Gesellschaft

Soft Revolution: Italiens Frauenmag zum Abregen

Artikel veröffentlicht am 9. März 2016
Artikel veröffentlicht am 9. März 2016

Ursprünglich war es nur ein gemeinsamer Blog von drei jungen Italienerinnen. Aber zunehmend mischt sich das Webzine Soft Revolution in die Feminismusdebatte des Landes ein. Sanfte Revolution? Die Seite soll Frauen, die sich nicht mit den Stereotypen der Frauenzeitschriften zufriedengeben wollen, eine Stimme geben.

Im Januar 2011 taucht in den unendlichen Weiten des italienischen Internets eine Seite mit revolutionärer Einstellung auf, nicht nur dem Namen nach: Soft Revolution soll „ein Webzine für junge Frauen, die sich mal abregen sollten“ sein, das in den kommenden Jahren noch von sich reden machen sollte. Auf den Seiten wird über Popkultur und vor allem über Feminismus diskutiert. Hinter dem Projekt steht das „Gründertrio“ Margherita Ferrari (Jahrgang 1987), Valeria Righele (1988) und Marta Corato (1990).

Der Blog, mit dem alles begann, sollte sich mehr und mehr zu einem strukturierten Magazin mit einem ein sehr präzisen Ziel mausern. Es rückt Frauenthemen und Frauengesichter, die offen über Feminismus sprechen, ins Rampenlicht. Neben der Berliner Frauenporno-Bewegung PorYes geht es diese Woche auch um Beyoncé, den Comic Bitch Planet oder die Smartphone-App Lifeline, mit der man Geschlechterklischees bekämpfend durchs All jetten kann.

Heute belebt Soft Revolution die Debatte über die Gleichberechtigung in Italien mit einem Ansatz, der Nachahmer sucht: In der italienischen Weblandschaft ist das Magazin quasi allein unterwegs, wenn es die Stimmen von jungen Frauen einfängt, die sich nicht mit den von Frauenzeitschriften verbreiteten stereotypen Bildern zufriedengeben wollen. Eine gute Mischung aus Autorinnen, die kein Blatt vor den Mund nehmen, und einer starken Community auf den Social Media Kanälen machen die sanfte Revolution möglich.

„Es ist in Italien immer noch schwierig, über diese Themen zu sprechen.“

Valeria und Marta leiten das Magazin seit fünf Jahren, Margherita hat sich von der Geschäftsführung zurückgezogen, arbeitet aber weiterhin mit an der Seite. Das Projekt hat keinen festen geografischen Sitz und vereint heute um die dreißig Autorinnen und Illustratorinnen. „Wir kommen alle drei aus Vicenza und sind unterschiedlich alt. Wir können in unserem Fall keine romantischen Anekdoten à la 'Wir haben uns immer in der gleichen Bar getroffen' oder 'wir waren in unserer Freizeit zusammen'“, erzählen, so Valeria.

„Margherita war schon länger Bloggerin und bei uns eine Art Berühmtheit. Sie hatte bereits vor Soft Revolution das Buch Guide pratiche per adolescenti introversi (Einaudi 2005, auf Deutsch etwa „Praktischer Ratgeber für introvertierte Jugendliche“) veröffentlicht. Über dieses Buch haben sich dann auch Margheritas und Martas Wege gekreuzt. Marta hatte das Buch gelesen und teilte seine unbequeme und ironische Weltsicht, die auch der Generation der „Nullerjahre“ aus der Seele sprachen.

 „2010 waren wir an der Uni und suchten nach einem intelligenten Medium für Nachrichten und Kulturkritiken, das Mädchen und Frauen einbezieht, einen ironischen Ton hat und sich gut liest. Vorbilder waren das amerikanische Bitch Magazine oder das historische Sassy. Wir suchten etwas Ähnliches in Italien. Aber da gab es nichts. Und dann haben wir eben beschlossen, es selbst zu machen“.

Der Weg zur Plattform, die sich auch durch eine gute Dosis Aktivismus auszeichnet, war kein einfacher. Zumindest gab es nicht gleich positives Echo. „Wir wissen gut, wie schwer es in Italien ist, über diese Themen zu sprechen. Es reicht schon, in seinem Lebenslauf zu erwähnen, dass du Aktivistin bist und du wirst direkt abgestempelt. Und dann gab es eines Tages eine enorme Resonanz auf unseren Artikel ‚Essere grassa d'estate (Fett im Sommer). Er wurde so oft geteilt und gelesen, dass wir uns gefragt haben, ob wir nicht mehr über Körpergefühl und Selbstakzeptanz schreiben sollten. Öfter als wir es bis dahin getan hatten? Ja. Aber es gibt natürlich tausend andere heikle Themen, über die noch gesprochen werden muss.“

Marta setzt noch einen drauf: „Für mich ist es die größte Herausforderung, die nahezu verinnerlichte Frauenfeindlichkeit zu bekämpfen - wie viele Leute nennen Frauen immer noch „troia“ - „Huren“? Viele Italiener, auch mir selbst rutscht es manchmal raus. Man sollte sich von diesen Sprücheklopfer(inne)n nicht verunsichern lassen.“

Vorbilder sind das Wichtigste

Ein “Webzine zum Abregen“ - die Formate der Seite sind unverwechselbar, nicht nur durch Empfehlungen für CDs, Bücher und Veranstaltungen, die die Feminismusdebatte bereichern. Sondern auch die so genannten Appreciation moments (Momente der Anerkennung): Artikel, in denen Vorbilder vorgestellt werden und von wertvollen Momenten erzählt wird. „Diese Leben als Beispiel heranzuziehen ist oft effektiver als jede Redekunst. Deshalb ist es wichtig, in die Vergangenheit zu blicken und von denen zu lernen, die vor uns in dieser Schlacht gekämpft haben“. „Der Gedanke: 'Wenn sie das geschafft hat, schaffe ich das auch!' hilft mir immer“, fügt Marta hinzu.

Ein weiteres Markenzeichen der Soft Revolution sind die Erfahrungsberichte in der ersten Person, die von Diskriminierung erzählen. Es ist eine Sektion, auf die Marta und Valeria besonders stolz sind: „Wir wussten, dass wir zunächst authentische Erfahrungen erzählen müssen. Es bringt den Feminismus voran, wenn man die Probleme ans Licht bringt, die auch die Leserinnen kennen. Wir glauben, dass Feminismus eine Frage der Gleichberechtigung und Inklusion ist. Deshalb muss man auch den Menschen das Gefühl geben, weniger allein und genauso wichtig wie alle anderen zu sein“. „Es hat mir immer zu schaffen gemacht, dass ich eine perfekte Feministin sein wollte, die niemals Fehler macht“, fügt Marta hinzu. „Ich denke, wenn wir zeigen, wie wir Feminismus im Alltag leben, hilft das anderen, einen Schritt auf uns zuzugehen. Sich als legitimer Teil einer Bewegung und nicht als Feministin zweiter Klasse zu fühlen.

Die Entscheidung, die Seite auf freiwilliger Beteiligung von Frauen zwischen 15 und 30 Jahren aufzubauen, war deshalb auch nicht ganz zufällig. „Es ist eine Frage der Modelle. Vorbilder stehen nicht auf einem Podest: sie sind auch füreinander Vorbilder. Als wir Soft Revolution kreiert haben, wollten wir uns an junge Frauen richten. Gerade Mädchen, die sich daran gewöhnt haben, von den Medien ignoriert zu werden, wollten wir sagen: „Wir sind hier, wir hören euch, aber vor allem respektieren wir euch“. Ich glaube, dass die meisten Mädchen die Erfahrung teilen, als Jugendliche oder junge Erwachsene keine Stimme zu haben. „Wir sind machtlos, weil man uns für unfähig hält“. Also haben wir beschlossen, eine junge und weibliche Redaktion zu gründen, um genau das zu ändern“.

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MindTheGap präsentiert #Sheroes, eine Porträtserie über junge Menschen in Europa, die sich für Gleichberechtigung und gegen Diskriminierung stark machen.  

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Ich bin ein Mailänder. Dieser Text stammt von der cafébabel-Lokalredaktion in Mailand.