Gesellschaft

Satire: Darf man in Europa über alles lachen?

Artikel veröffentlicht am 19. Januar 2015
Artikel veröffentlicht am 19. Januar 2015

In Frankreich ist das Thema Humor über einen bekannten Satz des Komikers Pierre Desproges folgendermaßen in Stein gemeißelt: "Man kann über alles lachen, aber nicht mit jedem". Auch Charlie Hebdo hat immer nach diesem Prinzip funktioniert. Und im Rest von Europa? 

In der Redaktion oder beim Feierabendbier ist es uns nicht selten passiert, in tiefste Klischees zu verfallen. Im Allgemeinen können wir darüber lachen. Doch manchmal geht es auch heftig zu und einige Argumente genügen, um die freundschaftliche Kameradschaft auf die Probe zu stellen. Katha kann davon ein Liedchen singen. In den acht Jahren, die sie bereits in Frankreich lebt, hat die deutsche Mittdreißigerin bereits mehr Godwin-Punkte erlebt (das Totschlagargument 'Hitler-Deutschland' taucht irgendwann immer in längeren Online-Diskussionen auf; A.d.R.) als alle anderen. Dass man ihr abends mit Hitler ankommt, so gibt sie zu, "nervt sie mmer noch ganz schön". "Trotzdem habe ich das Gefühl, dass sich in Deutschland da einiges getan hat", erzählt sie weiter. "Vorher wurde nicht allzu viel über Hitler gelacht. Doch 2012 wurde eine Hitler-Satire zum Bestseller in Deutschland (Timur Vermes: Er ist wieder da).

Das jüdische Tabu

Grundsätzlich, so sagt Katha, könne man in Deutschland über alles lachen, der Blasphemie-Paragraf wird so gut wie nie angewandt. "Das sagen zumindest das Gesetz und Kurt Tucholsky mit seinem bekannten Ausdruck - Satire darf alles! Sie kann heute sogar Martin Sonneborn heißen und im Europaparlament sitzen." Doch der jungen Deutschen zufolge existieren trotzdem Empfindlichkeiten und Tabus, die selbst die härtesten Komiker nicht aufs Korn nehmen: die Juden. "Das Thema ruft immer noch Unbehagen hervor, quasi immer ein peinlicher Moment. Einfach nicht lustig." 

Das mag euch jetzt vielleicht komisch vorkommen, aber die Deutschen teilen dieses Tabu scheinbar mit den Italienern. Cecilia, die gerade erst nach Paris gezogen ist, erklärt, dass man in Italien mit Judenwitzen auf der Straße nicht gern gesehen ist. "Das sind Sachen, die man hinter vorgehaltener Hand oder unter Freunden erzählt", sagt sie. "In Italien hat der Holocaust nach wie vor einen wahrhaftigen Einfluss auf die Jugend."

In den Medien hat es Italien eher mit der Omnipräsenz einer anderen religiösen Gemeinschaft zu tun, die Kirche, die mit der Unterstützung des Vatikans ein Staat im Staat bleibt. "Ob für ein Theaterstück, eine Satiresendung oder eine Zeichnung, die Kirche hat nach wie vor einen nicht zu verleugnenden Einfluss auf die Rezeption in der öffentlichen Meinung", präzisiert Cecilia. Als Beispiel nennt sie den fast abenteuerlich scheinenden Fall des italienischen Wochenmagazins Il Vernacoliere, das 2005 eine Karikatur des ehemaligen Papstes Joseph Ratzinger alias Benedikt XV. veröffentlichte. Die Zeitung wurde nie öffentlich verklagt, doch die Kirche hat ein "komplett imaginäres" Gesetz aus dem Boden gestampft, um seine Macht auszuüben: "Verleumdung der katholischen Religion und Missachtung des Papstes".

Autounfälle und die Wut Gottes Doch diese Art von EInflussnahme hat nicht immer unbedingt mit einem Tabu zu tun. Viele sprechen in diesem Rahmen auch von Selbstzensur, um die Zurückhaltung der Medien und Zivilgesellschaft, sich über bestimmte Institutionen lustig zu machen. In Polen spricht man in diesen Fällen sogar von "Angst". Pia, eine junge Polin, die seit 2 Jahren in Paris lebt, gibt zu verstehen: "Die Polen lachen nicht über die Dinge, die sie fürchten, aus angst, dass diese dann auch tatsächlich eintreten. Und der Pole hat grundsätzlich vor zwei Dingen Angst: Autounfälle und die Wut Gottes." Öffnet man eine polnische Zeitung, in einem Land, in dem sich 80% zum Katholizismus bekennen, wird es ziemlich schwierig, sich dort über Jesus- oder Gott-Satire lustig zu machen. Zeichnet die Nachwuchsgeneration 2015 auch andere als die vorgegebenen Figuren? "Die jüngere Generation hat eine weniger konservativere und regressive Einstellung", antwortet Pia. "Aber besonders typisch ist eine Sache: ihre Geht-mir-am-Arsch-vorbei-Haltung."Autounfälle und die Wut Gottes

Autounfälle und die Wut Gottes

Doch diese Art von Einflussnahme hat nicht immer unbedingt mit einem Tabu zu tun. Viele sprechen in diesem Rahmen auch von Selbstzensur, über die Zurückhaltung der Medien und Zivilgesellschaft, sich über bestimmte Institutionen lustig zu machen. In Polen spricht man in diesen Fällen sogar von "Angst". Pia, eine junge Polin, die seit 2 Jahren in Paris lebt, gibt zu verstehen: "Die Polen lachen nicht über die Dinge, die sie fürchten, aus Angst, dass diese dann auch tatsächlich eintreten. Und der Pole hat grundsätzlich vor zwei Dingen Angst: Vor Autounfällen und der Wut Gottes." Öffnet man eine polnische Zeitung, in einem Land, in dem sich 80% zum Katholizismus bekennen, wird es ziemlich schwierig, sich dort über Jesus oder Gott lustig zu machen. Zeichnet die Nachwuchsgeneration 2015 auch andere als die vorgegebenen Figuren? "Die jüngere Generation hat eine weniger konservativere und regressive Einstellung", antwortet Pia. "Aber besonders typisch ist eine Sache: ihre Geht-mir-am-Arsch-vorbei-Haltung."  

In Spanien hat Humor seinen Preis und die Inflation wird auf der Basis der Launen des Königshauses festgelegt. Nach dem spanischen Gesetz werden Verleumdung und anderweitige Beleidigungen der Monarchie mit mindestens zwei Jahren Gefängnis bestraft. Ainhoa, eine 23-jährige Spanierin, die in Paris lebt, musste heftig lachen, als sie 2007 zum ersten mal den Aufmacher der Satirezeitung El Jueves sah, auf dem der aktuelle König Spaniens Felipe VI., seine Frau von hinten nahm. Das Problem: das Land wartete erst, bis das Bild im Internet landete, um dann endlich öffentlich darüber lachen zu können. Am Tag der Veröffentlichung ließ der Richter die Spezialausgabe beschlagnahmen. Viele andere Fälle dieser Art sind bekannt. Die spanische Justiz ist nicht wirklich repräsentatv für eine Zivilgesellschaft, die sich schief lacht. Fragt man Ainhoa nach Tabus in Spanien, zögert sie kurz und sagt dann: "Ich hätte jetzt spontan Franquismus gesagt, aber mittlerweile lachen wir da auch drüber. Zu Abenden mit Familie oder Freunden wird über alles und jeden gescherzt: über die Königin, den König, Roma, arme Menschen, Arbeitslose..."

Politisch korrekte Angelsachsen

Die Debatte über die Grenzen der freien Meinungsäußerung, die nach den Attentaten in Paris noch heftiger ausgefochten wird, hat im Vereinigten Königreich und in weiteren angelsächsischen Nationen ein größeres Echo. Deshalb auch die Entscheidung der Mehrzahl angelsächsischer Medien, die Charlie Hebdo-Karikaturen nicht zu drucken. Löst sich der respektlose Humor in multikulturellen Gesellschaften, die sich  besonders um die Einheit unter den Communities sorgen, auf? "Wir machen uns nie über Charakteristika von Menschen lustig, die mit Religion, Rasse, Geschlecht, Behinderung, sexuelle Orientierung... zu tun haben", erklärt Kait, kanadische Journalistin, die in Europa lebt und arbeitet. "Kanada ist vielleicht das politisch korrekteste Land der Welt. Ich bin nach wie vor schockiert, wenn ich manche Franzosen und ihre Witze höre, die ich meistens für rassistisch, sexistisch oder homophob halte. Das ist ein Kulturschock für mich."

Jedes Land in Europa hat seine ganz eigenen Sensibilitäten, Tabus, die mehr oder weniger ausgesprochen werden. Das universelle Problem mit dem Humor bleibt, dass man Form und Inhalt nicht getrennt betrachten kann. Ab wann ist man also zu weit gegangen? Auch Frankreich muss sich dieser Frage aktuell stellen. Denn hinter dem Freiheitsbegriff können sich sowohl Charlie als auch Dieudonné tummeln (ein polemischer Komiker mit antisemitischen Tendenzen, der einen Tag nach dem Attentat tweetete 'Je suis Charlie Coulibaly' und daraufhin festgenommen wurde).