Gesellschaft

Sea Shepherd: Die Umweltpiraten stechen in See

Artikel veröffentlicht am 15. November 2010
Artikel veröffentlicht am 15. November 2010
Die Umweltschutzorganisation Sea Shepherd bereitet gerade die Kampagne „No compromise“ (Keinen Kompromiss), die sich gegen illegalen Walfang in der Antarktis richtet, vor. Die Umweltpiraten haben sich bereits mit Überfällen auf Thunfischjäger im Mittelmeerraum einen Namen gemacht.

Die 1997 von Paul Watson gegründete Sea Shepherd Conservation Society ist eine internationale Non-Profit Organisation, die sich dem aktiven Schutz der Meere annimmt. Und Paul Watson versteht unter aktivem Schutz nicht nur Aufklärung. Vor allem geht es ihm darum, die Zerstörung der Umwelt und Artenvielfalt zu verhindern. Die lange Liste illegaler Fischerboote, die von der Organisation, deren Symbol auch eine Piratenflagge ist, versenkt wurden, dürfte hierfür sprechen.

Gehen hier also Piraten gegen Piraten vor? Paul Watson beruft sich bei seinen Aktionen immer auf geltendes Recht. Sea Shepherd nimmt dabei die World Charter for Nature der UN beim Wort. Diese Charta erklärt das Handeln zum Schutz des Ökosystems und bedrohter Tierarten für rechtens. Und aus diesem Grund durchfahren hunderte Freiwillige an Bord der schwarzen Boote die Weltmeere - und sind bereit alles für den Schutz der Meere zu riskieren. Die Organisation finanziert sich ausschließlich aus Spenden und untersteht keiner Regierung. Unabhängigkeit ist ein Pfeiler von Sea Shepherd, das wiederum dort eingreift, wo geltende Regeln nicht umgesetzt werden. Und zwar ohne Kompromisse.

Die wohl vielsagendste Aktion ist die seit 2002 in der Antarktis geführte Kampagne gegen japanische Walfänger. Seit 1986 verbietet ein Beschluss der IWC, der internationalen Walfangkommission, dort den Walfang. Ausnahmen werden lediglich für gewisse Forschungszwecke gewährt. Und in genau dieser Grauzone kommen sich Sea Shepherd und die Japaner, die Walfang für Forschungszwecke vortäuschen und letztlich kommerziellen Walfang betreiben, in die Quere.

Aber die Schiffe von Sea Shepherd sind den Japanern immer dicht auf den Fersen: die Steve Irwin (der Name geht auf den australischen Fernsehmoderator zurück, der 2006 bei Unterwasseraufnahmen ums Leben kam), die Bob Barker und dieses Jahr der Ocean Adventurer, ein ultraleichtes Schnellboot. Letztes Jahr wurde ein Schiff von Sea Shepherd, die Ady Gill, von den Japanern versenkt. Aber Paul Watson und sein Team lassen sich durch nichts - koste es was es wolle - davon abhalten, dem Massaker an den Walen ein Ende zu setzen. „Wir hören erst auf, wenn die Japaner mit dem Walfang aufhören,“erklärt Locky MacLean, der Kapitän des Ocean Adventurer. Dabei hofft Sea Shepherd die japanische Flotte mit Hilfe des neuen Bootes und eines Helikopters schnell ausfindig zu machen. Im Südpolarmeer gleicht dies allerdings dem Versuch, eine Nadel im Heuhaufen zu suchen. Aber die Hoffnungen sind durchaus begründet, denn jedes Jahr gelingt es den Japanern weniger Wale zu fangen, als es ihre Quote vorsieht. Letztes Jahr wurden 500 Wale von Sea Shepherd gerettet.

Von den Walen in der Antarktis bis zum Roten Thunfisch im Mittelmeer

Ein menschliches Erbe, das es zu bekämpfen gilt?

Die Aktion in der Antarktis ist aber nicht die einzige von Paul Watson geführte Schlacht gegen die Zerstörung der Weltmeere. Sea Shepherd hat in der Vergangenheit auch zahlreiche Kämpfe in Europa geführt, die sich in erster Linie gegen isländische und norwegische Walfänger gerichtet haben. Außerdem werden auf den Färöer-Inseln und in Taiji regelmäßig Kampagnen gegen Massaker an Delphinen oder auf den Galapagos Inseln gegen den Handel mit Haifischflossen organisiert.

Link zum Weiterlesen: Fischer in Europa - das Ende eines Berufes?

Zum ersten Mal ist ein Boot von Sea Shepherd dieses Jahr im Mittelmeer auf die Suche nach illegalen Fischern des Roten Thun gegangen. Heute gibt es nur noch 10 Prozent der ursprünglichen Bestände des Roten Thun und damit ist er vom Aussterben bedroht. Die Wissenschaftler sind sich einig: Wird der Fischfang nicht drastisch reduziert, wird der Rote Thun aussterben. Die Thunfische, die ins Mittelmeer kommen um sich fortzupflanzen, werden in Käfigen gefangen gehalten und gemästet, bis sie das Idealgewicht erreicht haben, um verkauft zu werden… und zwar nach Japan, wo der Rote Thun als besondere Delikatesse gilt.

Und der Rote Thun ist auch eine äußerst gute Investition: 2001 wurde ein 180 Kilo schweres Exemplar für 173.000 Dollar verkauft. Die Firma Mitsubishi, die vielmehr für ihre Motorräder als für Fischfang bekannt ist, hat ein gutes Geschäft gerochen und in Roten Thun investiert. Ein Vorrat an Rotem Thun wird bei Mitsubishi so lange tiefgefroren, bis der Preis für den Fisch weiter steigt … Oder bis er ganz ausgestorben ist.

Wachsendes Bewusstsein in Europa

Kurz vor der Abreise im rahmen der Aktion "Musashi" 2008-2009

Drei Wochen lang ist die Steve Irwin zwischen Malta, Tunesien und Lybien auf See gewesen. Am 17. Juni traf sie plötzlich auf einen Käfig voller Rotem Thun… ein Freiwilliger berichtet: „Der Käfig war ganz eindeutig verdächtig und das erlaubte Datum für den Fang war längst überschritten. Fünf Taucher, darunter auch ich, haben das Fangnetz genauer unter die Lupe genommen. Es war beeindruckend, diese riesen Thunfische im Kreis schwimmen zu sehen. Zuerst habe ich gar nicht realisiert, dass sie da waren, weil ich so damit beschäftigt war das Fangnetz zu zerschneiden. Als ich dann aber nach unten gesehen habe, sah ich dieses hypnotisierende Treiben unter mir, diese Fische, die auf so unnatürliche Weise um sich selbst gekreist sind. Und da begriff ich, dass ich nicht nur gerade dabei war ein Fangnetz zu durchtrennen, sondern hunderten von Thunfischen half ihrem vermeintlichen Schicksal zu entkommen“, erzählt er voller Stolz. „Wir haben 800 Thunfische befreit. Das war das erste Mal, dass solch eine Aktion im Mittelmeer durchgeführt wurde.“

Die Wirkung dieser Aktion ist beachtlich und die Europäer werden sich zunehmend der Problematik bewusst. Sea Shepherd gibt es nun auch in Italien und Spanien, in zwei Ländern, für die das Meer wichtig ist. Wird Sea Shepherd in Zukunft auch im Mittelmeer aktiv sein? „Wir schließen nächstes Jahr eine zweite Aktion im Mittelmeer nicht aus“, erklärt Locky MacLean. „Für die Thunfische und gegen die Fangnetze zwischen der Türkei und Griechenland.“ Sea Shepherd hat hierzu noch lange nicht sein letztes Wort gesagt. Lakonisch und realistisch zugleich fasst Paul Watson die Problematik zusammen: „Wenn die Meere sterben, dann sterben auch wir, so einfach ist das.“

Fotos: Titel und Paul Watson: (cc)guano/flickr ; Freske: (cc)wallyg/flickr