Gesellschaft

Sardinien: Wenn der Sand in den Koffer wandert

Artikel veröffentlicht am 28. September 2015
Artikel veröffentlicht am 28. September 2015

Jeden Sommer landen tonnenweise Sand, Steine und Muscheln im Gepäck von Touristen. Was als unschuldige Tat und wertloses Souvenir daherkommt, führt zu gravierenden Schäden für die Umwelt. Die Angestellten des Flughafens von Cagliari haben sich spontan zusammengeschlossen, um die Strände von Sardinien zu verteidigen.

Umweltschäden stellen wir uns oft vor wie eine Spur, die der Mensch hinter sich zurücklässt: Zement, Bausünden, Abfälle, Müllhalden. Viel seltener kommt uns der Gedanke, dass auch ein mitgenommenes Fläschchen voll Sand oder am Strand gesammelte Muscheln eine ernste Gefahr für das Ökosystem darstellen können.

Strände werden zum Basar für illegale Souvenirs

Nach dem Sommer wird auf Sardinien Bilanz gezogen: zwischen Juni und August wurden 5 Tonnen Sand im Gepäck von Touristen gefunden, und das allein am Flughafen Cagliari. Die Arbeiter des Flughafens schreiben auf ihrer Facebookseite Sardegna rubata e depredata: „Wenn Ihnen das wenig vorkommt, multiplizieren Sie es mit den 3 Flughäfen und 5 Häfen der Insel und sehen Sie sich die Dimensionen des Phänomens an.“

Die Ausmaße dieses wahrhaftigen Raubs am helllichten Tag sind beeindruckend. Ebenso wie das fehlende Bewusstsein der Touristen. „Die Fluggäste sind sich selten bewusst, dass sie eine Straftat begangen haben und entschuldigen sich. Aber sie beschweren sich auch, zu wenig darüber informiert zu sein“, sagen die Angestellten des Flughafens, „Wir sind nicht berechtigt, die Täter zu bestrafen und beschränken uns darauf, das Material an uns zu nehmen“.

Besonders in der Urlaubssaison von Mai bis Oktober wird viel geplündert, aber auch zu anderen Zeiten finden die Flughafenmitarbeiter einiges an Diebesgut. Der begehrteste Sand ist anscheinend der des herrlichen Is Arutas Strand. Viele tragen bunte vom Meer glattgeschliffene Steine, mit Sand gefüllte Flaschen, oder Muscheln in ihren Taschen mit. Und das teilweise in unglaublichen Mengen: „Vor Jahren wollte ein Typ ein Gepäckstück mit einem kugelrunden Granitstein von 45 Kilo einschiffen“.

Alles zurück an seinen Platz

An diesem Punkt interveniert die „Task force“ der Angestellten an der Gepäckkontrolle von Elmas, dem Flughafen von Cagliari. Mit einer akribischen, aber vollkommen selbstorganisierten und freiwilligen Aktion. „Seit ich im Jahr 2000 angefangen habe, hier zu arbeiten“ erzählt ein sardischer Angestellter, „haben wir uns gefragt, wer dafür zuständig ist diese unnütze und schändliche Plünderung zu verhindern“. Nachdem sie vom Forstkorps über die Küstenwache bis hin zur Region alle Autoritäten informiert hatten, entdeckten sie, dass alle sich „beeindruckt“ zeigten, aber „in 15 Jahren ist nie etwas Konkretes unternommen worden“.

Mit der eigenen Insel verwachsen, haben sie beschlossen, das Problem selbst anzugehen: „Wir hatten nicht einmal einen Platz, wo wir das Diebesgut nach der Beschlagnahme lagern konnten. Mit gutem Willen und mit unseren eigenen Autos haben wir in unserer Freizeit angefangen all das Material an die Strände zurückzubringen“. Es sind etwa 20 Angestellte, die geduldig jedes Mal die Passagiere fragen, wo sie die illegalen Souvenirs gesammelt haben und sich der Aufgabe widmen, „alles mehr oder weniger an seinen Platz“ zurückzubringen: „dutzende Fahrten mit Gepäck voll Steinen und Sand, zur Freude der Stoßdämpfer an unseren Autos“.

Von der Facebook-Seite zur Petition

Am 12. Juli 2015, nach Jahren eher zurückhaltender Arbeit, haben diese „Engel der Strände“ beschlossen, eine Facebook-Seite zu erstellen „um so vielen Menschen wie möglich diese leider unterschätzte Unsitte bekannt zu machen,“ sagt ein Administrator. „Materialien wie Sand, Steine oder Muscheln dem Ökosystem zu entreißen, schafft schwerwiegende und irreparable Schäden“. Außerdem ist es eine Straftat nach Artikel 1162 des Codice della navigazione. Trotzdem ist es schwierig, die Täter in flagranti zu erwischen. Es handelt sich also um ein Gesetz, das in der Realität kaum Anwendung findet.

„Die wunderschönen Strände, die wir heutzutage zertreten, haben sich in tausenden von Jahren unermüdlicher Arbeit des Meeres gebildet“, erzählt er weiter, „in wenigen Sekunden wird eine Flasche mit Sand gefüllt und macht das von der Natur kreierte Wunder zunichte“. Und wofür das Ganze? Um den Sand von Deutschland aus über eBay weiterzuverkaufen zum Beispiel. Bewegt sich etwas? „Wir wissen, dass sich nach der Erstellung der Seite auch die Angestellten am Flughafen von Olbia ähnlich verhalten, vom Flughafen Alghero haben wir noch keine Nachricht erhalten. An den Häfen gibt es keinerlei Art von Kontrolle, außer in seltenen Fällen“.

Wenn der Massentourismus auch schwere Schäden verursacht, „muss man sagen, dass die schlimmsten Feinde von Sardinien leider seine eigenen Bewohner sind. Der berühmte Strand von Is Arutas, fast ganz verschwunden, ist jahrzehntelang von den Bewohnern von Cabras geplündert worden: sie haben den Sand abgebaggert, um Gärten und Pools zu verschönern und ihn den reichen Besitzern von Villen an der Costa Smeralda zu verkaufen“. Seit die Seite online ist, hat Sardegna rubata e depredata eine Petition gestartet. Die Frage ist einfach: Sind die lokalen Institutionen daran interessiert, ein paar einfache Informationskampagnen und Überwachungsinitiativen zu starten? Die mehr als 8000 Personen, die bis zum 10. September unterschrieben hatten, warten auf Antwort.