Gesellschaft

Roma-Aktivistin Letitia Mark: Starke Frau auf Grassroots-Level

Artikel veröffentlicht am 29. Juli 2011
Artikel veröffentlicht am 29. Juli 2011
Letitia Mark kämpft in Westrumänien für die Integration der Roma. Selbst Angehörige der Minderheit, leitet die etwa 60-Jährige das NGO-Zentrum FEMROM in Timişoara. Eine große Aufgabe in Rumänien, wo immer noch viele Vorurteile gegen die rund 2 Millionen Roma des Landes herrschen.

Umringt von gut 40 Kindern fragt Letitia Mark: „Was bedeutet das Rad in unserer Flagge?“ Samuel, 13 Jahre alt, weiß es: Das Rad ist Zeichen für's Unterwegs-Sein, das Blau für den Himmel, das Grün für das Gras. Mark, von den Kindern liebevoll „Doamna Leti“ genannt, will, dass diese Kinder respektvoll sind: mit ihrer Identität, mit sich selbst und mit der Welt. Und ordentlich. Kein Papierfetzen wird auf dem Fußboden des Gemeinschaftssaals geduldet.

„OPRE ROMA – Roma, erhebt Euch!“

Die Flagge wurde 1971 beim ersten International Romani Congress gewählt, gleichzeitig mit der Selbstbezeichnung 'Roma' und dem Motto „Opre Roma – Roma erhebt euch!“. In Osteuropa setzte erst nach Ende des Kommunismus die so genannte Romani-Bewegung ein, in der Roma selbst für ihre Rechte kämpften. 

Mark stieß eher zufällig zur Romani-Bewegung. Kurz nach der Revolution '90 fand eine Konferenz in der West-Uni von Timişoara statt. Ein rumänischer Redner klagte, dass kein Rom sich an der Bildungsdebatte beteiligen würde. Mark, damals Dozentin, stand empört auf und rief: „Es gibt genug Roma, die etwas sagen könnten, aber keiner hat sie dazu eingeladen!“ 

Mark wurde zur Fürsprecherin der Roma. Als sie ins Ausland eingeladen wurde, raunten Landsleute: „Die setzt sich in den Westen ab!“ Enttäuscht über das Misstrauen zog sich Mark aus der Politik zurück. Sie glaubte weiterhin an die Bedeutung von Erziehung und Bildung. „Weil es traditionell schwierig für eine Frau ist, mit Männern umzugehen“, gründete sie 1997 die Organisation FEMROM, die Vereinigung der Roma-Frauen für ihre Kinder. Anfangs saß man in Letitia Marks Küche. Geburtsurkunden und Meldebescheinigungen mussten her, denn ohne sind Kinder nicht zum Besuch einer Schule berechtigt. Bis Mark in mühsamen Verhandlungen ein Grundstück von der Stadtverwaltung bekam: „Darauf war nichts, nur ein paar Mauern. Wir mussten uns erst ein Dach über den Kopf bauen.“

Heute finden im geräumigen Erdgeschoss Nachhilfe-, Frauen-Computer-Kurse und interkulturelle Treffen statt. Im Dachboden wohnen einige (Roma-)Lehramt-Studentinnen, sie übernehmen Nachhilfestunden und Mediatoren-Dienste. Werden sie die künftigen Leiterinnen des Zentrums, gar der Roma-Bewegung?

Mark hofft es. Sie würde gerne ihre Rente genießen, aus der Zeit, in der sie noch an der Uni arbeitete. Doch der Pachtvertrag läuft bald aus, um die Ecke soll eine Shopping Mall entstehen, FEMROM wird der Stadt ein Dorn im Auge sein. Das Geld ist trotz EU-Zuschüssen knapp. Noch braucht das Haus seine gute Seele und energische Präsidentin.

Die eigene Geschichte als Beispiel

Letitia Mark stammt aus der Gruppe der „Rudari“. Ihr war ihre Identität immer klar. Der Großvater war der letzte Kunsthandwerker des Dorfes, der Holzlöffel schnitzte. Und Geschichten erzählen konnte. Im Kommunismus gab es offiziell keine ethnischen Minderheiten. Alle sollten gleich sein. Das war die Theorie. Praktisch hieß das, jeder Bürger sollte dem Staat finanziellen Nutzen bringen. So zog die Großfamilie nach Timişoara, Letitias Eltern arbeiteten in einer Fabrik.

Um das Familieneinkommen aufzubessern, ging Mark als kleines Mädchen betteln. „Am Anfang schämte ich mich dafür. Doch meine Großmutter tat es, meine Freundinnen taten es. Ich gewöhnte mich daran.“ Mark findet ihr Leben typisch für eine Romni in der modernen Welt. Dabei sei sie immer mehr auch „Feministin“ geworden. Denn „jede Frau, die gegen feste Rollen rebelliert, ist eine Feministin.“ Sie rebellierte: Nach der Grundschule wollte sie nicht heiraten, sondern weiter zur Schule. Sie war die erste ihrer Gemeinde, die Abitur machte. Sie haute nach Bukarest ab, weil die Eltern ein Studium ablehnten. 1984 kehrte sie als Hochschullehrerin für Latein und Griechisch nach Timişoara zurück.

Rückschläge und Zukunft

Die Roma-Ausweisungen aus Frankreich vom Sommer 2010 stießen Mark bitter auf: Neben „viel zu vielen Polizisten“ lauerten Journalisten auf die Ankömmlinge mit Fragen wie: 'Was hast du geklaut?', 'Was für eine Art Krimineller bist du?'

„Ich sah diese ärmlichen Frauen und Männer, weinende Kinder und Gepäckbündel im Arm, und das Bild erinnerte mich an Deportation. Ich fühlte, dass Roma immer noch beliebig transportiert oder deportiert werden können, niemand steht zu ihrer Verteidigung auf und sagt: Stopp!“

„Manchmal“, gesteht Mark, „denke ich, ich habe einen Fehler gemacht.“ Sie senkt die braunen Augen. „Ich hätte eine Karriere anstreben sollen, wo ich wirklichen politischen Einfluss gehabt hätte.“ Es klopft an der Büro-Tür. Ein Mädchen zeigt stolz ihr Schulzeugnis. „Bravo!“, Marks Augen strahlen wieder. Man spürt, aus solchen kleinen Erfolgen schöpft sie neue Energie.

Fotos: ©Natalie Lazar