Gesellschaft

Ruck-Zuck-Romanzen: Pariser Speeddating

Artikel veröffentlicht am 13. Januar 2009
Artikel veröffentlicht am 13. Januar 2009
In der Hauptstadt der Mode und der Liebe gibt es für jede Geldbörse eine stylische Art sich nach der Arbeit zu entspannen oder abzufeiern. Und kein Tag ist für einen (etwas verfrühten) Ausgehabend besser geeignet als der Donnerstag, wenn halb Paris in eine der vielen angesagten Bars strömt, die so genannte Afterworks anbieten.

Donnerstag, 21 Uhr, im Zentrum von Paris. Les Salons du Louvre, eine angesagte Bar in einem Loft, nur wenige Meter von dem Museum selben Namens entfernt, ist brechend voll mit schönen Pariser Jetsettern im Alter von Ende Zwanzig bis Anfang Dreißig. In rotes Licht getaucht plaudern sie angeregt, ergötzen sich am Büffet und schlürfen Champagner, für den man zwischen 19 und 21 Uhr zum Pauschalpreis so viel trinken kann, wie man will. In einer halben Stunde werden sie tanzen als sei es bereits Mitternacht. Um 1 Uhr nachts ist die Party dann vorbei. Das ist das Afterwork-Konzept. Man geht direkt aus dem Büro hin, feiert kurz und heftig, geht früh nach Hause und schläft sich aus, um am nächsten morgen wieder frisch und munter bei der Arbeit aufzutauchen.

Feier-Abend

Der 28-jährige Fabien, ein Finanzberater im schicken Anzug, wartet auf seinen Freund, der losgezogen ist, um die Champagnergläser auffüllen zu lassen. Es ist beinahe ein Ding der Unmöglichkeit, an die Bar oder das Büffet zu kommen, weil jeder vor 21 Uhr so viel zu Essen und Trinken ergattern will wie möglich.

„In einer so großen Stadt wie Paris ist es nicht leicht, zu anderen Menschen eine Beziehung aufzubauen. In der U-Bahn lächeln die Leute fast nie. Auf der Straße hetzen sie zu ihren Jobs“, erklärt er. „Beim Afterwork lassen sich gut Kontakte knüpfen. Die Zeiten sind auf Berufstätige abgestimmt, und man bekommt für sein Geld etwas geboten. Für 15 Euro kann man essen, trinken und tanzen, während man an einem normalen Abend oft schon für einen Drink zehn Euro zahlt.“

©KA

Es ist schon fast 23 Uhr. Chloe und Olivier stehen beinahe 20 Minuten an, um ihre Jacken zu bekommen. Sie arbeitet in der Marketingbranche, er im Finanzbereich. Sie sind Ende Zwanzig und extra aus der Bretagne angereist, um ein Wochenende lang in Paris zu entspannen. Obwohl sie so lange warten müssen, lassen sie sich nicht aus der Ruhe bringen. Finden Sie diese Art von Party nicht ein bisschen versnobt? „Nein, das ist nobel, aber nicht versnobt. Die Leute hier kommen von der Arbeit, vielleicht aus dem Finanzsektor, und bei Afterworks können sie sich entspannen, ohne zu spät nach Hause zu kommen.“

Gesunde Study-Life-Balance

Um 23 Uhr findet eine ähnliche Veranstaltung im schwimmenden Pariser Club Concorde Atlantique statt, die sich allerdings an ein jüngeres Publikum richtet. Hier kommt die Party gerade erst ins Rollen. Zum ersten Mal veranstaltet der Inhaber ein „Afterschool“. Das Konzept ist dasselbe: ein Büffet, ein Getränk im Eintrittspreis inbegriffen, und das Ganze endet so früh, dass Studenten es am nächsten Tag ohne Kater in ihre Vorlesungen schaffen.

10 Euro für einen Abend in Paris sind wirklich günstig!

Héloise feiert heute ihren 18. Geburtstag, wofür sie und ihre Freunde eine Flasche Champagner frei aufs Haus bekommen. „Die Musikstile sind ganz unterschiedlich, das ist cool. Für zehn Euro kriegen wir ein Getränk und ein Büffet. Für einen Abend in Paris ist das wirklich günstig“, meint die Kunststudentin.

„Das ist so eine Sache, die typisch für Paris ist”, sagt der 22-jährige Guillaume, der aus der Normandie hierher gekommen ist, um an der Handelshochschule zu studieren. Er ist auf dem Schiff, um nach geeigneten Orten für Studentenpartys Ausschau zu halten. Ihm gefällt das Lokal mit seiner Terrasse, von der aus man einen schönen Blick auf die Seine hat, und er will auf jeden Fall noch einmal wiederkommen.

Flirten im Akkord

Freitag, 21 Uhr. Im Kellerlokal Le Bizen tummeln sich leicht nervös aussehende Gäste, die meisten um die 30 Jahre alt, wenige sind älter. Ungewöhnlich viele sind alleine hierher gekommen, aber das ist kein Wunder. Sie sind für eine Runde Speeddating hier. Eine halbe Stunde und fünf Begegnungen später sind die Teilnehmer ihrem Traumpartner hoffentlich schon näher gekommen.

©KA

„Auf diese Weise hilft man dem Schicksal ein bisschen auf die Sprünge“, erklärt Martin. Der 30-Jährige ist zum zweiten Mal bei einem Speeddating. „Man muss wissen, was für einen Partner man sucht“, fügt er hinzu. Martin sucht eine Frau „mit Charakter“. Dann wird unser Gespräch unterbrochen, weil der Moderator uns auffordert, mit dem Speeddating zu beginnen.

Wir werden an das hintere Ende der Bar geführt, wo ein rechtwinkliges, C-förmiges Sofa steht. Jeder erhält eine Identifikationsnummer, die er an jeden Partner geben kann. Am nächsten Tag können wir die Nummern auf der Internetseite von softdating.com eingeben. Wenn zwei Leute gegenseitiges Interesse bekunden, erhalten Sie jeweils die Kontaktdaten des anderen. Die Regeln sind einfach: tausche keine Telefonnummern aus und frag deinen Partner nicht, ob er dich wiedersehen will.

Die nächste Stunde vergeht wie im Flug. Als erstes fragt man nach der Identifikationsnummer und dem Namen des anderen. Viele Männer wollen wissen, wie alt man ist und wo man herkommt. Am Anfang bin ich ehrlich und erzähle Ihnen, dass ich Journalistin bin und in einigen Tagen nach Polen zurückkehren werde. Aber nachdem ich einige Male ein enttäuschtes „Oh“ zu hören bekommen habe, versuche ich Ihnen mit dem Fragen zuvorzukommen und erst mehr über sie zu erfahren.

Die Post-Speeddating-Atmosphäre im Le Bizen ist ein bisschen unbehaglich.

Bevor ich mich ins Le Bizen aufmachte, war ich nervös, weil ich fürchtete, dass sich dort nur - nun ja - Loser tummeln würden. Aber nein, die Bar ist voller junger, gut aussehender, beruflich erfolgreicher Männer. Unter anderem unterhalte ich mich mit einem Grafikdesigner und einem Feuerwehrmann. Auch dank des Drinks, der in den zehn Euro Eintrittspreis enthalten ist, bin ich völlig entspannt. Nach der Runde kehren die Teilnehmer an die Bar zurück und unterhalten sich mit den Gesprächspartnern, die sie interessant fanden. Aber meine Blicke treffen sich mit denen eines gut aussehenden, braun gebrannten Typen. Wir fangen sogleich an, uns zu unterhalten. Cédric ist 25. Wie ich reist er gerne. Nach einer halben Stunde gehen wir in die Kneipe nebenan. Die Post-Speeddating-Atmosphäre im Le Bizen ist ein bisschen unbehaglich. Wir schlendern die Champs-Élysées hinunter. Als die Sonne langsam zum Vorschein kommt, gehen wir auf eine Heiße Schokolade ins Café Georges V. Es könnte nicht romantischer sein. Bald müssen wir uns verabschieden. Das Herz einer nomadisierenden Journalistin darf sich nicht binden. Aber wer weiß, wann ich wieder in Paris bin…