Gesellschaft

SOS: Post-Erasmus Syndrom!

Artikel veröffentlicht am 8. November 2007
Artikel veröffentlicht am 8. November 2007
Erasmus = Lotterleben im Ausland, non stop Party und Gruppensex. Aber zurück zu Hause durchleben die meisten Studierenden eine triste Phase zwischen Nostalgie und Apathie.

"Der Ex-Erasmus weiß nicht, dass ihm nach seiner Rückkehr seine Wohnung hässlich, die Stadt kalt, die Uni zum Kotzen, das Fernsehen sterbenslangweilig und die Freunde öde erscheinen werden." Diese Worte stammen aus der Feder von Fiorella de Nicola, italienische Studentin, die ihre Abschlussarbeit im Fach Soziologie der "Anthropologie des Erasmusstudiums" gewidmet hat. Ihre Ergebnisse sprechen für sich. Ist das wunderbare Intermezzo erst einmal vorbei, kommt die Mehrheit der Studenten enttäuscht, wenn nicht gar deprimiert ins elterliche Heim und in den monotonen Alltag zurück.

"Das Jahr im Ausland ist emotionsgeladen, voller Begegnungen und Entdeckungen und stets begleitet vom Gefühl ein 'bisschen was besonderes' zu sein", betont Aurelie aus Orléans, die in Newcastle studiert hat. "Zu Hause wird alles wieder ein bisschen zu einfach. Man empfindet eine gewisse Leere, denn Neues zu erleben war ein Teil des Erasmuslebens."

Juliane, die zum Fremdsprachenstudium nach Glasgow gegangen war, ergänzt: "Man kommt zurück und stellt fest, dass alles haargenau so geblieben ist wie vorher. In einem selbst jedoch, ist alles anders geworden."

Im Jahr 2007 feiert das bekannteste universitäre Austauschprogramm der EU seinen 20. Geburtstag. Eine wahre Erfolgsstory: Mehr als eine Million Teilnehmer, Partneruniversitäten in allen vier Ecken Europas und die gegenseitige Anerkennung der Abschlüsse. Die einzige Schattenseite findet jedoch in keiner Statistik und bei keiner offiziellen Feierlichkeit Erwähnung: die Rückkehr der Studenten in die Wirklichkeit, die oftmals im Chaos endet: ein völlig anderer Erfahrungshorizont als die Umgebung, Schwierigkeiten seine Erlebnisse mit Anderen zu teilen, Verklärung des Auslands, Rückzug ins Selbst.Dieser turbulente Landeanflug nach dem Dolce vita zwischen Wodka und Fiesta kann im schlimmsten Fall sogar zu einer Depression führen.

Diagnose: Post-Erasmus Syndrom

"Erasmus ist ein Übergangsritus", betont Christophe Allanic, klinischer Psychologe und Auswanderungsexperte. "Man verlässt zunächst Heimatstadt und Eltern, um sich im Unbekannten mitten unter Gleichen wieder zufinden: eine Prüfung." Ist diese aber erst einmal überbestanden, so darf man nicht vergessen, sich auf die Rückkehr einzustellen. "Denn es ist leichter fortzugehen als zurückzukehren", warnt Allanic.

"Der Student wird unter der Rückkehr umso mehr leiden, wenn er aus einer Kleinstadt kommt und zuvor sein Elternhaus nie verlassen hatte", ergänzt Domenico, 28, Vorsitzender des Vereins 'Planeterasmus'. "Sich zurück ins gemachte Nest zu setzen, nachdem man das Fliegen gelernt hat, ist das Schlimmste", urteilt er. Finito also die 'Tiramisu-Tortilla-Quiche Lorraine'- Abende, die feucht fröhlichen Diskussionen zwischen Polen und Italienern und die WGs im Stile von "Auberge Espagnole".

"Man muss sich an die Normalität erst wieder gewöhnen", findet auch Mina, 21 Jahre. Soll heißen, auf die Ausrede des charmanten Akzents, auf das Gefühl "anders" zu sein zu verzichten und wieder eine ganz normale Französin zu werden, wie alle anderen und kein bisschen besonders.

'Und? Wie war dein Erasmusjahr?'

Der Erasmusstudent, allein gelassen mit seinen Erlebnissen, beginnt sich überdies als Fremder im eigenen Land zu fühlen. Es ist ihm unmöglich, das Erlebte mit seinem altvertrauten Umfeld zu teilen. "Wie soll man eine solch komplexe Erfahrung in ein paar Sätzen zwischen Tür und Angel zum Ausdruck bringen?", fragt sich Pauline, 21 Jahre, von denen sie eines in Irland verbracht hat.

Um sich wohler zu fühlen, laufen die Studenten den Ex-Erasmus-Vereinigungen in Scharen zu, suchen 'International Parties' heim und stürzen sich ins Abenteuer des EuroPaar-Nomadentums. Ihre Hoffnung? Ein zweites goldenes Zeitalter heraufzubeschwören.

Agnieszka Elzbieta Dabek, Generalsekretärin des Erasmus Student Network (ESN), kann davon ein Liedchen singen: "Viele Ex-Erasmusstudenten bieten sich uns als freiwillige Helfer an, als Berater oder als Organisator einer internationalen Feier. Es geht ihnen darum, die Erasmusflamme am Lodern zu halten." Domenico hält diesen Gemeinschaftsgeist zwischen aktuellen und ehemaligen Erasmusstudenten für "illusorisch". "Man sperrt die Ausländer in einen Käfig, anstatt ihnen einen Zugang zur eigenen Kultur zu verschaffen."

Erasmus, der Anfang

"Dieser Trauerprozess" zwischen Deprimiertheit und Idealisierung ist nichtsdestotrotz, so Allanic, "vollkommen normal". Solange er nicht länger als einige Wochen dauert. Dieser Coming Home Blues markiert nur den Anfang des Erwachsenseins und den Verlust einer heilen Welt. "Wenn auch alles sehr sorgfältig bedacht wurde, um die jungen Europäer zur Mobilität zu ermutigen, müsste man sich auch ein bisschen um die Rückkehr kümmern", plädiert Allanic.

Die Universitäten müssten mehr Verantwortung für die Rückkehr ihrer Studenten übernehmen und sie in der Übergangsphase begleiten, "sonst kann die Erfahrung zu einem Desaster werden. Denn ist es nicht Aufgabe der Erwachsenen, den Kindern beim Großwerden zu helfen?"