Gesellschaft

Sevilla strampelt für bessere Luft

Artikel veröffentlicht am 16. Mai 2011
Artikel veröffentlicht am 16. Mai 2011
120 Kilometer Radwege in Sevilla – das treibt die Autofahrer dieser Stadt zur Weißglut, die für ihren Teil höchstens 45 Minuten lang im Zentrum fahren dürfen. Und macht aus Sevilla einen Vorreiter in der Einrichtung von Fußgängerzonen und ein neues Paradies für Radfahrer. Eine Win-Win-Situation für alle Seiten?

Es ist ein sonniger Nachmittag auf der Avenida de la Constitución in Sevilla. Das Klingeln der Fahrräder vermischt sich mit dem der Straßenbahnen. Überall sieht man Zweiräder, ob rot und weiß in den Farben von Sevici, dem städtischen Amt für Fahrräder der andalusischen Hauptstadt, oder ob von Privatpersonen, die auf ihren Drahteseln die etwa 120 Kilometer Radweg der Stadt bestreiten. In Sevilla existieren Fußgänger, Radfahrer und Straßenbahnen problemlos nebeneinander.

Fußgängerzonen: eine kleine Revolution

Sevilla mit seinen 700 000 Einwohnern bietet ideale Bedingungen, um aufs Fahrrad umzusteigen: mildes Wetter, geringe Umweltverschmutzung (zumindest scheinbar) und kaum Hügel, was beschwerliche Anstiege erspart. Neben diesen natürlichen Vorteilen gibt es noch einen weiteren Pluspunkt: 2005 stürzte sich die Stadtverwaltung von Sevilla in ein umfassendes Projekt mit dem Ziel, das historische Zentrum vollständig autofrei zu machen. Seitdem haben Straßenbahnen, Metros und Fahrräder die Autofahrer im Stadtzentrum fast ganz verdrängt, die – Anwohner ausgenommen – hier nicht mehr als 45 Minuten zirkulieren dürfen.

Hinter der Einrichtung von Fußgängerzonen stecken mehrere Ideen: die Wiedergewinnung von Raum durch seine Bewohner, ein Plus an Mobilität und Sicherheit sowie eine deutliche Verringerung der städtischen CO2-Bilanz. Doch während London, Kopenhagen und sogar New York bestimmte Stadtteile für Fußgänger vorbehalten, hat Sevilla den riskanten Schritt gewagt, seine Innenstadt komplett autofrei zu machen – und wird dadurch zu einer Art 'Botschafterin des Fahrrads'. So fand 2011 in Sevilla die Veranstaltung Velo City statt, ein Diskussionsforum zur Benutzung von Rädern in Stadtgebieten. Auf der Veranstaltungswebsite erfährt man, dass die tägliche Zahl von Fahrradfahrern in der Stadt innerhalb von zwei Jahren von 6 000 auf 66 000 gestiegen sei.

Keine städtischen Fahrräder für Vorstadtbewohner

Das städtische Ausleihsystem für Fahrräder bleibt auf das Zentrum Sevillas beschränktDer Erfolg des Leihservices Sevici, der 2004 gegründet wurde, überrascht also nicht. „Es gibt enorm viele Radwege und außerdem ist Radfahren schnell und echt günstig“, fasst José David Muñoz de la Torre zusammen, der für den Ausbau der Radwege in Sevilla verantwortlich ist. Das sind schlagkräftige Argumente. Die Miete eines Fahrrads von Sevici beträgt 25 Euro pro Jahr – ein verführerischer Preis, vor allem in Krisenzeiten… Bei der Diskussionsrunde „Einrichtung von Fußgängerzonen in der Innenstadt: eine wirtschaftlich nachhaltige Polemik?“, die cafebabel.com am 2. April in Sevilla organisiert hatte, begrüßte Alejandro Cuetos Menendez, Mitglied des Gruppe Ecologistas en Accion (auf Deutsch: „Umweltschützer in Aktion“), das städtische Fahrradsystem: „Servici ist eine hervorragende Sache. Man muss die bisherigen Anstrengungen auf jeden Fall weiterverfolgen und noch weitergehen. Man muss die Räder auch in den Vorstädten einführen. Dort besteht eine echte Notwendigkeit.“

Genau hier klemmt es: Der Erfolg von Sevici bleibt auf die historische Innenstadt Sevillas begrenzt. Der Grund: unterschiedliche Zuständigkeitsbereiche. „Sevici wird zu 100 % von der Stadtverwaltung Sevillas finanziert. Die regionale andalusische Regierung hilft uns nicht. Da die Finanzierung ausschließlich über die Stadt Sevilla läuft, liegt es an den anderen andalusischen Stadtverwaltungen, selbst in den Fahrradverleih zu investieren“, erklärt José David Muñoz de la Torre. Im Gegensatz zum Pariser Leihservice Vélib, der die Grenzen seines Verleihs bis in benachbarte Vorstädte ausgeweitet hat, gibt es in Sevilla keinerlei Zusammenarbeit zwischen dem bei Touristen beliebten historischem Zentrum und der Umgebung, in welcher der Großteil der Sevillaner lebt. Den Vorstadtbewohnern bleibt also nichts anderes übrig, als ihr Auto, den Bus oder die einzige Metrolinie, die derzeit eher unerschwinglich ist (1,60 € pro Fahrkarte), zu nutzen.

Der langsame Vormarsch des Fahrrads in Sevilla

Genug?Auch wenn Fahrräder überall auf dem sevillanischen Pflaster präsent sind: Mit 250 Ausleihstationen alle 300 Meter gestaltet sich das Radeln ziemlich schwierig. Vor zehn Jahren, als sich die italienische Fotografin Chiara als Erasmus-Studentin in Sevilla aufhielt, „waren Fahrräder in der Innenstadt nicht willkommen. Radfahrer hatten es wegen der vielen Autos extrem schwer. Von den derzeitigen Veränderungen bin ich also angenehm überrascht.“ Gleiches gilt für die Zentrumsbewohner. Agustin Irissou und sein Verein A contramano (auf Deutsch: „In der Gegenrichtung“) kämpfen seit etwa 25 Jahren dafür, aus dem Fahrrad ein Transportmittel wie jedes andere zu machen. „Sevici konnte nur nach Kämpfen und intensiven Diskussionen mit der Stadtverwaltung gegründet werden. Nach vielen Demonstrationen – mindestens vier pro Jahr – und Treffen mit der Stadt siegte aber letztendlich unsere Hartnäckigkeit. Unsere Botschaft wurde endlich gehört“, gratuliert sich der Aktivist selbst.

Die Botschaft wurde gehört – und das von beiden politischen Seiten: „Noch vor einigen Jahren wagte sich die Partido Popular (rechts-konservative Volkspartei) kaum an das Thema heran. Aber seitdem hat sich die Sachlage verändert. Heute wissen die politischen Entscheidungsträger in Sevilla ganz genau, dass Fahrräder unumgänglich sind“, erklärt Irissou. Ein offenkundiger Beweis hierfür war die Anwesenheit eines Aktivsten von Nuevas Generaciones (Jugendorganisation von Partido Popular, PP, politisch rechts) bei der von cafebabel.com organisierten Diskussionsrunde in Sevilla, wohingegen die Juventudes Socialistas (Jugendorganisation von Partido Socialista Obrero Español, PSOE, politisch links) nicht auf die Einladung geantwortet hatte. In Anbetracht der anstehenden spanischen Kommunalwahlen Ende Mai, bei der die PSOE als Verlierer gehandelt wird, kann man damit rechnen, dass das Modell aus Sevilla auch andere spanische Gemeinden inspiriert.

Dieser Artikel ist Teil unserer Reportagereihe Green Europe on the ground 2010/ 2011.

Fotos: Mit freundlicher Genehmigung von ©manutrillo/Velo-City Sevilla 2011