Gesellschaft

Schwedische Atheisten und polnische Katholiken

Artikel veröffentlicht am 3. März 2009
Artikel veröffentlicht am 3. März 2009
Europa ist kein Kontinent der Ungläubigen. Mehr als die Hälfte der Europäer glaubt an Gott. Die religiöse Vielfalt macht den Kern des Gebildes Europa aus. Könnte der Laizismus der Leim sein, der alles zusammenhält?

52% aller EU-Bürger glauben an die Existenz Gottes. 27% glauben eher an eine spirituelle oder übernatürliche Kraft, während sich 18% als Atheisten bezeichnen. Eurobarometer, eine Reihe von Studien im Auftrag der Europäischen Kommission, veröffentlichte diese Ergebnisse im Jahre 2005. Betrachtet man die Frage nach der Religion aus nationaler Perspektive wird schnell klar, dass der Kontinent stark polarisiert ist.

©caramel/flickrDer Vatikan ist ein unabhängiges europäisches Land mit der geringsten Anzahl von Atheisten. Weiter nördlich bezeichnen sich 80% aller Skandinavier als Atheisten, so die britische Soziologin Grace Davie, die Religion in Europa erforscht. Einerseits haben wir auf dem alten Kontinent die säkularen Länder Frankreich und die Tschechische Republik, andererseits Polen und Irland mit einer sehr geringen Prozentzahl an Nichtgläubigen (3% bzw. 7%). Dennoch praktiziert nur rund die Hälfte aller Polen ihren Glauben, und das in einem Land, in dem 95% der Bevölkerung katholisch sind.

Im Januar 2009 wurde Europa Zeuge der ersten weit angelegten Atheismus-Kampagne, die von Großbritannien aus startete. Plakate mit der Aufschrift Wahrscheinlich gibt es keinen Gott. Hör jetzt auf dir Sorgen zu machen und genieß dein Leben klebten landesweit an den roten Doubledecker-Bussen. Einige Zeit vorher wurde auf dem Edinburgh Festival eine Debatte über die Rolle des 'neuen Atheismus' in Europa geführt, an der auch Christopher Hitchens, gefeierter Autor des Buches God Is Not Great: How Religion Poisons Everything (‘God is Not Great: The Case Against Religion’, 2007) teilnahm. Sind wir also Zeuge eines atheistischen Evangelisierungsprozesses?

Der Bau eines säkularen Europas

Für Religionssoziologen beispielsweise, die Akademiker wie Freud und Marx unterstützen, verschwindet der Glaube an Gott dann, wenn er nicht mehr von Nutzen ist. Wenn wir nicht mehr Hunger leiden oder von ansteckenden Krankheiten bedroht werden, könnten wir aufhören, uns an Gott als letzten Zufluchtsort zu wenden. Die europäische Tradition spielt in diesem Prozess ebenfalls eine große Rolle. Aus politischen Gründen wurde der griechische Philosoph Sokrates zum Tode verurteilt, nachdem man ihn des Atheismus angeklagt hatte.

In neuerer Zeit war es die französische Aufklärung, die den Atheismus der Gesellschaft zuführte. Zu seinen Verfechtern gehörten Diderot, Montesquieu, Rousseau und Voltaire. Dank der Französischen Revolution wurde der Atheismus in Frankreich der Bevölkerung per Revolution verabreicht, bevor er sich über den ganzen Kontinent ausbreitete. Das Konzept der Säkularität, bei dem Staatliches und Religiöses voneinander getrennt wurden, nahm Gestalt an.

In Deutschland erklärte der Philosoph Friedrich Nietzsche hundert Jahre später, Gott sei tot, während der Naturalist Charles Darwin in England bewies, dass der Mensch ein Produkt der Evolution und nicht das Ergebnis göttlicher Schöpfung ist. Im 20. Jahrhundert spaltete sich Europa in zwei atheistische Lager: den Marxismus-Leninismus im Osten und den Existenzialismus im Westen. Seit 1957 die Unterzeichnung des Vertrags von Rom den Prozess der europäischen Integration anstieß, sind die Gesellschaften des westlichen Europas säkular geworden - scheinbar unumkehrbar.

Die Zukunft der Religion

Das ist eine zentrale Frage, insbesondere in Bezug auf die derzeit stattfindenden Diskussionen um europäische Identität und die Rolle des Christentums. Geht es nach dem slowenischen Philosophen und Psychoanalytiker Slavoj Žižek, so sollte der Atheismus der ideologische und universelle Leim sein, der Europa zusammenhält. Radosław Tyrała, polnischer Soziologe aus Krakau, jedoch zweifelt an daran, dass eine Lösung auf Grundlage eines zu stark vereinfachten Religionsbegriffs als Konfliktursache die beste ist. Er schreibt: 'Religion schafft keine Konflikte, sie ist vielmehr die Manifestation eines grundlegenden Mechanismus, der Konflikte auslöst - eine Tendenz, die tief im menschlichen Gemüt verankert ist: Menschen zur eigenen oder fremden Gruppe zugehörig aufzuteilen. Keine Ideologie kann ein Europa im perfekten Gleichgewicht garantieren. Ich würde jeden, der das Gegenteil denkt, mit einem gewissen Maß an Misstrauen betrachten.'