Gesellschaft

„Sobald es Probleme gibt, wird UNIFIL abziehen“

Artikel veröffentlicht am 24. Oktober 2006
Im Magazin veröffentlicht
Artikel veröffentlicht am 24. Oktober 2006
Die UN-Truppen im Libanon werden von der Bevölkerung mit gemischten Gefühlen empfangen.

„Es hing von den europäischen Truppen ab, ob der Krieg weitergehen würde oder nicht“ – so denken viele Libanesen.

Der Krieg zwischen Israel und dem Libanon dauerte insgesamt 34 Tage. Am 15. August wurde er offiziell beendet. Danach zog die United Nations Interim Force in Lebanon (UNIFIL) in den Libanon. Die meisten Einheiten stammen aus der Türkei, aus Frankreich, Italien und Spanien.

Ihre Truppenstärke wurde inzwischen auf 5200 Mann erhöht. Die Soldaten werden bei „feindlichen Übergriffen“ auch mit Waffengewalt reagieren. Sie sollen Straßenkontrollen durchführen und die libanesische Armee dabei unterstützen, Waffenschmuggel zu verhindern.

Die Panzer aus dem Westen und riesigen Kräne mit der Aufschrift „UN“ gehören inzwischen genauso zum Stadtbild von Beirut wie die legendären Dauerstaus. Was aber denken die Bewohner in der libanesischen Hauptstadt? Trauen sie den Europäern zu, den Frieden wieder herzustellen?

„Die Europäer bringen uns Sicherheit“

Hussein, 30, der für eine internationale Nichtregierungsorganisation im Libanon arbeitet, fühlt sich mit der UNIFIL „eher wohl. Das wird der Region wirtschaftlich zu Gute kommen.“ Experten schätzen, dass allein das französische Kontingent innerhalb von sechs Monaten bis zu einer Million Dollar ins Land bringen wird. „Es wird keine Probleme mit der Hisbollah geben“, fügt Hussein hinzu. „Aber nur, wenn die UNIFIL da ist, um der libanesischen Armee zu helfen, und nicht, um Israel zu schützen.“

Der 70-jährige sunnitische Händler Abou Nour hat lange in Deutschland und Griechenland gelebt. Er betont, dass Libanesen und Europäer sich nahe stünden. Nour zitiert ein lokales Sprichwort: „Mit meinem Bruder gegen meinen Cousin, aber mit meinem Cousin gegen den Fremden – Die Europäer sind für uns ein wohl gesonnener Cousin, der uns Sicherheit bringt.“

Rima, 40, arbeitet als Verwaltungsdirektorin in der Niederlassung einer westlichen Firma in Beirut. Sie ist den „von allen ungeduldig erwarteten“ Truppen dankbar. „Starke europäische Truppen sind hier die einzige Sicherheitsgarantie“, sagt sie.

Zwischen 1975 und 1990, während der Zeit des libanesischen Bürgerkriegs, lebte Rima in Beirut. Doch sie will keine Parallele zu dem Versagen der internationalen Eingreiftruppe von damals ziehen: „In den 80er Jahren war es ein rein libanesischer Konflikt. Heute muss die UNIFIL neutral bleiben. Ich vertraue auf das Versprechen der Europäer, dass sie dem Nahen Osten wohl gesonnen sind. Und vor allem auf Frankreich, dem einzig wahren Freund des Libanon.“

Rahib, 27, gehört zur drusischen Minderheit im Libanon. Der junge Ingenieur hat im vergangenen Jahr an den Demonstrationen teilgenommen, die zum Rückzug Syriens geführt haben. Für ihn „gab es keine andere Möglichkeit, als die UNIFIL ins Land zu lassen. Sie nimmt der Hisbollah ihre Daseinsberechtigung und schützt uns zugleich vor der Rückkehr der Syrer. Die europäischen Truppen sind am glaubwürdigsten. Die USA stehen auf der Seite Israels und arabischen Militärs würden immer einen Grund finden, um Damaskus eingreifen zu lassen.“

„Es ist nie gut, fremde Truppen im Land zu haben“

„Mir wäre lieber gewesen, wenn es hier nur die libanesische Armee mit Integration der Hisbollah gäbe. Denn die UNO wird von den USA kontrolliert“, erklärt Rami, 24. Obwohl Christ, ist er offen für die Hisbollah. Auch seine Feindseligkeit gegenüber der UNIFIL versteckt er nicht: „Selbst wenn die Europäer besser akzeptiert werden als die Amerikaner, ist es doch nie gut, fremde Truppen in seinem Land zu haben. Die handeln immer nur in ihrem eigenen Interesse.“

Fouad ist 25 und arbeitet als Ingenieur. Während seiner Zeit als Studentenführer war der junge Christ von Syrern gefangen genommen worden. Für ihn ist UNIFIL „ein positives Element, das wir schon lange nötig hatten. Aber ich fürchte, dass die Truppen abziehen werden, sobald es Probleme gibt. So war es bei jedem Eingriff des Westens seit der Unabhängigkeit.“

Fotos: MB