Gesellschaft

Schwul in der Türkei: Es kann das Paradies oder die Hölle sein 

Artikel veröffentlicht am 8. Juli 2015
Artikel veröffentlicht am 8. Juli 2015

Ende Juni wurde die Gay Pride in Istanbul, zu der tausende Menschen gekommen waren, brutal von der Polizei mit Pfeffergas und Wasserwerfern aufgelöst. Moshe* war dabei und erzählt von der ambivalenten Situation der LGBT-Community in der Türkei.

cafébabel: Wie war ‘deine’ Gay Pride ?

Moshe: Absolut dekadent. Ich finde kaum Worte dafür. Ich war mit einem kanadischen Freund unterwegs, der mich gerade in Istanbul besuchte. Und eigentlich dachte ich, dass wir mit all meinen LGBT- und Hetero-Freunden zu einer Riesenparty gehen würden, wie immer halt. Ich lebe auf der asiatischen Seite des Bosporus. Und schon als ich mit dem Schiff übersetzte, habe ich zwei Hetero-Freunde getroffen, die auch zur Pride gingen. Auf dem Weg zur Wohnung meines kanadischen Kumpels, der nicht weit vom Taksim-Platz wohnt, wo die Pride stattfand, ruft mich eine Freundin von der Uni an und sagt, wir sollen lieber nicht kommen. Die Polizei greife die Teilnehmer gerade grundlos mit Wasserwerfern, Pfeffergas und Gummigeschossen an - ohne Vorwarnung. Daraufhin macht sich natürlich Riesenenttäuschung breit. Da ich mein Leben nicht riskieren wollte, sind wir im Cihangir-Viertel geblieben, wo sich die Teilnehmer versammelt hatten. Ich war ziemlich wütend. So eine Demütigung hatten wir echt nicht verdient. Um uns nicht den Rest des Tages auch noch zu vermiesen, sind wir dann wieder auf die andere Seite des Bosporus gefahren und haben den Tag dort verbracht.

cafébabel: Was hattest du von diesem Tag erwartet?

Moshe: Wir feiern die Gay Pride seit 12 Jahren ohne Probleme in der Türkei. Die Trans Pride war eine Woche vorher absolut normal verlaufen, und das mitten im Ramadan-Monat. Deshalb habe ich gedacht, dass alles gut gehen würde. Dass wir uns Gehör verschaffen und unsere Forderungen an die Justiz durchsetzen und die Rechte der LGBT-Gemeinschaft verteidigen könnten. Zum Beispiel das Recht zu heiraten oder Kinder zu adoptieren. Ganz einfach Gesetze, die Individuen schützen, welche nach wie vor schräg angeschaut werden. Und dann kam das. Ich wollte eigentlich neue Leute kennenlernen und einen Abend im Freudentaumel und mit viel Liebe verbringen.

Wenn die Polizei Wasserwerfer einsetzt

cafébabel: Wie ist der Alltag der Schwulen-Community in der Türkei?

Moshe: Das ist schwer zu beantworten, da es so viele Variablen gibt. Da sich der Staat zu LGBT-Fragen sehr bedeckt hält und die türkische Verfassung nicht einen Artikel zum Schutz dieser Community beinhaltet, sind wir auf uns allein gestellt, ziemlich prekär und den Eventualitäten des Alltags ausgeliefert. Es gibt schwule Journalisten, schwule Manager und auf der anderen Seite gibt es Homosexuelle, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung von ihren Familien getötet werden. Alles hängt also von der Familie und dem Umfeld ab, in dem du groß geworden bist. Es kann das Paradies oder die Hölle sein.

cafébabel: Und für dich persönlich?

Moshe: Ich hatte weder Probleme mit meiner Familie noch im Studium. Allerdings ist das eine Privatuni, an der es sogar eine Vertretung der LGBT-Community gibt, die vom Dekanat anerkannt wird. Ich habe also während meines Studiums nicht unter Diskriminierung gelitten. Alle wussten, dass ich schwul bin, auch meine Professoren. Ich habe in meinen Hausarbeiten auch oft das LGBT-Thema behandelt, um die Leute auf die Frage aufmerksam zu machen. Ich bin von tollen Freunden umgeben - Mädels, Jungs, Transsexuelle, Schwule, Lesben - und habe nie Diskriminierung erfahren.

Aber für die Mehrheit unserer Community ist das Leben nicht immer so gnädig. In manchen Regionen der Türkei hört man immer wieder schlimme Geschichten, von jungen Männern, die von ihren Vätern getötet werden, oder von einem Homosexuellen, dessen Familie ihm den Tod androht, sollte er das Dorf nicht verlassen. Die Diskriminierung geht dann in der Schule weiter, homosexuelle Studenten werden von ihren ‚Freunden‘ oder Professoren angegriffen. Das kann überall passieren. Aber das eigentliche Problem ist und bleibt, dass es keine rechtliche Absicherung für uns als Bürger gibt. Wir sind gezwungen den Mund zu halten. Ich finde das ziemlich gefährlich für eine Gesellschaft. Wie schon Nietzsche sagte: „Alle verschwiegenen Wahrheiten werden giftig.“

cafébabel: Siehst du dein Leben weiterhin in der Türkei?

Moshe: Auf jeden Fall. Ich will auf keinen Fall mein Land verlassen, auch wenn ich die Entscheidungen der Regierung abscheulich archaisch finde. Hier in Istanbul leben Juden, Armenier, Griechen, Italiener, Assyrer, Aleviten, Sunniten… in einer Gemeinschaft zusammen. Ich lebe wie eine Pascha. Meine einzige Sorge ist das Heiraten, das ist nicht legal hier in der Türkei. Aber ich werde meine Geburtsstadt nicht aus dem einfach Grund verlassen, dass ich hier nicht heiraten darf.

* Name von der Redaktion geändert