Gesellschaft

Sans A_: Wie ein Magazin warm halten kann

Artikel veröffentlicht am 18. November 2016
Artikel veröffentlicht am 18. November 2016

Martin hat seit zweieinhalb Jahren keine Ferien gehabt. Der junge Franzose ist damit beschäftigt, das Magazin Sans A_  aufzubauen, ein Medium, das sich Menschen widmet, die kein Dach über dem Kopf haben oder unter anderen prekären Problemen leiden. Ein Interview mit einem Typen, der eine große Klappe hat - und ein großes Herz.

Matrosenshirt und Wintermantel, Augenringe vom Schlafmangel und eine Kippe im Mundwinkel - Martin Blesson erinnert an einen ganz normalen Pariser Jugendlichen. Mit der Ausnahme dass der 20-Jährige schon Gründer einer Zeitung ist. Vor zweieinhalb Jahren - da war die Medienkrise gerade auf ihrem Höhepunkt - gründete er das Magazin Sans A_ ["sans abri", auf deutsch: Obdachlose, Anm. d.Übers.], ein Medium, das in Fotos und Texten über das Leben von Obdachlosen berichtet. Dank seiner Redegewandtheit und seiner Determination hat Martin schnell 80 Freiwillige an Bord seines Projektes geholt, Fördergelder gesammelt und 5000 Leser begeistert. 

Die alltägliche Realität ist weniger rosig: „Ein Treffen nach dem anderen, um überhaupt die kleinste Entscheidung zu treffen“,  „sich auf den einen Businessplan einigen“, „Egos im Griff haben“, „einen Verein in ein Unternehmen verwandeln", „auf täglich 70 E-Mails antworten“... Auf der beheizten Terasse eines Pariser Cafés betet er die Aufgaben herunter, die seine Tage und Nächte dominieren. „Es ist kompliziert, aber man glaubt halt daran“, erzählt er ohne Ausflüchte und sucht nebenher nach einem Feuerzeug, um seine Zigarette wieder anzuzünden. Mit genau dieser Überzeugung, die tagtäglich all seine Gedanken einnimmt, kam er auch zu unserem Treffen bei einem Bier.

cafébabel: Als 18-Jähriger hast du beschlossen: „Ich gründe eine Medien-Plattform für Obdachlose." Wie kam das? 

Martin Besson: Als ich 17 Jahre alt war ging ich durch die Straßen und sah diese Menschen draußen - und sprach mit ihnen, oder rauchte eine Zigarette mit ihnen. Daher war ich schon ein bisschen sensibilisiert, was das Thema anging. Nachdem ich das Gymnasium beendet hatte, wollte ich meinem Leben einen Sinn geben. Es ist schön und gut, das Abitur in der Tasche zu haben, es ist schön, Play Station zu spielen, aber wenn nur das die Inhalte deines Lebens sind, ist das Leben nicht interessant und man tut den Anderen nichts Gutes. Deswegen habe ich mir gesagt: „Ich werde eine Woche lang auf der Straße leben, wie die Obdachlosen.“ Aus dieser Woche wurde nur ein Tag, weil es brutal hart war. Da habe ich verstanden, dass die Obdachlosen merh Aufmerksamkeit brauchen.“

cafébabel: Was war so hart?

Martin Besson: Du sitzt auf dem Bürgersteig, du frierst dir einen ab, sitzt in einem recht wohlhabenden Viertel, bist völlig blank, hörst aber, wie die Fußgänger über den letzten Abend sprechen, über ihre Einkäufe, etc. Da hast du schon viele Versuchungen und viel Frustration. Die Menschen schauen dich nicht an oder sie schauen auf dich herab, als wärst du ein Stück Scheiße. Letztendlich sagst du dir aber, weil sie keine Zeit haben. Warum sollten sie sich für einen Obdachlosen interessieren? 

cafébabel: Das Ziel von Sans A_ ist also, sich Zeit zu nehmen, das zu tun?

Martin Besson: Ich habe mir gedacht, dass man sie sichtbar machen sollte, weil viele der Stereotype daher kommen, dass man ihre Geschichte nicht kennt. Wenn man sie kennen würde, würde man sich die Zeit nehmen und zu ihnen hingehen, um mit ihnen zu sprechen. Wann wäre die Person nicht mehr nur 'ein Penner', sondern Jean-Claude, Jean-Marc oder Sophie, die alle eine Geschichte haben, und eine Vergangenheit. 

cafébabel: Erinnerst du dich  an den ersten Obdachlosen, den du interviewt hast? 

Martin Besson: Ja klar! Das war ein Schlag ins Gesicht. Die Person erzählt dir ihre Lebensgeschichte und du bemerkst, dass das allen passieren kann.

cafébabel: Es gibt viele Menschen, die nicht anhalten, um mit Obdachlosen zu sprechen, und zwar nicht, weil sie ihnen egal sind, sondern weil sie ein bisschen eingeschüchtert sind. Wie läuft das normalerweise ab, wenn ihr auf einen Obdachlosen zugeht? 

Martin Besson: Oft sind sie recht erstaunt. Manchmal, wenn man ihnen eröffnet, dass man Journalist ist, sagen sie: Ah, die kommen nur, um mit uns zu sprechen, weil sie sich selbst was erhoffen!“ Aber dann erklären wir unseren Ausgangspunkt - und das gefällt ihnen. 

cafébabel: Und wie unterscheidet sich eure Herangehensweise von den klassischen Medien? 

Martin Besson: Die klassischen Medien berichten meistens von Statistiken. Ihr oberstes Ziel ist die Produktion. Wir wollen auch über Statistiken sprechen, aber wir wollen vor allem eine Geschichte erzählen und nehmen uns Zeit, das zu tun. Letztens haben wir Sans A_ auf alle prekären Lebensformen ausgeweitet, weil letztendlich die Lebensbedingungen der Obdachlosen offensichtlich sind: Man geht aus dem Haus und man sieht sie. Aber man spricht nicht über Personen in anderen prekären Situationen, über schlechte Wohnsituationen, über Probleme, die mit Behinderungen oder der Gesundheit zusammenhängen. Wir haben beschlossen, uns auch diesen Problemen zuzuwenden, um die Menschen zu sensibilisieren und dazu zu bewegen, sich einzusetzen. Sans A_ ist kein aktivistisches Medium, aber ein engagiertes Medium, das überzeugt ist, dass über solche Fälle berichtet werden muss. 

cafébabel: Und was erhoffst du dir davon, Artikel zur Prekarität zu veröffentlichen? 

Martin Besson: Das Interessante ist, dass aus unseren Artikeln eine Interaktion zwischen unseren Lesern und den Obdachlosen hervorgeht. Zum Beispiel hat uns Brigitte erzählt, dass sie auf der Straße von vielen Menschen Besuch bekam, nachdem wir ihr Porträt veröffentlicht haben. Und ihre Schwägerin hat bei uns angerufen. Du siehst, das ist eine Bestätigung, dass die Sozialwissenschaften Einfluss haben können, wenn man das gut macht, was man macht. Es gibt auch Menschen, die uns danken und berichten: Dank euch hat sich mein Blickwinkel geändert!“ Und das ist für uns totaler Aufwind! Ich kann dir auch die Nachricht vorlesen, die mir Samuel - ein Mitglied von Sans A_ - gestern geschickt hat: „Manchmal geschehen Dinge, die dir den Glauben an diesen Beruf zurückgeben. Gestern Abend war so ein Moment. Ich saß mit Caroline im Café. Caroline ist die Ex von Pierre, einem ehemaligen Barmann, den ich vor einigen Wochen zusammen mit Corentin auf der Straße interviewt habe. Sie hatte keinerlei Nachrichten von ihm - bis sie gestern Abend das Porträt gelesen  hat. Sie brach in Tränen aus, und ich fand eine Bestätigung darin, dass wir das für einen guten Grund machen.“ 

cafébabel: Hast du Erwartungen an die Politik?

Martin Besson: Nein, ganz und gar nicht. Ich bin weit entfernt von all diesen Dingen. Ich habe keine Lust darauf, dass unser Anliegen von der Politik übernommen wird, weil wir unsere Leser haben, und es mit ihnen schaffen. Ehrlich gesagt: Verschiedenste Organisationen versuchen seit 30 Jahren die Politiker dazu zu bringen, sich dieser Fragen anzunehmen. Sie wissen seit langem um die Probleme, aber sie schaffen es nicht, die Dinge zu ändern - wie man im Sommer auch an der Reform des Arbeitsgesetzes gesehen hat! 

cafébabel: Aber willst du nicht mehr tun als Journalismus? Hast du nicht das Bedürfnis, die Dinge zu verändern? 

Martin Besson: Wenn du für die Medien arbeiten willst, kannst du kein Aktivist sein. Das funktioniert so nicht. Du kannst dich nicht irgendwo aktiv engagieren und danach mit den Worten auftauchen „Hallo, hallo, ich informiere euch jetzt.“ Da gibt es ein Problem der Glaubwürdigkeit, du bist nicht neutral. Das ist nicht unsere Rolle.

cafébabel: Ja, aber der Journalismus, den du machst, ist schon ein sozial engagierter, oder? 

Martin Besson: Ja, aber er ist nicht militant. Wir wollen es tatsächlich in Zukunft etwas mehr angehen. Wir werden einen Fokus auf lösungsorientierten Journalismus legen und Personen interviewen, die uns von ihren Ideen und Wünschen erzählen. So wollen wir versuchen, dass sich diese geäußerten Wünsche über unsere Leser realisieren lassen. Es ist dann an den Lesern, sich zu engagieren - oder auch nicht. 

cafébabel: Wovon träumen diese Menschen, die in prekären Lebenssituationen stecken?

Martin Besson: Es ist schwierig das zu verallgemeinern. Serge träumt zum Beispiel davon, ein Café für Obdachlose aufzumachen. Emmanuelle würde gerne ihren Lieblingssänger Barcelone treffen. Sie haben alle unterschiedliche Ambitionen und Wünsche. Aber wenn man sie porträtiert, sind sie einfach nur glücklich, ihre Geschichte erzählen und teilen zu können. Sie hoffen, dass das den Wandel bringen könnte. 

cafébabel: Welchen Wandel?

Martin Besson: Für die Obdachlosen bedeutet das, dass die Passanten sie öfter und freundlicher anschauen, dass man sie beachtet. Für die Menschen mit Behinderung heißt es, dass man sich sagt „ja, sie erfahren viele Probleme" und dass man ihnen hilft, diese Probleme zu regeln. Es gibt da viele Aspekte. Was wir schon versuchen, ist ihnen ein bisschen Glück, ein paar positive Dinge ins Leben zu bringen, indem wir ihre Geschichte erzählen. Und wenn wir es schaffen, so zwei oder drei Leser aufmerksam zu machen, dann haben wir schon Einiges erreicht. Wenn wir es schaffen, noch mehr zu überzeugen, dann ist das noch besser. Und wir werden alles dafür geben!