Gesellschaft

Russlands Journalismus: Der Untergrund lebt

Artikel veröffentlicht am 13. Februar 2014
Artikel veröffentlicht am 13. Februar 2014

Auf dem in­ter­na­tio­na­len Ran­king für Pres­se­frei­heit ist Russland auf Platz 148 von 179. Auch wenn die Ar­beits­be­din­gun­gen von Jour­na­lis­ten nicht leicht sind, haben die Journalisten Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Drei Journalisten berichten von ihren Erfahrungen in Putins Russland.

Drei russische Journalisten spra­chen über die Schwie­rig­keit ihren Beruf aus­zu­üben und über den Druck, der in ihrem Land auf sie aus­ge­übt wird: Ale­xei Po­lu­khin, Jour­na­list der un­ab­hän­gi­gen Ta­ges­zei­tung No­vaïa Ga­zeta, Ab­dulla Du­duev, Her­aus­ge­ber des Ma­ga­zins Dosh in Tsche­tsche­ni­en, und Alek­seï Si­do­renko, Blog­ger und So­ci­al Media Ex­per­te. Sie sprechen von der Ver­än­de­rung, die derzeit im Land statt­fin­det.

EIN BERUF, DER ZU GE­FÄHR­LICH IST

Seit der Rück­kehr Vla­di­mir Pu­tins im Mai 2012 wur­den neue, re­pres­si­ve Ge­set­ze ver­ab­schie­det. The­men wie Re­li­gi­on oder LGTB kön­nen nicht ohne Ge­fahr an­ge­spro­chen wer­den. Die Be­lei­di­gung des Pa­trio­tis­mus steht unter Stra­fe“, er­klärt Alek­seï Si­do­renko. Die Re­gie­rung woll­te sogar Wi­ki­pe­dia wegen eines Ar­ti­kels über Ma­ri­hua­na blo­ckie­ren.

Nur das Fern­se­hen scheint von die­sen Ein­grif­fen der Re­gie­rung ver­schont zu wer­den, da alle Fern­seh­ka­nä­le oh­ne­hin vom Krem­l kon­trol­liert wer­den. Die Exe­ku­ti­ve ver­sucht die we­ni­gen un­ab­hän­gi­gen Zei­tun­gen zu blo­ckie­ren, indem sie ihnen die Fi­nan­zie­rung ver­wei­gert. Die Ak­ti­en­in­ha­ber sind ge­zwun­gen, ihre fi­nan­zi­el­le Hilfe wegen Re­gie­rungs­kon­trol­len aus­zu­set­zen“ ge­steht Ale­xei Po­lu­khin, des­sen Zei­tung seit über 20 Jah­ren Kor­rup­ti­ons­af­fä­ren und Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen auf­klärt. Doch ohne fi­nan­zi­el­le Un­ter­stüt­zung kann die Pres­se ihre Re­por­ta­gen nicht machen. Kon­fron­tiert mit die­sen Zwän­gen, wen­den sich viele junge Men­schen vom Jour­na­lis­mus ab. Der Beruf ist zu ge­fähr­lich, sie su­chen nach si­che­re­ren Be­ru­fen“, so Alek­seï Si­do­renko.

EIN KAL­TER BÜR­GER­KRIEG

Doch die Si­tua­ti­on ist nicht fest­ge­fah­ren. Im Ok­to­ber 2011 gab es De­mons­tra­tio­nen. „Heute fin­det in Russ­land ein kal­ter Bür­ger­krieg zwi­schen der Re­gie­rung und dem Volk statt“, be­teu­ert Ale­xei Po­lu­khin. Ob­wohl Ver­än­de­run­gen in der Füh­rungs­eta­ge der rus­si­schen Me­di­en bru­tal her­bei­ge­führt wur­den, haben die Re­dak­tio­nen keine Rück­schrit­te ge­macht. Im Ge­gen­teil. „Bei den un­ab­hän­gi­gen Jour­na­lis­ten steigt das In­ter­es­se an Po­li­tik“, beobachtet Ale­xei Po­lu­khin. Kritische Themen werden an­onym pu­bli­ziert. Der in­ves­ti­ga­ti­ve Jour­na­lis­mus schreibt aus dem Untergrund weiter. Es wird sogar ein Preis vergeben.

Die Aus­sa­gen der drei Red­ner zei­gen, dass Jour­na­lis­ten in die­sem gro­ßen Land mit 143 Mil­lio­nen Ein­woh­nern nicht kom­plett mund­tot ge­macht werden können. Ab­dulla Du­duev kommt auf die Grün­dung sei­ner Zei­tung 2003 zu­rück: „Der Name un­se­rer Zeit­schrift „Dosh“ be­deu­tet „Song­text“ auf tsche­tsche­nisch. Im Fern­se­hen gab es zu die­sem Zeit­punkt nur an­ti-tsche­tsche­ni­sche Pro­pa­gan­da. Unter die­sen Be­din­gun­gen wurde die Zeit­schrift als Auf­schrei ge­grün­det, um zu sagen, was wirk­lich in der Re­gi­on pas­siert.“ Du­duev kämpft also dafür, dass die Wahr­heit ge­hört wird, ob­wohl Jour­na­lis­ten im Kau­ka­sus phy­sische Be­dro­hun­gen hin­neh­men müs­sen und ei­ni­ge ihrer Ar­ti­kel nicht un­ter­schrei­ben kön­nen. Doch die Bedrohten zeigen sich immer häufiger: De­mons­tra­tio­nen von Jour­na­lis­ten nehmen zu. Die letz­te De­mons­tra­ti­on fand letz­ten Ok­to­ber statt und for­der­te die Be­freiung des Green­peace Photographen Denis Si­nya­kov.

„Das In­ter­net hat ge­zeigt, wel­che Mög­lich­kei­ten es Bür­gern er­öff­net“, er­klärt Alek­seï Si­do­renko. Der Blog­ger freut sich, dass die Suchmaschine Yan­dex mehr Men­schen er­reicht, als das of­fi­zi­el­le Fern­se­hen. So­zia­le Me­di­en bie­ten immer mehr Mög­lich­kei­ten zu kom­mu­ni­zie­ren und seine Mei­nung kund zu tun. „Ohne sie, könn­ten die Jour­na­lis­ten ihre Auf­ga­ben nicht er­fül­len“, be­kennt er. Trotzdem gibt es ein Über­wa­chungs­sys­tem für das In­ter­net, das es zu umgehen gilt. Am Ende kann man dem harten Kurs von Putin doch etwas Positives abgewinnen, denn, „je re­pres­si­ver und idio­ti­scher die Ge­set­ze sind, desto schnel­ler wird es zu Ver­än­de­run­gen kom­men.“

Aus­sa­gen zu­sam­men­ge­tra­gen an­läss­lich einer Dis­kus­si­on, die in Straß­burg im Rah­men des „Forum Mon­di­al Pour la Démo­cra­tie“ (Welt­wei­tes Forum für De­mo­kra­tie) stattfand.