Gesellschaft

Slow Journalism-Blog aus Holland: Der Europaversteher

Artikel veröffentlicht am 20. Februar 2013
Artikel veröffentlicht am 20. Februar 2013
Ein Niederländer trifft er einen Griechen auf Jobsuche in Norwegen. Nein, das ist kein Witz, sondern der Anfang einer journalistischen Selbststudie um herauszufinden, wie Europa funktioniert. Was wissen wir eigentlich über den Alten Kontinent und die Institutionen im fernen Brüssel?
Auf seinem Blog „Inside Europe“ will Koen Machielse nicht nur an der Oberfläche kratzen, sondern seine Leser an der Hand nehmen, um gemeinsam näher hinzusehen.

Wir sehen uns heutzutage gern als kritische und stolze Bürgerinnen und Bürger. Das liegt vor allem an der Medienpräsenz, an modernen Industrien, die ein Spiegel unserer selbst sind, und an der Kommunikationstechnologie, die interessante Wissensquellen eröffnet. Gespeist durch Wissen aus ebendiesen personalisierten Quellen haben wir immer eine Meinung, sei es zum Mann an der Straßenecke oder zu einem Politiker. Wir denken, wir wüssten alles, zu allen möglichen Themen. Das soll keine Kritik sein, im Gegenteil - manchmal macht das ja auch Spaß. So sind wir sogar Experten für das heutige Europa.

Ein Grieche in Norwegen

In Oktober 2012 reiste ich auf die Lofoten (Inselgruppe vor der norwegischen Küste), um meinen Kopf frei zu kriegen und die berauschende Natur zu erleben. Gegen Ende meiner Reise traf ich auf einen griechischen Familienvater in den Dreißigern. Da die Finanzkrise sein Heimatland besonders schwer getroffen hat (die Arbeitslosigkeit war in Griechenland im Jahre 2012 mit mehr als 26% die höchste in der gesamten EU), war er auf die weit von der EU entfernte, kalte und windige Insel gekommen, auf der Suche nach einem besseren Leben. Die Arbeitslosenrate in Norwegen liegt bei ca. 3%. Zuerst versuchte er es in Oslo, wurde jedoch überall, wo er anklopfte, abgewiesen. Einige rieten ihm, auf die Lofoten zu gehen. „Da gibt es überall Fische, Fischer werden die ganze Saison gebraucht.“, hieß es. So zog er los, wenig Geld in der Tasche, auf der Suche nach etwas Besserem.

Wir wohnten in derselben Unterkunft, zusammen mit zwei weiteren Gästen aus Holland. Wir besprachen seine schwierige Situation: außerhalb der Saison wurden keine Fischer gebraucht. Drinnen genossen die Einheimischen ihre warmen Häuser und ihr Essen. Am letzten Tag meines Urlaubs gingen der Grieche und ich zusammen ins Stadtzentrum. Er wollte versuchen, Arbeit in der örtlichen Fischfabrik zu bekommen. Dort werden die Fische für den Export gereinigt und zugeschnitten. Als mein Bus losfuhr, war er schon wieder auf dem Rückweg. Die Fabrik war geschlossen.

"Unsere" Europäische Union?

Einmal fragte mich der Grieche, ob Amsterdam eine Option für ihn sein könne. Ich entgegnete, dass derzeit sogar jüngere Leute mit guter Ausbildung Schwierigkeiten hätten, einen Job zu finden. Er nickte höflich. Es würde mich jedoch nicht wundern, wenn er eines Tages in meiner Heimatstadt durch die Straßen liefe. Naivität und Überlebenswille gehen oft Hand in Hand, glaube ich. Der Grieche war durch Frankreich, Deutschland, Dänemark und Schweden gereist, um nach Norwegen zu kommen. Die 27 EU-Länder unterscheiden sich ziemlich: einige stehen am Rande des wirtschaftlichen Zusammenbruchs, andere versuchen alles, um der Union beitreten zu können, ein paar sind in der Führungsriege und manche, wie mein eigenes, befinden sich mitten in einer Identitätskrise. Ein Cocktail aus unterschiedlichen Kulturen. Und mittendrin ein Mann aus Griechenland auf seiner Suche nach einem besseren Leben.

Welche EU?

Wer bestimmt die EU? Wer arbeitet dort? Was passiert dort jeden Tag? Weißt du’s?

Auf der Überfahrt zum Festland fragte ich mich: Was weiß ich eigentlich über diese Union, in der wir leben? Ich reise viel. Ich war einmal in Brüssel (wegen seiner Weihnachtsmärkte und gemütlichen Kneipen). Die Meinungsmacher behaupten, dass die belgische Hauptstadt jedes Jahr mächtiger wird. Auf der theoretischen Ebene fällt es mir ziemlich leicht, die Arbeit der politischen Institutionen nachzuvollziehen - aber was weiß ich wirklich darüber, wer oder was die Wirklichkeit um uns herum prägt? Obwohl die EU als System mehr und mehr Macht gewinnt, scheint mich das nicht wirklich zu interessieren. Andere haben klarere Meinungen. „Die EU gibt unser Geld aus“, heißt es da. Frag doch mal diejenigen, die die Entwicklung Europas genau verfolgen. Dann erhältst du Antworten: zu Europas Zukunft, zu politischen Strategien, zur Alltagspolitik. Allesamt ein Spiegelbild der knappen Medienanalysen. Wenn du allerdings nach Details fragst, danach, was die Leute in Europa tatsächlich machen, folgt Schweigen. Die Anzahl der Korrespondenten in Brüssel wurde verringert. Es wird über die Politik berichtet, aber nicht darüber, wie das System Europa wirklich funktioniert. Könnte ein Slow Journalism-Blog dazu beitragen, herauszufinden, wer die EU bestimmt? Wer arbeitet dort und was passiert dort jeden Tag? Weißt du’s?

Zurück in Amsterdam wurde mir bewusst, dass ich die Gelegenheit verpasst hatte, ausführlicher mit dem Griechen zu reden. Was denkt er über Europa, was sagt er zu Europas Zukunft und zu seiner 'Einheit'? Weiß er etwas darüber, wie Europa funktioniert? Über die Leute, die seine Wirklichkeit mit bestimmen? Oder ist das für ihn ein Luxusthema, da ganz andere Prioritäten sein Leben bestimmen? Ich glaube, dass seine Meinung mindestens genauso interessant wäre, wie die Stimmen der Experten und Politiker, die jetzt die Europa-Debatte prägen. Etwas mehr Demokratisierung würde unseren Meinungen nicht schaden. Wir sollten miteinander reden, nicht zueinander sprechen. Daran würde unser individuelles Wissen keinen Schaden nehmen.

Lest hier mehr über das Manifest des Autors für einen neuen EU-Blog und teilt eure Meinung hier direkt mit.

Fotos: Teaser (cc)blog100days/Kinzica e Alessandro/100days.it/flickr; im Text: mit freundlicher Genehmigung von ©KMachielse