Gesellschaft

SINGA: Flüchtlinge sollen sich wie zuhause fühlen

Artikel veröffentlicht am 23. September 2015
Artikel veröffentlicht am 23. September 2015

Tausende Flüchtlinge kommen in Europa an. Zunächst werden sie in Lagern untergebracht und müssen lange ohne Arbeit und eigene Wohnung auskommen. Die französische Organisation SINGA hat das Projekt CALM gestartet, das Flüchtlinge in Kontakt mit Menschen bringt, die ihnen ihre Wohnung anbieten. Cafébabel hat mit Guillaume Capelle gesprochen, einer der Direktoren von SINGA.

cafébabel: Was ist SINGA eigentlich?

Guillaume Capelle: SINGA ist eine Bürgerbewegung, die 2012 gegründet wurde. Die Idee ist, Flüchtlinge mit der Gesellschaft des Gastlandes durch Leidenschaft und Projekte zu verbinden. Wir bringen Leute mit gleichen Interessen durch Veranstaltungen, die über das ganze Jahr verteilt sind, zusammen. Wir bilden ebenfalls Tandems, damit die Flüchtlinge die Sprache und die soziokulturelle Situation kennenlernen, oder Projekte starten. Im Moment verwalten Nathanael Molle, Alice Barbe und ich die Organisation und versuchen den Überblick zu behalten. Insgesamt arbeiten aber acht Personen an SINGA und wir sind glücklich über die Unterstützung von einigen Freiwilligen.

cafébabel: Wie entstand die Idee, SINGA zu gründen?

Capelle: Nathanael und ich kamen zurück von Auslandsaufenthalten. Ich war in Australien, er in Marokko. Wir haben festgestellt, dass Flüchtlinge nur in Kontakt mit lokalen Personen waren, die für Geld ihre Hilfe anboten. Also, sie kennen jemanden im Zentrum, der ihnen Arbeit beschafft und sie kennen jemanden, der ihnen hilft eine Wohnung zu besorgen. Es gab folglich keine Möglichkeit, um neue Freunde zu finden. Wir haben dann angefangen unser Projekt aufzubauen, damit die Leute sich begegnen können. Wenn wir über den Arbeitsmarkt sprechen, haben wir die Überzeugung, dass das Asyl eine große Quelle für Innovationen ist, für die Gesellschaften, in denen die Flüchtlinge ankommen.

cafébabel: Welche Struktur hat SINGA?

Capelle: Es ist eine Organisation, die nicht gewinnorientiert und sehr vielschichtig ist. Viele Personen bauen gerade Projekte im Rahmen von SINGA auf. Wir ermöglichen somit die Entstehung von verschiedenen Strukturen, auch soziale Unternehmen. Wir sind zum Beispiel dabei ein Co-Working-Projekt für internationale und interkulturelle Projekte zu erstellen. Das wird sicher die Form einer Aktiengesellschaft annehmen.

cafébabel: Welche Projekte stellt SINGA für Flüchtlinge auf die Beine? Wie werden Geflüchtete in die Organisation integriert?

Capelle : SINGA ist kein Projekt für Flüchtlinge. Es ist ein Gesellschaftsprojekt. Wir wollen keine Wohltätigkeitsorganisation sein. Wir bieten vielmehr Veranstaltungen für jedermann an. Wenn wir Yoga machen, ist jeder eingeladen. Die Leute, darunter Flüchtlinge, treffen sich und das führt zu Integration. Aber es ist kein Integrationsprogramm. Wir bieten auch Betreuung an, für Personen, die Französisch lernen möchten. Wir bringen sie mit französischen Studenten zusammen. Sie verbringen anderthalb Stunden pro Woche, um sich auszutauschen und so das Vokabular zu vertiefen. Es handelt sich immer um Zweier-Tandems. Letztendlich erhalten wir eine Gemeinschaft, die selbst Dinge vorschlagen kann, auch die Flüchtlinge können ihre Ideen einbringen.

cafébabel: Ein wirksames Mittel zur Integration ist Arbeit. Bietet ihr auch Hilfe in diesem Bereich?

Capelle: Ja, wir bieten eine Berufsbegleitung an. Wir versuchen in der Gemeinschaft von SINGA Personen zu finden, die Ratschläge zum Erstellen eines Lebenslaufs oder eines Motivationsschreibens geben können. Andere können Kontakte vermitteln oder das französische Arbeitssystem erklären. Es sind hauptsächlich Projekte, die einen großen räumlichen oder sozialen Einfluss haben und von Unternehmern getragen werden. Im Moment ist der Vorgang in der Region Ile-de-France simpel: Man schlägt uns Projekte vor und wir geben unser Okay.

cafébabel: Immer mehr Flüchtlinge finden kein Dach über dem Kopf. Ihr habt das Projekt CALM (Comme à la maison – Wie zuhause) gestartet, um ihnen zu helfen. Wie und wann ist die Idee zustande gekommen?

Capelle: 2013 haben wir eine Studie in 15 Ländern gemacht, zur Nutzung der neuen Informations- und Kommunikationstechniken durch Flüchtlinge. Wir haben dadurch viele verschiedene Initiativen gefunden. In Australien gibt es eine App, die Studenten mit Gastfamilien in Verbindung bringt. Seit 2012 steht der Dienst auch für Flüchtlinge zur Verfügung. Die Ergebnisse sind unglaublich. Die Leute bauen sich viel schneller als üblich ein soziales und berufliches Umfeld auf. Das hat uns inspiriert, ein ähnliches Projekt in Frankreich zu starten. Im Januar 2015 haben wir ein Event für Entwickler zum Thema Asyl veranstaltet. CALM war eines der acht vorgestellten Projekte und hat dann den Preis der Jury gewonnen.

cafébabel: CALM bringt Wohnungssuchende und Anbieter zusammen. Wie verläuft die Vermittlung ab?

Capelle: Die Personen, die eine Wohnung suchen und die Anbieter füllen einen Fragebogen aus, um die geografische Zone, Essgewohnheiten oder Interessensgebiete zu ermitteln. Ein Algorithmus bringt zueinander passende Personen dann automatisch zusammen.

cafébabel: Wie viele Wohnungsanbieter sind bei CALM registriert?

Capelle: Das Projekt ist vor zwei Wochen gestartet und bisher haben wir etwa 60 Personen vermitteln können. Die Anbieter sind Familien, Alleinstehende oder Wohngemeinschaften. Viele erwarten von uns, dass wir sofort 5000 Personen vermitteln, aber wir wollen es gut machen und qualitativ gute Unterkünfte bieten. Die Profile der 7000 Anbieter unterscheiden sich stark. Es gibt Leute, die ihre Ferienwohnung anbieten, andere registrieren sich mit ihrem Pariser Apartment oder stellen ihre Farm auf Korsika zur Verfügung. Wir haben nicht die Zeit, um uns alle Wohnungen anzusehen, aber trotzdem verlangen wir Bilder. Ebenfalls wollen wir, dass die Beteiligten eine Art Ausbildung absolvieren. Wir organisieren das erste Treffen, um herauszufinden, ob die Personen zusammenpassen.

cafébabel: Kannst du die Zahl der Wohnungssuchenden einschätzen? Werdet ihr alle vermitteln können?

Capelle: Wir arbeiten zusammen mit Aufnahmelagern für Asylsuchende, wo viele Flüchtlinge auf die eigenen vier Wände warten. Einige Tausend Menschen bleiben über Monate in den Lagern. Es ist schwierig eine genaue Zahl zu geben, denn es gibt darüber keine Statistiken und keine Zentrale stellen, die Personen ohne Wohnung erfasst. Viele Flüchtlinge wohnen auch seit Monaten bei Freunden auf der Couch. In Frankreich zählen wir im Moment rund 14500 Flüchtlinge und 1000 Plätze in den Gemeinschaftsunterkünften.

cafébabel: Was plant ihr für die Zukunft? Wie wollt ihr CALM weiterentwickeln und verbessern?

Capelle: Wir werden eine Onlineplattform à la Couchsurfing erstellen. Wir hoffen, dass sie noch vor Dezember fertig sein wird. Ein Unternehmen hat uns angeboten, sie kostenlos zu erstellen.

cafébabel: Seid ihr zufrieden mit dem bisherigen Verlauf des Projekts?

Capelle: Bisher läuft es gut. Es ist allerdings schwierig, sich die Zeit zu nehmen, um alles so gut wie möglich zu machen. Wir sind im Moment sehr gefragt in ganz Frankreich. Viele stehen unter Druck und wollen, dass es schnell weiter geht. Wir verstehen das, in Anbetracht dessen, dass es eine Notfallsituation ist. Wir haben eher eine Vision auf lange Sicht, wir wollen nicht nur aus Mitgefühl handeln. Wir wünschen uns, dass sich der Blick der Gesellschaft auf Flüchtlinge in 10 bis 15 Jahren komplett verändert hat. All das braucht Zeit. In den kommenden Wochen werden wir unser Angebot in ganz Frankreich ausbreiten. Wir beginnen in Lyon, Nantes, Lille und Montpellier.

cafébabel: Denkst du, dass die Politik genug tut, um Flüchtlingen zu helfen?

Capelle: SINGA hat keine politische Botschaft. Wir überlegen, wie sich unsere Gesellschaft verändern kann. Es ist eine politische Entscheidung, zu sagen, ob wir die Kapazitäten haben, um mehr Flüchtlinge aufzunehmen. Wir stellen fest, dass vier Millionen Menschen auf der Flucht sind und es gibt Länder wie den Libanon, der eine Millionen Menschen aufnimmt. Bei uns zählen wir 24 000 aufgenommene Personen. Das ist im Vergleich natürlich sehr wenig. Wir sind interessiert daran, dass die Leute, die hier ankommen, die Möglichkeit haben, ein neues Leben zu beginnen.