Gesellschaft

Sevilla: Mit Spaß und Spiel gegen die Bildungsmisere

Artikel veröffentlicht am 18. September 2006
Artikel veröffentlicht am 18. September 2006
Ein kleines Pädagogik-Unternehmen will in den Vororten Sevillas Kinder zum Lesen animieren.

„Spanische Jugendliche interessieren sich nicht für Bücher“: Jaime García, Chef des kleinen Unternehmens Bibliobla, macht sich Sorgen um den Zustand der Schulen in Spanien. Es ist halb Neun Uhr morgens in Dos Hermanas, einem kleiner Vorort von Sevilla. García bereitet sich auf seinen ersten Schultag vor. Ein pädagogischer Marathon liegt vor ihm, der zehn Monate lang dauern wird. Allein heute wird er sechs Lesestunden halten.

Der ehemalige Philosophie-Student García hat Bibliobla gegründet, um in den Vororten von Sevilla Kinder für das Lesen zu begeistern. Damit stößt er in eine „Marktlücke“: Spanische Familien müssen für Schulbücher sehr viel Geld ausgeben, in ihren Wohnorten mangelt es oft an Schulplätzen und manchmal müssen sie ihre Sprösslinge sogar auf Schulen schicken, in denen weder die Strom- noch die Wärmeversorgung funktioniert. Am meisten aber sorgen sie sich um das niedrige Unterrichtsniveau in Spanien, das von der letzten PISA-Studie bestätigt wurde.

Ein Buch? Weiche, Satan!

1990 wurde in Spanien ein Gesetz erlassen, dass die Schulen dazu verpflichtete, in jeder Schule einen Raum in eine Bibliothek zu verwandeln. Irene Macías, eine junge Pädagogin und professionelle Vorleserin hält davon gar nichts: „Das hat nichts gebracht“, lautet ihr rigoroses Urteil. „Das Gesetz zahlt keine Bibliothekare, so dass die Bibliotheken den ganzen Tag geschlossen bleiben.“ „Noch schlimmer ist“, fügt Jaime García hinzu, „dass die Bibliotheken als Strafraum für die Schüler genutzt werden. Wenn sie sich schlecht benehmen, werden sie in die Bibliothek gesteckt. Schon von klein auf setzen sie diese mit Gefängnissen gleich.“

Dagegen will García angehen. Er will die Kinder spielerisch zum Lesen führen. Heute beginnt er mit einer 8. Klasse und dem Buch La cara de la Inocencia („Das Gesicht der Unschuld“), dass die Misshandlung von Frauen zum Thema hat. Die Schüler freuen sich, weil ihnen eine Unterrichtsstunde erspart wird, aber sie scheinen das Buch nicht wirklich lesen zu wollen. García braucht eine Viertelstunde, um das Schreien und Streiten, die Spuckereien und Beleidigungen zu stoppen.

„Wir stellen jedes Trimester in jeder Klasse ein Buch vor. Das müssen die Schüler dann lesen“ sagt José Ramón Céspedes, ein anderer Leseanimateur. „Sonst können sie nicht an der großen Bücherschnitzeljagd teilnehmen und Preise gewinnen.” Zwar lesen einer neuen Studie zufolge in den Vororten Sevilla inzwischen mehr Kinder als vorher, aber sie sind laut Bibliobla immer noch zu niedrig.

Das Buch als Spiel

Während der Bücherstunde gelingt es Jaime García in seiner Clownsrolle die Aufmerksamkeit der Jugendlichen für sich zu gewinnen. Sie müssen den Inhalt durch Hinweise, Mimik und Verkleidung Garcías erraten. Am Ende der Stunde sollen sie zusammen Geschichten schreiben. Die absurdesten werden dann vorgelesen. „Der Trick ist, dass sie Literatur mit Unterhaltung in Verbindung bringen und sich mit einem Buch in der Hand wichtig fühlen“, erklärt García.

Die meisten Schüler lassen sich so überzeugen, nur hin und wieder gibt es Dissonanzen. In der letzten Stunde des Tages schlägt García einem 15-Jährigen mit einem Hauch von Ironie vor, er solle doch aufhören, seine Klassenkameradin neben ihm abzuknutschen, worauf dieser ihm entgegenschleudert: „Schnauze, du Dreckschwein!“ Der Animateur schickt ihn aus dem Raum. „Er lebt bei seiner Großmutter, sein Vater ist heroinabhängig und im Gefängnis, seine Mutter starb vor Kurzem“, erklärt er uns. „Ich hoffe, dass ich ihn nicht irgendwann auf den Titelseiten der Zeitungen wiedersehen werde“, seufzt er. Doch er kling dabei nicht sehr überzeugt.

Literatur und Politik

Pädagogik-Unternehmen wie Bibliobla sprießen in Europa wie Pilze aus dem Boden. Die Lese-Kampagnen werden von Kommunal- und Regionalpolitikern finanziert, meist im Rahmen von Anti-Drogen-Programmen. Dies ist auch der Fall des Programms Dos Hermanas Divertida. Nacho Martín, der Leiter eines dieses Unternehmen, streicht heraus, dass „es für die Politiker sehr rentabel und billig ist. Die Kinder erzählen zu Hause von den Spielen, die die Politiker das ganze Jahr über finanzieren und das wird von den Eltern am Wahltag honoriert.“

Im kommenden Frühjahr finden in Spanien Kommunalwahlen statt. Dann werden ein paar mehr Clowns in den Schulen zu sehen sein als sonst. „Ich denke lieber an die Dinge, an die sich die Kinder einmal erinnern werden, wenn sie erwachsen sind“, sagt Jaime García. Als wir uns von ihm verabschieden, zitiert er den israelischen Schriftsteller Amos Oz : „Lesen bedeutet, die Augen zu schließen und sie in anderen Augen wieder zu öffnen.“ Und fügt hinzu: „Es ist einer der wenigen Momente, in denen sie sich in die Lage anderer versetzen müssen.“

Fotos: Bibliobla