Gesellschaft

Rumäniens Casa Jurnalistului: Journalismus der neuen Generation

Artikel veröffentlicht am 15. Dezember 2014
Artikel veröffentlicht am 15. Dezember 2014

Bukarest. Enttäuscht von den rumänischen Medien zogen junge Journalisten gemeinsam in ein leer stehendes Haus, das sie nun als Redaktionssitz und zum Feiern nutzen. Das öffentlich zugängliche Gebäude ist zu einem Labor für journalistische Experimente geworden, die das rumänische Mediensystem aufrütteln.

Der Frühling bringt frischen Wind in die rumänische Hauptstadt. Überall eilen Fahrräder und Motorroller durch die Straßen, während erste Grillmeister die Luft nach gegrilltem Fleisch duften lassen. In der Viitorului-Straße spielen Kinder Fußball, ihre Eltern treffen sich auf den Bänken vor ihren Häusern und genießen die Sonne. Radu und Stefan diskutieren und rauchen in der Ecke des Hofes von Nr. 154. „Vlad ist oben“, erklären sie mir. In der obersten Etage arbeitet Vlad an seinem PC, seine Füße barfuß auf dem Teppich. Auf dem Schreibtisch steht eine Bierflasche zwischen diversen Papieren und Zeitschriften. Nicht weit davon entfernt, ein Modelgesicht mit Kosakenmütze, das uns aufmerksam beobachtet. In diesem Zimmer arbeiten Vlad, Radu, Stefan und andere junge Redakteure, denen das Haus seinen Namen verdankt: Casa Jurnalistului (Haus des Journalisten).

Ein UFO unter den Medien

Bevor es die Casa Jurnalistului im Jahr 2012 gab, hat Vlad zwei Jahre lang in einer anderen Redaktion gearbeitet. So wie er selbst lehnten seine Kollegen die Massemedien ab, die sich „in den Händen der Politiker und großen Unternehmen“ befinden. Er wünschte sich unabhängigeres und offeneres Arbeiten. Heute ist es längst soweit, die Menschen können unsere Arbeit beobachten und den Schreibprozess verfolgen: „Anfangs fanden meine Familie und Freunde diese Idee gewagt, aber es funktioniert besser als ich gehofft hatte. Es ist für mich selbstverständlich geworden, so frei zu arbeiten.“

Die Mitglieder der Casa Jurnalistului organisieren Veranstaltungen in ihrem Keller oder sie präsentieren ihre neusten Projekte, oft und gern mit einem Bier in der Hand. Im Januar kamen mehr als 200 Personen zur Vorführung ihrer Dokumentarserie über einzigartige Regionen Rumäniens.

Viele wenden sich an die Journalisten, um den aktuellen Geschehnissen zu folgen, wie Radis Reportagen über die Ukraine oder über die Demonstrationen gegen den Goldminenbau in Rosia Montană. Die Berichte, welche Rumänien zwischen August und Dezember 2013 wachgerüttelt haben, führten zu einem Nachgeben der Regierung. Für Vlad ist die Casa Jurnalistului „ein positiver Einfluss“ auf die öffentliche Meinung. „Seit Rosia Montană haben die Menschen begonnen sich Fragen zu stellen, auf welche die Medien nicht antworteten. Wir waren da. Wir wussten, was zu  tun ist und wie man gute Fragen stellt“, erklärt er.

Von den Politikern werden die jungen Journalisten gehasst, vor allem von ihren Lieblingszielscheiben, jene die der Korruption angeklagt sind. Andere Journalisten haben geteilte Meinungen: „Manche unterstützen uns, andere verstehen unsere Initiative nicht.“ Dann gibt es noch die Misstrauischen: „In Rumänien gibt es die Paranoia, dass alle Journalisten den Politikern ergeben sind. Sie glauben, dass sich jemand hinter uns versteckt hält. Aber wir sind komplett unabhängig.“

„Do it yourself“-Journalismus

Um ihre Wohnung und ihr Leben finanzieren zu können, schicken die Journalisten ihre Artikel an andere Zeitschriften und werben für Spenden. Vlad rechnet nicht damit, dass sie für die Casa Jurnalistului eine Vereinigung gründen werden: „Darin sehe ich keinen Zweck. Wir brauchen ja nicht viel Geld.“ Wenn sie für Reportagen unterwegs sind, übernachten sie bei Bekannten, trampen oder nehmen Anhalter mit. Sie behelfen sich mit dem, was sie haben. „Das hat auch Vorteile, wir profitieren oft von der Nähe zu den Menschen. Es passt gut zu unserem Schreibstil, der etwas gonzo ist“, fügt er hinzu.

Manchmal finden wir auf diesem Weg Informationen, die gängigen Medien verborgen bleiben. Wie bei dem Pferdefleisch-Skandal: Radu und ein paar Kollegen arbeiteten an einer Reportage über den Schlachthof Doly Com. Ihr Fahrer, der sie als Tramper mitgenommen hatte, entpuppte sich als ehemaliger Wächter des Schlachthofs. Er vertraute ihnen Informationen über illegale Schlachthöfe an und zeigte ihnen sogar, wo sich einer davon befand.

Vlad kann sich nicht mehr vorstellen anders zu arbeiten: „Anders als in meinem alten Job, kann ich mir nun genug Zeit lassen, um zu verstehen, was passiert. Wenn ich einen Artikel geschrieben habe, ist er genau so wie ich ihn will, vom Text bis zu den Fotos.“

Stilistische Experimente

An der Wand hängt ein auffälliges, langes Blatt Papier. Unter dem Titel „Stela“ mischen sich rote Pfeile, die Namen und Teilsätze verbinden: „Stefan versucht sich an einem neuen Erzählstil. Er schreibt ein Porträt über eine Person, ohne dabei ihre Art zu sprechen zu verändern. Er nutzt dafür nichts anderes als die Stimme der Befragten. Der Journalist existiert nicht in dieser Geschichte. Er verarbeitet nur das, was Stela in dem mehrstündigen Interview gesagt hat, zu einem Text.“ Für die jungen Journalisten ist der Journalismus nichts Starres. Wenn die Authentizität erhalten bleibt, kann eine Geschichte auf viele Weisen erzählt werden.

Im Hof bereiten Stelas Freunde ihre Überraschungsgeburtstagsfeier vor. Der Grill brutzelt, während einige Gäste Kondome aufpusten und als Deko aufhängen. Stela kommt, alle rufen „La multi ani!“ („Alles Gute zum Geburtstag!“), dazu mischen sich die Rhythmen der Manele (traditionelle rumänische Musik) und die eines Fußballs, der gegen die Tür schlägt. Stefans Artikel „Am fost  smardoaică“ („Ich war ein Biest“) wird einige Tage später veröffentlicht. Er schildert  Stelas Leben, ihre Liebschaften und Enttäuschungen, ihren Kampf gegen HIV. Nach einer Woche wurde der Text 20.000 Mal gelesen und hatte 6.000 Likes. Der Journalismus in Rumänien hat wieder eine Form gefunden, den Menschen nahe zu sein.