Gesellschaft

Solar Impulse: Wir fliegen in der Vergangenheit

Artikel veröffentlicht am 17. Juli 2017
Artikel veröffentlicht am 17. Juli 2017

Der Abenteurer Bertrand Piccard hat die erste Weltreise in einem Solarflugzeug gemacht. Der 59-jährige Schweizer Pilot träumte vom Fliegen ohne Treibstoff. So richtig begann das Projekt aber erst, als er wieder gelandet war. Treffen zwischen Himmel und Erde.

Cafébabel: Herr Piccard - wie kommt man auf die Idee, ein Solarflugzeug zu bauen?

Bertrand Piccard: Während meiner Weltreise in einem Heißluftballon im Jahr 1999 hatte ich jeden Tag Angst, dass mir das Gas ausging. Jeden Tag musste man Propan verbrennen, um weiterfliegen zu können. Dieser Flug hat - ohne Zwischenstopp - 20 Tage gedauert. Bei der Landung waren noch 40 Kilo flüssiges Propan übrig. Beim Start waren es 3700 Kilo. Ab diesem Zeitpunkt habe ich angefangen, vom Fliegen ohne Treibstoff zu träumen, dass unser Konsumparadigma ändern könnte: Man bräuchte weder Kraftstoffanzeige noch Limits. Man könnte einfach ununterbrochen fliegen.

Cafébabel: Das Projekt Solar Impulse war sehr kostspielig. Könnte man Ihrer Meinung nach im größeren Umfang Solarflugzeuge bauen?

Bertrand Piccard: Das kommt darauf an, was Sie unter 'kostspielig' verstehen. In 15 Jahren hat das Projekt genauso viel gekostet wie der Transfer eines Fußballspielers. Dies zur Kenntnis zu nehmen, ist interessant. Unser Projekt kostet auch 25 mal weniger als ein Formel-1-Team. Unser Team bestand aus 150 Personen und wir haben zur Wirtschaftentwicklung durch Start-Ups und KMU beigetragen, die Zulieferer waren. Wir haben auch das Geld aus dem Marketing unserer Partner in neue technologische Entwicklung gesteckt. Das wiederum hat unseren Partnern ermöglicht, ihrerseits neue Projekte mit ihren Kunden zu entwickeln. Ein interessantes Businessmodell.

Cafébabel: Wird dieses Business-Modell denn in der Luftfahrt auch anderweitig angewandt?

Bertrand Piccard: Nicht nur in der Luftfahrt, sondern überall. Covestro [Marktführer in der Herstellung hochleistungsfähriger Materialien; A.d.R.)  hat für uns einen Polyurethan-Isolierschaumstoff hergestellt, der 20% wirksamer ist als die Vorgängermodelle. Heute wird dieser Schaumstoff verwendet, um Häuser und Kühlschränke zu isolieren. Solvay [internationaler Chemie-Konzern; A.d.R.) hat ultraleichte Materialien entwickelt, die überall verwendbar sind, zum Beispiel in Spezialverkapselungen von Solarzellen. All diese Produkte werden von unseren Partnern vermarktet.

Cafébabel: Ging es eher um den eigenen Traum oder gleich darum, Technologien auf den Weg zu bringen, die auch andere weiterverwenden können?

Bertrand Piccard: Weder noch. Anfangs war es das Ziel, einen glaubwürdigen Hebeleffekt durch ein eindrucksvolles Abenteuer zu haben, um erneuerbare Energien und Clean Tech zu fördern. Ich wollte zeigen, dass Technologie die Antwort auf schier nicht zu beantwortende Fragen sein kann. Und ich wollte den Leuten auch ein bisschen Lust darauf machen, diese zu nutzen. Ich wollte, dass das in den Köpfen der Politiker und Unternehmer hängen bleibt. Das hat super gut funktioniert - und deswegen bin ich heute hier. 

Cafébabel: Ihrer Meinung nach sind saubere Energien bereits rentabel. Was hält Hersteller ab, mehr zu investieren?  

Bertrand Piccard: Die Unberechenbarkeit des rechtlichen Rahmens - weder Investoren noch Unternehmer wissen, welche Richtung sie einschlagen sollen. Wenn Sie nicht wissen, ob es eine Kohlenstoffsteuer gibt, ist es extrem schwierig, eine Business-Strategie zu entwickeln. Deswegen gibt es heutzutage eine Umkehrung des Phänomens. Damals waren die Behörden ehrgeizig und die Industrie war die Bremse. Heute wagen es die Behörden nicht, Verantwortung zu übernehmen, weil sie das Problem nicht verstehen und die Industriellen drängen, einen ehrgeizigen Rechtsrahmen aufzustellen. Auf dieser Ebene klemmt es.

Cafébabel: Kann dieser Rechtsrahmen nicht parallel zur Entwicklung neuer Technologien angepasst werden? 

Bertrand Piccard: Der Rhythmus der Gesetzgebung ist im Moment so langsam, dass die Innovation viel schneller voranschreitet. Der Rechtsrahmen muss den Bedarf an Recherche fördern. Er muss ehrgeizig sein. Aber es gibt auch einen dritten Faktor: Die Industrialisierung. Falls man drängt, diese neuen Technologien zu industrialisieren, könnte Europa den Anschluss durch schwierige Arbeitsgesetzgebung oder Beeinträchtigungen der industriellen Entwicklung verpassen. Zu diesem Zeitpunkt wäre Europa zwar 'clean' und wir hätten eine super Innovation, aber sie würde woanders hergestellt.

Cafébabel: Sie sind ein Liebhaber der Lüfte, haben die Welt im Heißluftballon umflogen. Was war an Bord der Solar Impulse anders?

Bertrand Piccard: Eine Weltreise mit einem Heißluftballon zu machen war ein persönlicher Traum. Niemand anders hat das je getan. Es war ein Wettbewerb mit amerikanischen Milliardären und ich fand es lustig, dass gerade ein Schweizer den Wettbewerb gewonnen hat. Solar Impulse ist ein nützliches Abenteuer eines anderen Kalibers. Es ist ein Projekt, das die Wahrnehmung der sauberen Energien im Denken vieler Menschen verändert hat. Plötzlich sind die Leute aufgewacht und haben sich gedacht: Wir haben die Möglichkeit, unglaubliche Dinge mit sauberen Technologien zu machen, die keine fossile Energien verbrauchen. Darin liegt der große Unterschied. Meine Weltreise mit dem Heißluftballon war zu Ende, als ich gelandet bin. Meine Weltreise im Solarflugzeug hat erst richtig begonnen, als ich gelandet bin. 

Cafébabel: Wie lief die Zusammenarbeit mit Co-Pilot André Borschberg?

Bertrand Piccard: Wir haben zusammen ein Buch geschrieben, Objectif soleil, um zu zeigen, wie wir gelernt haben, ergänzend und synergisch zusammen statt gegeneinander zu arbeiten. Bei einem Projekt wie Solar Impulse können Sie nicht alleine am Projekt arbeiten, vor allem bei der Komplexität der modernen Welt. Wenn man mit jemandem zusammenarbeitet, der anders ist als man selbst, fast gegensätzlich, dann zwingt man sich, sich in Frage zu stellen oder kreativ zu werden, weil man auf jeden Fall andere Inputs im Entscheidungsverfahren hat. André und ich haben schnell gemerkt, dass das Projekt weder nur mit meinen noch nur mit seinen Weltanschauungen funktioniert hätte, sondern dank einer dritten Weltanschauung, die durch die Reibung unserer beiden Weltanschauungen entstanden ist. Ich denke, dass Solar Impulse deswegen Erfolg hatte.     

Cafébabel: Was war für Sie die markanteste Etappe des Fluges?

Bertrand Piccard: Ich habe den zweiten Teil des Pazifiks zwischen Hawaii und San Francisco geliebt. Das war meine erste Ozeanüberquerung. Am 22. April 2016 war auch der 'Erdtag' und ich war live per Satellitentelefon mit Ban Ki Moon (UN-Generalsekretär, A.d.R.) in dem Saal, wo die Staatsoberhäupter das Pariser Abkommen unterschrieben haben, verbunden. Die symbolische Kraft dieses Anrufs war für mich fantastisch. Aus diesem Grund habe ich das Projekt eingeleitet. Der Pioniergeist des Projekts Solar Impulse sollte auf die politische Debatte abfärben. 

Cafébabel: Mit den Elektromotoren ist die Reise sicher sehr still verlaufen. Wie fühlt sich das an?

Bertrand Piccard: Es gab ein leises Pfeifen. Anfangs hatte ich den Eindruck, in der Zukunft zu sein, wie in einem Science-Fiction Film. Dann habe ich erkannt, dass Solar Impulse gar nicht in der Zukunft ist, sondern, dass die Welt in der Vergangenheit lebt. Mit seiner sauberen Energie und den Solarbatterien ist Solar Impulse in der Gegenwart angekommen. Der Rest der Welt lebt mit seinen Verbrennungsmotoren, seinen schlecht isolierten Häusern, seinen archaischen Wärmeverteilungssystemen usw. in der Vergangenheit. Es ist echt erbärmlich. Jede Landung empfand ich als einen Rückschritt in diese Vergangenheit. 

Cafébabel: Was würden Sie jungen Menschen sagen, die Dinge bewegen wollen?

Bertrand Piccard: Sie müssen die Sprache derjenigen sprechen, die sie überzeugen wollen. Reden Sie mit Unternehmern, die am Ende des Monats 100 000 Gehälter überweisen müssen, nicht über Umweltschutz. Das wollen die nicht hören. Sprechen Sie nicht über längerfristige Lösungen mit Menschen, die jetzt Probleme zu lösen haben. Reden Sie nicht über die Schönheit der Natur mit denjenigen, die ihr Unternehmen zum Laufen bringen müssen. Schauen Sie, was im Umweltschutz kurzfristig rentabel ist, was Arbeitsstellen schafft, Sicherheit bietet und ermöglicht, dass Politiker wiedergewählt werden. Wertschätzen Sie diese Seiten des Umweltschutzes, um Menschen zu überzeugen, ansonsten wird es Ihnen nicht gelingen. Es ist super, eine langfristige Vision zu haben, aber es muss schon kurzfristig zu spüren sein. Wie ich heute sage: man muss eher logisch als ökologisch sein.