Gesellschaft

"Sex, Lügen, Medien": Jean Quatremers Ménage à trois

Artikel veröffentlicht am 25. April 2012
Artikel veröffentlicht am 25. April 2012
Jean Quatremer, Brüssel-Korrespondent der französischen Tageszeitung Libération, war der erste Journalist, der 2007 in seinem Blog das problematische Verhältnis des ehemaligen IWF-Chefs Dominique Strauss-Kahn zu den Frauen analysierte. 2012 stellt er sein Buch Sexe, mensonges et médias zu ebendieser DSK-Affäre und deren Konsequenzen auf die Medien vor.

Eigentlich hatte er die Alarmglocken geläutet. Im Juli 2007 veröffentlicht Jean Quatremer einen Artikel auf seinem Blog Les Coulisses de Bruxelles (Brüsseler Kulissen) über die zügellosen Techtelmechtel des französischen PS-Politikers und ehemaligen Chefs des Internationalen Währungsfonds, Dominique Strauss-Kahn. Zum damaligen Zeitpunkt war DSK noch nicht der Chef beim IWF und kannte die Verantwortliche des Afrika-Departments des IWF, Piroska Nagy, nur flüchtig. Quatremer schrieb trotzdem: „Das einzige wahre Problem von Strauss-Kahn ist seine Beziehung zu den Frauen. Mit seiner Aufdringlichkeit wird die Grenze zur Belästigung schwammig. Das ist auch den Medien bekannt, doch niemand spricht darüber…“. Die französische Tageszeitung Libération, deren Korrespondent Quatremer ist, hat den Post nie im Blatt drucken wollen.

6 Monate später gibt der IWF selbst eine Untersuchung wegen Machtmissbrauchs gegen seinen Direktor in Auftrag. DSK soll eine nicht wirklich auf Gegenseitigkeit beruhende Liaison mit Nagy gehabt haben. Und dann kam, wie jeder heute weiß, die Sofitel-Affäre vom 14. Mai 2011 hinzu. Nun hat Jean Quatremer sein Buch Sexe mensonge et médias [Sex, Lügen und Medien] veröffentlicht, in dem er auf die DSK-Affäre zurückkommt und das Verhalten der Journalisten gegenüber diesem Triptychon analysiert. Interview.

cafebabel.com: Sind Journalisten und Politiker in Frankreich besonders verbandelt oder gibt es ähnliche Tendenzen in den europäischen Institutionen? 

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Jean Quatremer: Es hat mal einen Zeitpunkt gegeben, zu dem es starke Verstrickungen von Journalisten mit den EU-Institutionen gab. Das hat aber mit der Kommission Santer [1995-1999 war Jacques Santer Kommissionspräsident] schlagartig aufgehört. Wenn ein Journalist einen Politiker heiratet, besteht das Problem darin, dass er sein Adressbuch mit in die Ehe bringt. Das ist der Fall bei Anne Sinclair und Dominique Strauss-Kahn. Sie brachte Journalistenfreunde im Schlepptau mit, die dann die Verteidigung des Paares Strauss-Kahn im Rahmen der Sofitel-Affäre ergriffen haben. Das Problem liegt genau da: Nicht nur der Journalist verstrickt sich, sondern auch sein Umfeld.

cafebabel.com: Gibt es in Brüssel ähnliche Verhaltensmuster wie die von Dominique Strauss-Kahn?

Jean Quatremer: In 25 Jahren, in denen ich als Journalist tätig war, ist es das erste Mal, dass ich einen Politiker treffe, der Frauen auf diese Art und Weise behandelt. Ich habe nicht in seinem Schlafzimmer ermittelt, sondern Aussagen zusammengetragen, die besagen, dass das Verhalten dieser Person problematisch sei. Darüber hinaus: Sollte ich in Brüssel von einem Politiker hören, der seine MitarbeiterInnen am Arbeitsplatz belästigt, und die nötigen Beweise zusammen haben, gehe ich sofort mit der Geschichte an die Öffentlichkeit.

cafebabel.com: Sie sagen, Anne Sinclair verteidige eine 'pompidolische' Vision [von Georges Pompidou] der Gesellschaft. Sie beruft sich auf den Artikel 9 der Verfassung, der besagt, das Privatleben sei Medien gegenüber zu schützen. Warum verteidigt man im linken Lager jetzt konservative Positionen?

Jean Quatremer: Nein! Ganz im Gegenteil. Seitdem ich mein Buch veröffentlicht habe, unterstützt mich die linke Presse keineswegs. Selbst in meiner eigenen Zeitung war das der Fall. Doch die Lage ändert sich dank Nicolas Demorand [Chef von Libération seit März 2011]. Aber ich finde es ziemlich amüsant, linksgerichtete Persönlichkeiten  zu sehen, die eine Vision der Gesellschaft aus den Zeiten von Pompidou verteidigen. Denn der Artikel 9 ist ein Gesetz, das die Freiheit der Medien in Frage stellt.

cafebabel.com: 2007 haben sie den Artikel zu DSK auf ihrem Blog veröffentlicht. Hat die Frequenz von Artikeln zum Thema Sexualität im Internet auch zu einem offeneren Umgang mit dem Thema in der Schriftpresse beigetragen?

Jean Quatremer: Das Internet ruft tiefgreifende Veränderungen in der Presse hervor. Auch deshalb habe ich das Buch geschrieben. Wenn die Presse nicht schnell nachzieht, werden wir irgendwann aussterben. Denn die Information ist nicht mehr nur vertikal, sondern horizontal. Wenn wir Journalisten uns dieser neuen Realität nicht öffnen, werden die Leute irgendwann nur noch Halbwahrheiten im Internet finden. Wenn die Journalisten glauben überleben zu können, indem sie die Realität negieren, dann irren sie sich gewaltig. Die Verhaftung von DSK wurde zunächst getwittert und erst anschließend von der Webseite Atlantico aufgegriffen. Später veröffentlichten Webauftritte französischer Medien den Vorfall. Und erst dann hat man damit begonnen, das Thema tatsächlich zu recherchieren. Die Mächtigen im Amt profitieren von einer Art Schweigegelübde. Doch sobald sie stürzen, sehen sie den Horror dieser so genannten Medientransparenz, die alle - auch Politiker - betrifft.

Illustrationen: Jean Quatremer Teaserbild ©Facebook Jean Quatremer; Im Text: Libé (cc)patrickpeccatte/flickr; Video (cc)tv5monde/YouTube