Gesellschaft

Sexuelle Belästigung in Edinburgh: Raubtiere auf dem Campus

Artikel veröffentlicht am 4. Juli 2014
Artikel veröffentlicht am 4. Juli 2014

Ende 2013 wurde die Uni­ver­si­tät Edin­burgh „of­fi­zi­ell fe­mi­nis­tisch“. Doch über wel­che Mit­tel ver­fügt sie im Kampf gegen se­xu­el­le Be­läs­ti­gun­gen unter den Stu­den­ten. Zwi­schen lad cul­tu­re, Ro­bin Thi­cke und gro­ßem Un­ver­ständ­nis: wir waren auf dem Cam­pus. Der Kampf ist noch nicht ge­won­nen.

Ende 2013 stimm­te die Stu­den­ten­ver­ei­ni­gung der Uni­ver­si­tät Edin­burgh (EUSA) ein­stim­mig für einen An­trag na­mens fe­ma­le so­cie­ty. Nach­voll­zieh­bar, wie ei­ni­ge Mo­na­te spä­ter eine Um­fra­ge zeig­te. Eine von drei be­frag­ten Stu­den­tin­nen waren be­reits Opfer se­xu­el­ler Be­läs­ti­gung ge­wor­den. Die Um­fra­ge ergab auch, dass 61% der 781 be­frag­ten Stu­den­tin­nen ihr Ver­hal­ten in der Stadt ge­än­dert hät­ten, da sie sich nicht si­cher fühl­ten. Diese Zah­len las­sen es einem kalt den Rü­cken her­un­ter­lau­fen. Aber warum sind die Stu­den­tin­nen der Uni Edin­burgh be­son­ders be­trof­fen? Auch wenn diese Zah­len ein grund­le­gen­des Pro­blem auf­de­cken,  ist es schwer für die Frau­en­recht­ler eine klare Ur­sa­che zu iden­ti­fi­zie­ren und ihre Kom­mi­li­to­nen zu mo­bi­li­sie­ren.

„Ich denke ich hatte gro­ßes Glück noch nicht Opfer se­xu­el­ler Be­läs­ti­gung ge­we­sen zu sein, doch es wäre naiv zu sagen, es gäbe da kein Pro­blem“, gibt Ca­thri­ne, die 21 Jahre alt ist, zu. Sie stu­diert Lin­gu­is­tik in Edin­burgh. Auf einer Couch in der Haupt­hal­le der Uni­ver­si­tät sit­zend, kom­men trotz­dem ei­ni­ge Er­fah­run­gen hoch, die sie als Kell­ne­rin in einem Pub um die Ecke na­mens „The Hive“ (dt. ‚Bie­nen­stock‘) mach­te. Sie wurde dort nicht ge­ra­de wie eine Kö­ni­gin be­han­delt. „Ich krieg­te an­züg­li­che Kom­men­ta­re von der an­de­ren Seite der Theke ab. Ban­den von Ker­len, die sich über dein Aus­se­hen un­ter­hal­ten und se­xu­el­le Kom­men­ta­re ab­las­sen.“ Auch von Kun­den gab es be­reits meh­re­re Be­schwer­den wegen Be­läs­ti­gun­gen, eine davon gab es sogar auf der Face­book-Sei­te des Pubs zu lesen, aber die Äu­ße­rung wurde in­zwi­schen ge­löscht. 

LAD-KUL­TUR IN Rein­form

Für die Fe­mi­nis­tinnen und Fe­mi­nis­ten, die gegen se­xu­el­le Be­läs­ti­gung an­kämp­fen, lässt sich die­ses Ver­hal­ten in zwei Wor­ten zu­sam­men­fas­sen: lad cul­tu­re. Ein hy­per-mas­ku­li­nes Ver­hal­ten, das ge­prägt ist durch Se­xis­mus, Ho­mo­pho­bie und viel Al­ko­hol. Es ist be­son­ders ver­brei­tet unter den jun­gen Stu­den­ten, ins­be­son­de­re im sport­li­chen Um­feld von Fuß­ball- oder Rug­byteams. Der Aus­druck lad steht für Jungs, die es für cool hal­ten, das an­de­re Ge­schlecht als Ob­jekt zu be­trach­ten. Ein Ste­reo­typ, der sich leicht unter den Stu­den­ten aus­ma­chen lässt.  Na­ta­lia ist 22 Jahre alt und stu­diert Phi­lo­so­phie und Po­li­tik. Sie be­schreibt diese Kul­tur als ein Ver­lan­gen nach „Macht“, „als ein Druck männ­lich auf­zu­tre­ten“  der „es Män­nern er­laubt, sich für ihr Ver­hal­ten nicht ver­ant­wort­lich zu füh­len und Miss­brauch zu le­gi­ti­mie­ren“.

„Der Be­griff be­zeich­net ein be­stimm­tes Ver­hal­ten“,  sagt Stacey De­vi­ne von der NUS Scot­land (Na­tio­nal Union of Stu­dents), die sich selbst als „mas­si­ve Fe­mi­nis­tin“ be­zeich­net. Sie be­dau­ert die Ba­na­li­sie­rung des „lad“- Den­kens, das mehr und mehr in Face­book-Grup­pen wie  Uni Lad zu fin­den ist. Die Seite ist über­schwemmt von ex­pli­zit se­xis­ti­schen Fotos und Wit­zen. „Diese Kom­men­ta­re wer­den als harm­lo­se Späße ge­se­hen. Die nied­ri­ge Hemm­schwel­le, sol­che Mei­nun­gen zu ver­tre­ten zeigt, dass diese Kul­tur nor­ma­li­siert wird. Es be­ein­flusst die Män­ner.“ Sarah Moff­at ge­hört dem fe­mi­nis­ti­schen Zweig der EUSA. Sie gibt zu, dass die lad-Kul­tur schwer zu de­fi­nie­ren ist. Es ist je­doch ein Ver­hal­ten, das bei den meis­ten gut an­kommt. „Wir Fe­mi­nis­tin­nen be­nut­zen den Be­griff des Pa­tri­achats, wenn wir über Se­xis­mus reden. Wenn es al­ler­dings um Stu­den­ten geht, ist der Be­griff  des lads bes­ser ge­eig­net und wird auf dem Cam­pus auch so­fort ver­stan­den“,  er­klärt sie. Sie fügt hinzu: „Die Zah­len zei­gen, dass se­xu­el­le Be­läs­ti­gung be­son­ders stark unter den Stu­den­ten auf dem Cam­pus ver­brei­tet ist und das liegt an die­ser Kul­tur, die zur se­xu­el­len Ag­gres­si­vi­tät er­mun­tert.“

Vor Ort wäh­rend der nights out, spre­chen die Fak­ten für sich. An einem Frei­tag­abend wird eine große Party or­ga­ni­siert. Um das Ende der Klau­su­ren zu fei­ern, ver­sam­meln sich Tau­sen­de. David, Or­ga­ni­sa­tor und Ver­ant­wort­li­cher für einen rei­bungs­lo­sen Ab­lauf,  er­zählt uns, dass jede Woche drei Be­schwer­den über se­xu­el­le Be­läs­ti­gung auf­ge­nom­men wer­den. Er deu­tet an, dass es vor allem an den Fuß­ball-lads liege, die „glau­ben sie dürf­ten alles“.

Erns­te Fe­mi­nis­tin­nen, aber auch Ernst­ge­nom­me­ne?

Die EUSA war die erste fe­mi­nis­ti­sche Ver­ei­ni­gung, die das Lied Blur­red Lines von Robin Thi­cke von einer Uni ver­bann­te. Der Text die­ses Hits aus dem Jahr 2013 stellt für Stacey De­vi­ne eine „Ver­ge­wal­ti­gungs­hym­ne“ dar. Darin heißt es, Frau­en seien „zu zäh­men­de Tiere“, für die der In­ter­pret etwas aus­rei­chend Gro­ßes hätte, um „ihren Arsch in zwei zu rei­ßen“. Oben­drein steht für die In­ter­pre­ten und Au­to­ren des Songs fest: Sie „wis­sen, dass sie [die Frau­en, Anm. d. Red.] es so woll­ten“.  Die Äch­tung des Lie­des war für die EUSE, die erste fe­mi­nis­ti­sche Stu­den­ten­ver­ei­ni­gung im Ver­ein­ten Kö­nig­reich, ein lo­gi­scher Schritt, der bei den Stu­den­tIn­nen je­doch auf Un­ver­ständ­nis stieß. Ihre Mei­nun­gen zu dem Thema gehen aus­ein­an­der.

„Nie­mand auf dem Cam­pus hat dem viel Be­ach­tung ge­schenkt“, er­zählt Amy (20) Me­di­zin­stu­den­tin, „es gibt ge­gen­über Frau­en echt noch an­de­re schlim­me­re Lie­der“. Ihr Freund Oscar teilt ihre Mei­nung: „Alle mög­li­chen Lie­der, die auf Stu­den­ten­fei­ern ge­spielt wer­den, haben die­sel­ben Texte. Das ist viel Lärm um Nichts.“ Ines (19) stu­diert Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten und denkt: „Die Stu­den­ten sind doch nicht dumm. Sie sehen, dass da was mit dem Lied nicht stimmt.“ Na­ta­lia meint dazu ver­är­gert: „Ja, für das Ver­bot hätte viel­leicht die Uni kon­sul­tiert wer­den müs­sen, aber es er­laubt den Stu­den­ten sich dem Ernst des Tex­tes be­wusst zu wer­den. Das Lied pro­pa­giert die Idee ein Nein wäre nicht wirk­lich ein Nein. Ein­fach an­zu­neh­men, die Stu­den­ten wür­den da von selbst drauf kom­men, wäre zu pas­siv. Die Ge­sin­nung des Tex­tes soll­te ernst­ge­nom­men wer­den!“ Aber ob­wohl sie die Idea­le der Fe­mi­nis­tin­nen der EUSA gut fin­det, hält sie die Art wie sie agie­ren für pro­ble­ma­tisch. „Sie schla­gen einen zu ag­gres­si­ven Ton an, zu un­päd­ago­gisch. Das un­ter­mau­ert das ver­brei­te­te Bild bis­si­ger Fe­mi­nis­tin­nen.“ Sie geht daher nicht mehr zu ihren Ver­an­stal­tun­gen. „Ich sah darin kei­nen Sinn mehr.“ Auch Amy gab zu, sich nicht bei den Fe­mi­nis­tin­nen en­ga­gie­ren zu wol­len. „Sie wür­den mir vor­wer­fen, dass ich mich nicht genug ein­brin­ge, da bin ich mir si­cher.“ 

Die Leute bil­den

Den­noch den­ken die Fe­mi­nis­tin­nen der Stu­den­ten­or­ga­ni­sa­tio­nen, dass man nur mit kon­kre­ten Ak­tio­nen gegen se­xu­el­le Be­läs­ti­gung vor­ge­hen kann. Stacey De­vi­ne (NUS Scot­land) hält Bil­dung für die Basis aller ge­sell­schaft­li­chen Ver­än­de­rung. Zu­sam­men mit der NUS Scot­land bie­tet sie Kurse in­ner­halb von Uni­ver­si­tä­ten an, um die Men­ta­li­tät zu än­dern, damit Stu­den­ten zu­künf­tig er­mu­ti­gt wer­den ein­zu­schrei­ten, wenn sie Zeu­gen se­xu­el­ler Be­läs­ti­gung wer­den. Au­ßer­dem soll für die Gleich­wer­tig­keit zwi­schen Män­nern und Frau­en ge­wor­ben wer­den. Ihr Pro­gramm heißt „Get Savvy“ (dt. ‚Hab’s drauf‘) und rich­tet sich an beide Ge­schlech­ter. Im letz­ten Jahr kamen 150 Teil­neh­mer zu ihrem Kurs, ein Drit­tel davon Män­ner. Ihr Ziel ist, sol­che Kurse ver­pflich­tend für Stu­di­en­an­fän­ger zu ma­chen. Bis jetzt dient sie vor allem als Maß­nah­me bei Fehl­ver­hal­ten der Stu­den­ten, wie auch Ab­wer­tun­gen der Noten oder Ein­lass­ver­bo­te bei Stu­den­ten­par­tys.

Sahra Moff­at (EUSA) ist davon über­zeugt, dass diese Maß­nah­men, „die ef­fi­zi­en­tes­ten sind“, auch wenn es schwer ist „die Fort­schrit­te zu be­wer­ten, die es beim Thema der se­xu­el­len Be­läs­ti­gung gibt“. „Seit­dem die Um­fra­ge ver­öf­fent­lich wurde, ist die Zahl der Be­schwer­den ge­stie­gen. Aber wir hof­fen, dass das daran liegt, dass sich mehr Frau­en trau­en, was zu sagen und nicht an häu­fi­ger statt­fin­den­den se­xu­el­len Be­läs­ti­gun­gen“, er­klärt sie. Für die Fe­mi­nis­tin­nen kris­tal­li­siert sich das Pro­blem der se­xu­el­len Be­läs­ti­gung in der hy­per-mas­ku­li­nen Kul­tur der lads. Stacey be­tont: „Wir müs­sen deren An­sich­ten und die pa­tri­ar­chi­sche Ge­sell­schaft, in der wir leben, än­dern“, denn „die Wahr­heit ist, dass Män­ner mit Pri­vi­le­gi­en zur Welt kom­men, die ihnen das Recht geben Frau­en zu sagen, wie sie sich ver­hal­ten soll­ten“. Große Am­bi­tio­nen, für die sie je­doch nur wenig Un­ter­stüt­zung von den Stu­die­ren­den krie­gen. Bevor die Fe­mi­nis­tin­nen etwas be­we­gen kön­nen, müs­sen sie wohl erst ein­mal ihr Image auf dem Cam­pus ver­bes­sern.

Die­ser Ar­ti­kel Über Edin­burgh ge­hört zu einer Spe­zi­al-Rei­he, die im rah­men des Pro­jekts "Eu in Mo­ti­on" MIT UN­TER­STÜT­ZUNG DES EU­RO­PÄI­SCHEN PAR­LA­MENTS UND DER HIP­PO­CRÈNE-STIF­TUNG von Ca­fe­ba­bel rea­li­siert wurde. Dem­nächst wer­den alle Ar­ti­kel der Reihe auf der Ti­tel­sei­te von Ca­fe­ba­bel erscheinen.