Gesellschaft

Schwere Zeiten für den Döner Kebab

Artikel veröffentlicht am 17. April 2009
Artikel veröffentlicht am 17. April 2009
Ende Jänner 2009 berichtete die türkische Zeitung Hürriyet, dass die Gemeinde Viersen in Deutschland Händler zwinge, das türkische Wort „Döner“ mit seinem deutschen Äquivalent „Drehspieß“ zu ersetzen. In Italien verbietet das Bürgermeisteramt von Lucca „ethnisches Fastfood“ im Stadtzentrum. Ist der Döner Kebab etwa die Zielscheibe eines antitürkischen Komplotts?

Mahmut Aygün wird sich im Grab umdrehen! Er starb im Jänner dieses Jahres im Alter von 87 Jahren im Berliner Seniorenheim Türk Bakim Evi. Abgesehen von den Stammgästen seines ausgezeichneten Restaurants Hasir in Kreuzberg erinnert sich jedoch niemand an seinen Namen. Und doch hatte der mit 16 Jahren nach Deutschland eingewanderte türkische Arbeiter zu Lebzeiten eine Idee, die die europäische Fastfood-Landschaft verändern würde. So beschloss er, als er 1971 in einem kleinen Restaurant am Bahnhof Zoologischer Garten in Berlin arbeitete, das Fleisch, das er normalerweise auf einem Teller mit Reis und Salat servierte, in ein rundes Brot zu geben. Und schon ward die erste türkisch-deutsche Spezialität, ein kleines Sandwich namens Döner Kebab, geboren.

Schnell wurde der Döner Kebab zum Symbol der türkischen Gemeinschaft in Deutschland, die aus etwa 3,5 Millionen Menschen besteht. Wenn über die Türken in Deutschland berichtet wird, zeigt selbst das türkische Fernsehen oft eine Nahaufnahme eines Kebabs, das sich auf einem Spieß dreht, was von den deutschen Türken nicht immer positiv aufgenommen wird, die genug davon haben, mit einem Sandwich gleichgesetzt zu werden. 

Allein in Berlin und Umgebung zählt man heute bereits über 1600 „dönerci“ (Dönerverkäufer). Rund 720 Millionen Döner werden jährlich in Deutschland verkauft und die Einnahmen des Döner-Geschäfts sind drei Mal höher als die von Mc Donald’s in Deutschland. Eine vegetarische Version mit Käse, eine belgische mit Pommes, im dünnen Fladenbrot, Mac Kebab ... Da ist für jeden etwas dabei!

Verleumderisches Gammelfleisch?

Und doch war der Döner Kebab eine Zeit lang vom Aussterben bedroht. Die 1990er und die Entdeckung der Creutzfeld-Jakob-Krankheit bringen den Döner Kebab, der oft aus Rindfleisch hergestellt wird, in eine schwierige Lage. Die Döner-Produzenten weichen auf Hühner- und Putenfleisch aus. Einige Jahre später wird der Ruf des Döners weiter beschmutzt, als es Ende Sommer 2006 eine zu einer Welle von Gammelfleisch-Skandalen kommt. Ein Lastwagen mit mehreren Tonnen verwesendem Fleisch wird auf dem Weg von einem bayrischen Unternehmen zu Döner-Produzenten abgefangen.

Jedes Jahr versuchen sie uns mit neuen Beschuldigungen in Verruf zu bringen.

Die türkischen Medien riechen ein Komplott. Die Mitte-rechts Tageszeitung Milliyet zitiert Arif Arslan, einen Händler türkischer Herkunft: „Jedes Jahr versuchen sie uns mit neuen Beschuldigungen in Verruf zu bringen.“ Die ähnlich gesinnte Tageszeitung Sabah spricht von einer „Schmutzkampagne“. Während einige Politiker die Aktualität des Gammelfleisch-Skandals nutzten, um die Frage nach der Integration der türkischen Gemeinschaft wieder hervorzuholen, haben sich andere im Gegensatz dazu entschieden, den Immigranten ihre Unterstützung zuzusagen. So wurde Claudia Roth, die Bundesvorsitzende der Grünen in Deutschland, abgebildet, als sie mit einem Lächeln auf den Lippen das Fleisch vom Kebabspieß schnitt.

Einige Döner-Restaurants sind auch das Ziel von Feindseligkeiten extrem rechter Gruppen, ja sogar von Attentaten, besonders in den Regionen der ehemaligen DDR. So wurde zum Beispiel im April vergangenen Jahres ein türkisches Restaurant in Cossebaude, in der Nähe von Dresden, teilweise durch einen Molotov-Cocktail zerstört.

Eineinhalb Gläser Speiseöl

©nicolasnova/flickrAls Opfer seines eigenen Erfolgs und des erbitterten Preiskampfs, den sich die verschiedenen Fastfood-Lokale liefern, leidet der Kebab wie die gesamte Fastfood-Branche noch dazu unter dem steigenden Interesse an einer gesünderen und ausgewogeneren Ernährung. Laut einer vor kurzem veröffentlichten britischen Studie kommt der Verzehr eines Kebabs dem Trinken von eineinhalb Gläsern Speiseöl gleich.

In einem Interview kurz nach der Entdeckung des ersten Gammelfleischs gibt der deutsche Kebabexperte und Autor des Buches Aufgespießt - Wie der Döner über die Deutschen kam, Eberhard Seidel-Pielen, Ratschläge zur Vermeidung von Verdauungsbeschwerden. Er warnt aufgrund der Salmonellengefahr vor dem Hühner-Döner und vor Dönern, die weniger als 2 Euro 50 kosten, die Schwelle für das Qualitätsminimum des Fleisches. Außerdem empfiehlt er, ein Restaurant auszusuchen, in dem auch Türken essen.

Heute, in Zeiten der Krise, wird jeder Euro zwei Mal umgedreht. In Berlin kostet ein Döner zwischen einem und drei Euro. Es ist schwierig, noch billiger essen zu gehen und die kleinen Restaurants bleiben nicht leer. „Danke, Mahmut!“ lautete die Schlagzeile einer deutschen Tageszeitung zum Tod von Mahmut Aygün. Sein Döner wird ihn zweifellos noch einige Zeit überleben.