Gesellschaft

Servus Flüchtlinge: Willkommenskultur in der bayerischen Provinz

Artikel veröffentlicht am 24. November 2015
Artikel veröffentlicht am 24. November 2015

Das Klischee über Bayern ist, dass es recht eigenwillig ist - und gespickt mit konservativen Nestern. Doch was passiert, wenn genau solche plötzlich eine Gruppe Flüchtlinge zugeteilt bekommen? Das Beispiel des kleinen Dorfs Gmund bietet dem Stereotyp über das Bundesland die Stirn: Es zeigt, dass Flüchtlingshilfe funktionieren kann - auch wenn nicht alle mitmachen.  

Einige Millionäre und auch Milliardäre wohnen in Gmund am Tegernsee. Der Nachbarort zählt bald zwei Fußballnationalspieler zu seinen neuen Bewohnern. Und die kleine „Seeturnhalle” liegt friedlich am Nordufer des malerisch gelegenen oberbayerischen Sees. Bis zum Frühjahr diente die Halle noch als Sportstätte für die örtliche Grundschule - bis sie mit 30 Stockbetten und Schließfächern eingerichtet wurde und die Gemeinde im Februar die erste Flüchtlingsgruppe vom Landratsamt zugeteilt bekam.

Die „Infrastruktur” für Flüchtlinge ist hier verhältnismäßig gut ausgebaut: Zum Beispiel können sie sich für einen Euro pro Kleidungsstück in der „Ringelsocke”, der Kleiderspendesammlung von der Diakonie im Ortskern, einkleiden. Im Gebäude daneben befindet sich die „Teestube”, in der es W-Lan und wöchentliche Treffen für den Kontaktaufbau zwischen Bürgern und Flüchtlingen gibt.

Außerdem trifft sich hier der Helferkreis regelmäßig zur „Lagebesprechung”. Auffallend bunt ist die Mischung von Leuten, die sich hier am Mittwochabend mit dem gemeinsamen Ziel der Flüchtlingsintegration zusammenfindet: Alle von der 14-Jährigen Schülerin über die junge Mutter mit Kind auf dem Schoß bis zum pensionierten Arzt sitzen im improvisierten Stuhlkreis.

Franziska ist eine der Helferinnen und nach eigener Aussage einer der „Springer” und macht das, was „eben so anfällt". Sie gehört somit keiner der Gruppen an wie etwa der „Praktikumsgruppe”, der „Deutschunterrichtgruppe” oder auch der „Fahrradgruppe”, die für die Transportmittel der Flüchtlinge zuständig ist. Das tägliche „nach dem Rechten sehen” teilen alle Helfer unter sich auf.

Helfen ja, aber sich nicht ausnehmen lassen

Betritt man die Turnhalle, wird man von allen Seiten begrüßt: „Hallo”, „Ciao” sowie auch das lokale „Servus” schallen einem gut gelaunt von den jungen Männern entgegen, die vorwiegend aus Eritrea, Nigeria und dem Senegal stammen. Die Stimmung zwischen Helfern und Flüchtlingen scheint generell recht locker.

Ghano aus dem Senegal, der seit Juni in Gmund wohnt, bestätigt dies: „Die Helfer, das sind alles gute Leute. Wenn in der Halle etwas nicht perfekt ist, versuche ich, mich nicht zu beschweren.” Franziska merkt dazu an, dass sich einige ganz gerne „pampern” - also verwöhnen - ließen, wenn es geht. „Sie sind aber immer freundlich.”

Der Vorsitzende des Helferkreises Hajo, ein pensionierter Unternehmensberater, sieht mich gutmütig durch seine runden Brillengläser an, während er erzählt, dass er in den letzten Monaten viel im Umgang mit Flüchtlingen gelernt hat: „Bei manchen muss man schon aufpassen. Eine alleinstehende Mutter mit drei Kindern aus Nigeria, die ganz am Anfang auch in der Halle gewohnt hat, wurde in ein noch kleineres Dorf umgesiedelt. Und nach zwei Tagen war sie wieder hier! Ihr hatte es dort nicht gefallen. Also hat sie einen Notfall vorgetäuscht und sich mit dem Krankenwagen in die Kreisstadt kutschieren lassen. Von dort aus kam sie mit dem Zug her.”

Probleme des Alltags

Laut Franziska gibt es auch einige Reibereien unter den Flüchtlingen: „Die gibts natürlich aufgrund der verschiedenen Nationalitäten. Bis jetzt schaffen sie es auch immer noch, ihre Probleme untereinander zu lösen. Da geht es etwa um Autoritätsfragen oder wer putzt.”

Um einen Ort zu finden, an dem die Flüchtlingshilfe weit weniger gut funktioniert, muss man gar nicht weit schauen: Nur fünf Kilometer südlich, in der Stadt Tegernsee, lagen im Herbst Krawalle fast an der Tagesordnung. In der „Dreifachturnhalle” sind etwa fünf Mal mehr Flüchtlinge untergebracht und die ethnische Mischung ist viel größer. Dies führte schon mehrmals zu Kämpfen, auch mal mit dem Gebrauch von Eisenstangen und Polizeieinsätzen.

Widerstand in der Gemeinde

Hajo blickt zunächst in die Sonne, als er die Nachfrage nach der allgemeinen Willkommenskultur im Ort hört. Er scheint zu überlegen. Zuerst grinst noch, als er anekdotisch von einem Gutschein der Gemeinde für ein Mittagsessen für alle Flüchtlinge auf dem örtlichen Volksfest erzählt. „Die Jungs haben sich in Schale geschmissen. Einer hat sich extra sein FC Bayern-Trikot angezogen. Als wir ins Festzelt rein sind, kamen besonders von den Älteren sehr giftige Blicke.” Jetzt hat sich seine Miene verfinstert.

Collins aus Nigeria, der vier Jahre in Italien gewohnt hat, bevor er im Januar nach Deutschland kam, hat dasselbe Gefühl: „Manche Leute sind nicht gerade erfreut, Immigranten zu sehen. Viele hier sagen nicht hallo, sie schauen mich nicht mal an.”

Franziska gibt zu bedenken, dass es zwar eine Gruppe engagierter Helfer unter einem effizienten Vorsitz gebe, aber viele sich eher abwandten, anstatt den Ankömmlingen die Integration zu erleichtern. „Bevor ich den Helferkreis kennengelernt habe, hätte ich gesagt: Das klappt hier nicht. Der fasziniert mich auch persönlich. Nahezu völlig inaktiv waren aber bis jetzt zum Beispiel die Kirchen. Und einige der Helfer sind ja auch im Gemeinderat, aber keiner von der CSU ist hier dabei. Keiner.”

Ungewisse Zukunft für Bayerns Flüchtlinge

Also funktioniert auch in Bayern der Versuch, Flüchtlinge zu integrieren, nicht ausschließlich gut oder schlecht. Wenn es ein Erfolgsrezept geben kann, dann wahrscheinlich das, möglichst kein Abhängigkeitsverhältnis zwischen Helfern und Flüchtlingen zu schaffen, sondern sich auf gleicher Ebene miteinander zu treffen, so wie es (willige) Gmunder und (willige) Flüchtlinge tun.

Man kann dem Dörfchen, in dem so um Integration gerungen wird, nur wünschen, dass es jetzt keinen Rückschritt erlebt. Nach den jüngsten Attentaten in Paris sehen viele konservative Politiker wie etwa der bayerische Finanzminister Söder (CSU) hierzulande schwarz für ein Weitertragen der Willkommenskultur. In Deutschland wird man sehr bald erleben, ob das Getöse aus München nach Gmund (und Berlin) schallt und erhört wird. Frau Merkel wurde kürzlich schon vom bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer öffentlich für ihre liberale Migrationspolitik abgekanzelt.

Die letzte Frage von Collins klingt noch nach in meinen Ohren: Wie lang wird „Angela” eigentlich noch bleiben?