Gesellschaft

Sergii Oleksiuk: 'Eine Seifenoper à la Janukowitsch und Juschtschenko'

Artikel veröffentlicht am 27. Juni 2007
Artikel veröffentlicht am 27. Juni 2007
Nach drei Jahren betrachtet der 23-jährige Sergii Oleksiuk, ein Hauptakteur der Jugendbewegung während der „Orangenen Revolution“, den momentanen politischen Stillstand in seinem Land.

"Es ist schwierig, die aktuelle Parlamentskrise in wenigen Worten zu erklären, vor allem für Leute aus demokratischen Ländern", sagt Sergii Oleksiuk, 23-jähriger Politikstudent an der National University of Kyiv-Mohyla Academy und derzeitiger Geschäftsführer der NGO 'Youth for Sustainable Development'.

Wir treffen uns in den Botanischen Gärten im Zentrum von Kiev - weit entfernt vom kalten Winter 2004, in dem Oleksiuk als einer der Anführer der "Youth Wave" während der "Orangenen Revolution" in der Ukraine fleißig Zeltstädte aufbaute. Tausende von Studenten fanden sich zusammen und schliefen in den Straßen der Hauptstadt, um zu "demonstrieren, dass [sie] sowjetische Standards ablehnen und für neue kämpfen."

Wie wurden Sie zu einem der Leader der "Orangenen Revolution"?

Da war dieses Gefühl in mir, das mich nicht in Ruhe ließ: Du weißt, dass du betrogen wurdest und kannst nichts daran ändern. Ich begriff, dass ich woanders hingehen müsse, wenn ich nichts unternähme, um mein Land und mich selbst zu schützen.

Ich motivierte Leute an meiner Universität, zunächst meinen Freundeskreis. Nach und nach kam die Lawine ins Rollen. Die Studenten der Kyiv-Mohyla Academy befanden sich unter den Ersten, die auf die Kreschatik, die Hauptstraße von Kiev, hinausgingen. Ich organisierte die jungen Leute und lenkte ihre Kräfte. Aber ich besaß keine Schlüsselrolle, es gab Tausende wie mich.

Können Sie erklären, warum sich die ukrainische Politik momentan in einer Sackgasse befindet?

In Ländern auf Entwicklungskurs besteht die parlamentarische Koalition aus Parteien, die sich zusammengeschlossen haben. In der Ukraine wurde sie allerdings auf der nicht ganz sauberen Basis von einzelnen Abgeordneten errichtet. Die Ergebnisse der Wahl 2006 zeigen, dass die Mehrheit der Parlamentssitze an politische Parteien fielen, die sich (zu dieser Zeit) als "orangefarbene" Parteien - Orange ist die Farbe der Partei Juschtschenkos - präsentierten.

Das "blaue" Lager oder die (pro-russische) Koalition von Premierminister Janukowitsch formierte sich nach der Manipulation der Mehrheit. Der Beginn der Krise war der "Verrat" von Alexander Moroz, Parlamentssprecher, sowie Sprecher der Sozialistischen Partei: Aus rätselhaften Gründen unterstützte die orangene Koalition Janukowitsch, den "blauen" Koalitionspartner. Dies verschaffte der blauen Koalition neuen Auftrieb. Das Ergebnis ist, dass wir im Moment zwei mächtige Zentren besitzen. Da sie nicht miteinander kooperieren wollen, zerren sie die Ukraine in zwei entgegengesetzte Richtungen.

Wie stehen andere junge Ukrainer zum aktuellen Geschehen?

Ich gebe zu, dass die ukrainische Jugend vom derzeitigen politischen Stillstand und der Parlamentsauflösung enttäuscht ist. Ältere Leute betrachten das Ganze als eine Seifenoper à la Janukowitsch und Juschtschenko.

Was wir momentan erleben, ist ein wesentlicher Bestandteil der Wandlung der Ukraine von einem totalitären in einen demokratischen Staat. Dieser Prozess benötigt Zeit und Bemühungen. Nach der Revolution wollte man alles auf einmal, doch das schien unmöglich. Ich sehe ein, dass Präsident Viktor Juschtschenko nicht Jesus ist und dass die ehemalige Premierministerin Julia Timoschenko bestimmt nicht Maria war. Und mir war bewusst, dass nach Juschtschenko’s Amtsantritt keine Wunder geschehen würden.

Was wird bei den neu angesetzten Wahlen am 30. September 2007 passieren?

Wie im Jahr zuvor werden fast die gleichen politischen Parteien die Wahlen gewinnen. Aber

die Regierungsstruktur wird vollkommen anders sein und eine pro-präsidentielle Koalition und Regierung ermöglichen. Die strategische Außenpolitik der Ukraine wird eine andere Bedeutung erhalten. Ebenso wie die Bewerbung um die EU-Mitgleidschaft (derzeit geplant für 2015).

Und was bedeutet Ihnen Europa?

Europa ist vor allem eine kulturelle Gemeinschaft. Als ich das erste Mal durch Europa reiste, verstand ich, dass Europa aber auch für eine gute Wasserversorgung wie in Schweden, für saubere Straßen wie in Finnland oder für neue Technologien wie in Deutschland steht. Europa bedeutet keine langen Schlangen auf Bahnhöfen, keine ungehobelten Manieren auf Märkten, keine Unfreundlichkeit im öffentlichen Verkehrssystem. Und ich hatte das Gefühl, dass es weniger Obdachlose in den Straßen gab. Diese Dinge sind für europäische Bürger naheliegend . Für Ukrainer spiegeln sie jedoch "europäische Standards" wider, die wir zu erreichen versuchen.

Würden Sie sich als Europäer bezeichnen?

Ich denke, dass ich zur europäischen kulturellen Gemeinschaft gehöre. Wenn ich von jemandem gefragt werde, wer ich bin, sage ich natürlich, dass ich Ukrainer bin, aber auch Europäer.

Natürlich würden nicht alle Ukrainer so antworten. Viele glauben noch immer an die Wiedervereinigung mit Russland und sehen sich als Bürger der Sowjetunion. Diese Denkweise findet sich vor allem bei der älteren Generation. Jüngere Leute machen sich meist nicht soviel aus der kulturellen oder nationalen Zugehörigkeit. Generell leben aber im Osten des Landes mehr pro-russisch als pro-westlich eingestellte Menschen, im Westen des Landes ist es umgekehrt. Das beruht auf historischen Ursachen.