Gesellschaft

Satiremagazin Le Gorafi: „Wir leben in absurden Zeiten“

Artikel veröffentlicht am 23. April 2017
Artikel veröffentlicht am 23. April 2017

Gegründet während der französischen Präsidentschaftswahlen 2012 ist die Satireseite Le Gorafi heute ein Phänomen: Sie hat über 3 Millionen Leser, wird von Massenmedien und von Politikern zitiert. Steht die „Gorafisierung“ Frankreichs also kurz bevor? Ein Interview mit Gründer Sébastien Liébus.

cafébabel: In den letzen Jahren ist die Anzahl der satirischen Nachrichtenseiten um ein Vielfaches gestiegen. Wie erklären Sie sich diesen Erfolg ?

Sébastien Liébus (Mitgründer): Wir leben in ziemlich absurden Zeiten. Die Leute haben das Bedürfnis, alternative Informationsquellen zu finden, ein anderes Fenster zur Welt, die sie umgibt. Das funktioniert, wir haben heute an die drei Millionen Besucher pro Monat.

cafébabel: Welche Themen kommen am besten an?

Sébastien Liébus: Es ist schwierig, im Voraus zu wissen, ob ein Artikel funktionieren wird - die Reaktion der Leute ist kaum vorherzusehen. Im Moment thematisieren wir vor allem das politische Tagesgeschehen, da die Präsidentschaftswahlen anstehen (der zweite Wahlgang findet am 7. Mai statt, Anm. d. Red.). Unterm Strich haben wir genau die gleiche Herangehensweise wie jedes andere Medium auch.

cafébabel: Ist es schwierig, mit der Realität in Konkurrenz zu treten, wo sich doch die politische Klasse quasi von Natur aus für Karikaturen eignet?

Sébastien Liébus: Das ist eine echte Herausforderung. Wir sind dadurch gezwungen, uns ständig zu wandeln. Trump zum Beispiel ist sehr schwer zu karikaturisieren, weil der generell so übertrieben ist. Die Schwierigkeit besteht darin, Feinheiten hinzubekommen, ohne schwerfällig zu sein. Der Effekt, den die Satire erzielen will, kann entweder traurig oder komisch sein.

cafébabel: Wie ist Le Gorafi entstanden?

Sébastien Liébus: Technisch gesehen sind wir im Februar 2012 gestartet, während des französischen Präsidentschaftswahlkampfs. Historisch gesehen ist Le Gorafi 1826 von unserem Herausgeber Jean-François Buissière gegründet worden. Die Seite zählt heute weltweit knapp 650 Redakteure (lacht).

cafébabel: Was ist Ihr bester Beitrag?

Sébastien Liébus: Da gibt es mehrere. Vielleicht der Kandidat, der in einer Zelle des Fort Boyard vergessen wurde, oder der Mann, der in Polizeigewahrsam kam, weil er in der Métro zu viel lächelte. Aber wir haben da keine bestimmte Vorliebe. Wir lieben alle unsere Stories, selbst wenn sie nicht immer ihr Publikum finden.

cafébabel: Was ist mit Ihren europäischen Satire-Kollegen ?

Sébastien Liébus:  Wir hatten mehrmals die Gelegenheit, The Onion (The Onion ist eine amerikanische Satirewebsite, Anm. d. Red.) zu treffen und uns mit ihnen auszutauschen. Das macht uns stolz. Dann gibt es da noch The Daily Mash in England, deren Betreiber wir aber nicht persönlich kennen. Außerhalb von Europa gibt es die Seite El Manchar in Algerien, die auch sehr gut läuft. Allerdings werde ich mir zur belgischen Website (Nordpresse, Anm. d. Red.) nicht äußern. Ich halte ihre Arbeit für gefährlich.

cafébabel: Was halten Sie von der Art und Weise, wie generell mit Nachrichtenmeldungen umgegangen wird?

Sébastien Liébus: Wir leben in der „fake news“-Ära, wo man nicht mehr so genau weiß, wer die Wahrheit sagt. Tools für einen „fact-check“ sind in den letzten Monaten stark verbreitet worden, auch wenn sie nicht jeder nutzt. Abgesehen davon hat Russland sein eigenes Fact-checking-Netz aufgebaut, um daraus Propaganda zu machen. Russia Today hat den Faktencheck genutzt, um Artikel über die Piraterie russischer Hacker zu widerlegen. Harmlos ist das nicht.

cafébabel: Ist es Ihre Absicht, die Politik zu beeinflussen?

Sébastien Liébus:  Nein, denn das würde bedeuten, dass wir Verantwortung übernehmen müssten, und das hassen wir. Wir wollen nicht den Oberlehrer spielen. Satire ist ein Spiegel, den wir einem Ereignis vorhalten. Gut möglich, dass der Reflektion dann nichts abgewonnen wird. Neulich haben wir einen Running Gag über Emmanuel Macron auf der Suche nach seinem Programm gemacht, und man fragt uns oft, ob wir nicht befürchten, ihn als zu sympathisch darzustellen. Die Antwort ist nein, wir wollen ihn nicht menschlicher darstellen oder was auch immer. Ganz im Gegensatz zu den Guignols de l’info (eine satirische Fernsehsendung, Anm. d. Red.), die bei der Personifizierung ihrer Figuren ganze Arbeit geleistet haben - und die Chirac so 1995 fast schon sympathisch gemacht haben.

cafébabel: Haben wir es in der heutigen Presse mit einer gewissen Sensationsgier zu tun?

Sébastien Liébus: Ich habe den Eindruck, dass sich die Presse heute weiterentwickelt, indem sie sich an The Onion orientiert, zum Beispiel was die Berichterstattung über Lokalnachrichten oder vermeintlich unbedeutende Ereignisse angeht. Wir stützen uns häufig auf klassische Medien wie BFM oder 20 minutes, die ungewöhnliche Meldungen aufgreifen, um die Leute zum Lachen zu bringen, und die dabei hohe Zugriffszahlen erzielen. Wir greifen ihre Codes auf, aber letzten Endes sind sie es, die uns kopieren.