Gesellschaft

Saimir Mile verleiht den Roma eine Stimme

Artikel veröffentlicht am 2. September 2008
Artikel veröffentlicht am 2. September 2008
Saimir Mile ist der Vorsitzende des Verbandes “La Voix des Rroms“ ("Die Stimme der Roma"), der im Jahr 2005 in Paris gegründet wurde. Seit 2006 betreibt die Organisation einen gleichnamigen Blog, in dem Roma zu Wort kommen können, um die “Zigeuner-Psychose“ zu bekämpfen.
Ein Gespräch über die ineffiziente Integration in Europa, falsche Ausdrucksweisen und ein “Ethnobusiness“, das schwer auszumerzen ist.

Welche Vorurteile im Hinblick auf die Roma sind am Tiefsten verwurzelt?

©Viola Fiore“Das größte Vorurteil ist meiner Ansicht nach die Überzeugung, dass sich Roma in sich selbst zurückziehen, in ihrer Gemeinschaft isolieren und nicht in die Gesellschaft integrieren, in der sie leben. Das herrschende Bild ist das des Zigeuners, der stiehlt und in einem dreckigen Barackenlager lebt, aber einen Mercedes fährt und Zähne aus Massivgold funkeln lässt. Dabei muss zunächst einmal klargestellt werden, dass die Roma, die in verkommenen Lagern an Stadträndern wohnen, eine Minderheit darstellen. In Frankreich zum Beispiel trifft dies nur auf ein 1 bis 1,5 Prozent der 500.000 Roma zu. Die Ansicht bezüglich der Isolierung der Roma kommt ferner von dem völlig unzureichenden Wissen über diese Volksgruppe."

Wer sind die Roma wirklich? 

©Zingaro. I am a gipsy too/flickr“Nun, das ist eine gute Frage. Bevor man sie beantwortet, müsste man bezüglich aller anderen europäischen Völker die gleiche Frage stellen. Wer sind die Franzosen? Oder die Italiener? Sie alle haben unterschiedliche Identitäten, die sich im Verlauf der Zeit vermischt und zu den heutigen Nationen entwickelt haben. Die Roma stammen ursprünglich aus Südindien, von wo sie vor rund 800 Jahren vertrieben wurden. Aus dieser ursprünglichen Volksgruppe entwickelte sich dann das Volk der Roma, das sich durch Einflüsse der Regionen, die es durchwanderte, um vor allem nach Europa zu gelangen, diversifiziert hat.

Wie steht es mit dem Zugehörigkeitsgefühl zu diesem Volk?

“Das Gefühl der Identität ist unter den Roma sehr stark ausgeprägt. Ich habe einen Cousin in Albanien, der eine albanische Frau heiraten wollte. Aber seine Eltern, beide Roma, waren dagegen. Der Wunsch “Roma unter Roma“ zu bleiben, ist verbreitet, aber nicht die Regel. Am Stärksten werden Frauen behindert, die einen “Gadjo“, also einen Nicht-Roma heiraten wollen, der sich nach der Heirat meistens nicht in die Gemeinschaft integriert. Das Problem ist leicht zu verstehen: Je stärker man abgelehnt und aus der Gesellschaft ausgeschlossen wird, desto mehr neigt man dazu, sich in die eigene Gemeinde zurückzuziehen. Und die Geschichte der Roma ist voll von Ablehnung.“ 

In Frankreich, wie auch anderorts in Europa, scheint die Integration unzureichend zu sein. Gibt es Länder, wo das besser funktioniert?

“Im Balkan lief es besser, bevor der Krieg begann. In Albanien, meinem Ursprungsland, gab es mehr Mischung. Die Albaner lernten sogar Romani (die Sprache der Roma und Sinti, A.d.R.), was in Frankreich wohl nie geschehen wird!“ 

Warum schlagen die Integrationsversuche fehl?

“Weil bezüglich der Zielgruppe eine globale, entspannte und klare Sichtweise fehlt. Das beste Beispiel ist die Ausdrucksweise: In Frankreich spricht man von “gens du voyage“ (Reisenden, A. d.R.), obwohl die Roma schon seit langer Zeit keine Nomaden mehr sind. Diese Definition belegt, dass das Individuum Roma nicht existiert, und das in einer Republik, die den Kommunitarismus ablehnt. Wenn die Institutionen also die Roma weiterhin “Nomaden“ nennen, tun sie das, weil sie wollen, dass sie Nomaden sind. Diese Begriffe zu klären würde nämlich bedeuten, die Subventionen zu verlieren, die das so genannte “Ethnobusiness“ bringt, das nicht zu Unrecht schon “Gypsy Industry“ genannt wird.

(Zingaro. I am a gipsy too/flickr)

Nicht wenige haben sich auf die “Zigeunerfrage“ regelrecht spezialisiert: Unternehmen, die so genannte “Aufnahmelager“ verwalten (Lager, die oftmals in der Nähe von Mülldeponien und schmutzigen Fabriken aufgebaut werden, und in denen ein Teil der Roma lebt, A.d.R.), Sicherheitsunternehmen, Verbände, die der französische Staat mit der Verwaltung und der Bereitstellung von Dienstleistungen für Roma beauftragt hat und so weiter. Viel zu oft sind solche Maßnahmen jedoch unproduktiv, weil die Bevölkerung auf diese Weise in einem Zustand der totalen Abhängigkeit bleibt.“

Welche sind die herrschenden Strategien in Sachen Roma auf europäischer Ebene?

“In Europa überwiegt noch immer die Wahrnehmung der Roma als “asoziale“ Bevölkerung. Der erste Schritt, der unserer Meinung nach getan werden muss, ist eine rechtliche Anerkennung der Roma und ihrer Kultur. Dank der Entwicklung des Internets konnten wir in den vergangenen Jahren ein Netzwerk mit Kontakten zu anderen Roma-Verbänden in verschiedenen europäischen Ländern aufbauen. Im Jahr 2001 haben wir gemeinsam ein Rahmenstatut für Roma verfasst, das von der EU genehmigt werden soll. Der Weg zur Anerkennung ist aber noch sehr weit.“