Gesellschaft

Roberto Saviano: 'Die Camorra? Ein europäisches Problem'

Artikel veröffentlicht am 8. Oktober 2007
Artikel veröffentlicht am 8. Oktober 2007
Der erste Teil des Interviews mit dem Autor von Gomorrha. Vom Tourismus in Schottland bis hin zu Drogen in Spanien: das Reich der italienischen Mafia in Europa und der Welt.

"Zum Tode verurteilt", titelt das italienische Wochenblatt L’Espresso. Weil die angeklagten Clans, die Roberto Saviano in seinem Buch Gomorrha beim Namen nennt, nicht vergessen und nicht verzeihen. Aber der 28-jährige Autor aus Casal di Prinicipe, Hochburg der Camorra - oder "O Sistema", wie sich die organisierte Kriminalität in Neapel selbst bezeichnet, ist zumindest im Moment durch die dicke Schutzschicht des Medienrummels noch unberührbar.

In Italien, wo sich der Verleger Mondadori über 700.000 verkaufte Kopien freut. Oder in Deutschland, wo Mitte August die italienische Ndrangheta innerhalb der eigenen vier Wände eine offene Rechnung beglich (6 Tote). Hier wurden von Savianos Werk 100.000 Kopien in 3 Wochen verkauft, was ihn zu einem literarischen Phänomen machte.

Nun sitzt er vor mir - klein, freundlich, mit seinem eindringlich wirkenden leichten Silberblick - auf der Dachterrasse des Pariser Verlags Gallimard, der die französische Ausgabe für den kommenden 18. Oktober vorbereitet. Hierher ist Saviano seit kurzem aus Italien zurückgekehrt, wo er zur Zeit an der Inszenierung des Films mitarbeitet, der nach der literarischen Vorlage gedreht wird. Danach reist er in die USA, um dort sein Werk vorzustellen. Die Verlagsrechte an Gomorrha wurden bereits in 29 Ländern verkauft. Aufgrund der Todesdrohungen der Clans reist Saviano natürlich stets mit Eskorte.

Was antworten Sie den Leuten, die die Camorra als weit entferntes, folkloristisch angehauchtes und vor allem rein italienisches Phänomen sehen?

Nichts ist internationaler als kriminelle Organisationen, allen voran die aus Kalabrien und Neapel. Und zwar aus einem sehr einfachen Grund: Diese beiden sind aus wirtschaftlich. finanzieller Sicht die modernsten. Nur schade, dass Europa sich ihrer nur dann bewusst wird, wenn es mal wieder ein Blutbad gegeben hat. Duisburg hat Deutschland den Geist geöffnet und Europa die Augen. Und was hat es genützt? Dass die organisierte Kriminalität nach dem Fall Duisburg als europäisches und nicht mehr nur als italienisches Problem gesehen wird.

Die Verästelungen des kriminellen Netzes der italienischen Mafia in Europa scheinen unendlich zu sein. Im schottischen Aberdeen investiert der Clan La Torre in den Tourismus. Alle großen neapolitanischen Clans investieren in Dortmund, Leipzig und Ostdeutschland generell. Francesco Schiavone, genannt "Cicciariello", wurde in Polen verhaftet und investierte auch in Rumänien. Vincenzo Mazzarella wurde in Paris verhaftet, wo er mit den afrikanischen Kartellen mit Diamanten handelte. In Nizza gibt es Investitionen in Immobilien.

Bauwesen, Diamanten, Drogen: Welche dieser Sektoren der Camorra sind international am stärksten verbreitet?

Die Investitionen in den Tourismus sind von fundamentaler Bedeutung. Und die Restaurantketten bilden weiterhin den Fuß in der Tür zu den Territorien. Die Ndrangheta hat Stahlwerke in Russland gekauft. Die Camorra in Frankreich konzentriert sich stark auf Bekleidungsgeschäfte, investiert aber auch in den Transport und den Verkauf von Kraftstoffen. Da gibt es die berühmten so genannten "weißen Tankstellen", die mit den großen Konzernen wie Agip oder Kuwait zusammenarbeiten, aber von der Camorra betrieben werden. Derzeit ermittelt die neapolitanische Antimafia im italienischen Fall. Ich persönlich bin allerdings überzeugt, dass es solche weißen Tankstellen auch in Frankreich, Deutschland und Spanien gibt. Camorra und Ndrangheta können nicht in Branchen mit hohem Verlustrisiko investieren.

über die Mafia zu erzählen ist außerdem absolut schwierig. Das seltsam Verwunderliche war, dass diese Informationen dem Leser über die Literatur ins Herz getragen wurden. Das hätte ich selbst nicht so erwartet. Es mag absurd erscheinen, aber die Gefahr besteht heute nicht in einer Information an sich, sondern in der Tatsache, dass die Information von einer lokalen zu einer globalen Angelegenheit wird. So wie Anna Politkowskaja erst dann wirklich gefährlich wurde, als sie das Problem Tschetschenien und dessen Geschichten - im Grunde Geschichten aller Menschen - zu einer internationalen Angelegenheit erhoben hat. Auf die Frage, wer von Dante bis zur modernen Literatur der größte italienische Schriftsteller aller Zeiten sei, antwortete Philip Roth: "An erster Stelle steht Levi, weil nach Ist das ein Mensch niemand mehr sagen kann, er sei nie in Auschwitz gewesen."

Was die kriminelle Organisation an meiner Geschichte stört, sind nicht so sehr die gesammelten Informationen, sondern die Tatsache, dass diese Informationen beim Leser angekommen sind. Wären sie in meinem süditalienischen Dorf geblieben, hätte niemand ein Problem damit gehabt. Wenn diese Worte jedoch beginnen, durch aller Munde zu gehen und Gedanken anderer zu werden, ist das die gefährlichste Sache überhaupt, die einer Macht, welcher Art auch immer, zustoßen kann.

In diesem Fall stützt sich die kriminelle Macht immer auf eine verbreitete Information, aber gleichzeitig auf die Unmöglichkeit, sie zu beweisen oder zu erzählen. Wenn du dieses seltsame Gleichgewicht störst, hast du eine wahre Gefahr geschaffen. Und dass genau dies in Europa angestoßen wird, ist unsere Chance, diese Form der Macht zu bekämpfen. Denn die italienischen Mafien sind heute alle eins mit den albanischen oder nigerianischen. Sie heiraten sogar untereinander.

Zum Beispiel?

Der Camorrist Augusto La Torre hat eine Albanerin geheiratet. Dann gibt es die hochinteressante Geschichte über den ersten ausländischen "Pentito" (Ex-Mafioso, der mit der Justiz zusammenarbeitet) in Italien, einen Tunesier, der sich dem Camorra-Clan der Casalesi angeschlossen hatte. Die erste Ortschaft, die die italienische Mafia komplett einem ausländischen Clan überlassen hat, war Castelvolturno. Sie wird jetzt von den Rapaci, Clans aus Lagos und Benin City in Nigerien, beherrscht. Und zwar für den Kokainhandel und den Transit von Prostituierten, die von dort nach ganz Europa geschickt werden.

Ein neuer Feudalismus?

So etwas in der Art, ja. Im Gegensatz zur langsamen, komplizierten territorialen Struktur gibt es hier unglaubliche wirtschaftliche Entwicklung. Sie investieren in jeder Ecke der Welt, aber ihre Ehefrauen dürfen sich nicht die Haare färben, weil das als zu erotisch erachtet wird. Sie nutzen das Web als neue Plattform für Investitionen und verbieten andererseits ihren eigenen Anhängern den Drogenkonsum. Drogen sind streng verboten, da es keine Laster geben darf. "Keine Drogensüchtigen und keine Schwulen", sagen sie. Sätze, die aus einer vergangenen, dunklen Epoche zu stammen scheinen. Und dennoch: diese Macht hat 10 Jahre vor den Industrieverbänden verstanden, dass man in China investieren muss. Genau dieses zweiköpfige Monster macht sie so unschlagbar, allerdings haben sie eine Kraft, die auch auf sie selbst zerstörerisch wirkt. Es gibt keinen Boss, der das Gefängnis überlebt oder dem die Flucht gelingt.

Nicht verpassen: Lesen Sie am Dienstag, 16. Oktober, den zweiten Teil des Saviano-Interviews.

Das europäische Land mit den stärksten Verbindungen zur Camorra. Die Parallele zu den französischen Vororten. Die Kritik des italienischen Komikers Beppe Grillo und die Antwort des italienischen Schriftstellers Erri de Luca.