückt in den Hintergrund.

Spitzenreiter in Physik und Biotechnologie, Aufholbedarf in Sozialwissenschaften

Die nicht allzu weit entfernte Vergangenheit hat nach wie vor Auswirkungen auf die Gegenwart. Die Russen hatten im Baltikum besonders auf Technologie gesetzt, andere Bereiche wie die Sozialwissenschaften aber völlig vernachlässigt.

"Litauen wurde lange Zeit ausgebremst. Die geringen Investitionen machten Forschung nur auf wenigen Gebieten möglich. Mit den Fördergeldern der EU versuchen wir nun, auf den Zug aufzuspringen. Und ich bin überzeugt, dass wir es schaffen werden", vertraut uns Tomas Zalandauskas, Physiker und Präsident der Litauischen Gesellschaft Junger Forscher, an.

In einem Bereich geht die litauische Universität jedoch mit gutem Beispiel voran. Laut eines Berichts von Eurostat aus dem Jahr 2006 studieren in Litauen europaweit die meisten Frauen Ingenieur- oder Naturwissenschaften (55,5 Prozent). Auch in Lettland (51,4 Prozent) und Estland (51 Prozent) drängen Frauen zunehmend in naturwissenschaftliche Zweige vor. Die baltischen Länder liegen damit über dem europäischen Durchschnitt von 29 Prozent. Die niedrigsten Frauenquoten haben Großbritannien (20,1 Prozent) und Luxemburg (17,7 Prozent).

"Egal ob du eine Frau bist oder nicht: es ist immer noch schwer, als Wissenschaftler dein Brot zu verdienen. Viele von uns haben deshalb die Branche gewechselt", fügt die Umweltforscherin Brigita Serafinaviciute hinzu. Das Land solle sich die Heimkehr derjenigen zum Ziel setzen, die auf der Suche nach besseren Arbeitsbedingungen ausgewandert sind, meint sie weiter. "Ich bin mir sicher, der Wandel kann schnell herbeigeführt werden. Die Herausforderungen sind groß. Es müssen ehrgeizige Ziele gesteckt werden. Wir wollen die Ersten in Europa sein!”

Danke an Simona Strimaityte, Aurimas Radkevicius, Dionizas Bajarunas und die Mitglieder von cafebabel.com in Vilnius.