Gesellschaft

Risikofaktor Boomtown

Artikel veröffentlicht am 12. September 2007
Artikel veröffentlicht am 12. September 2007
Liberale Reformen des vergangenen Jahrzehnts verwandelten Estland in eine der schnellstwachsenden freien Marktwirtschaften der EU. Aber kann Estland auch auf der sozialen Agenda mithalten?

Einmal aus Tallinns schillernder Innenstadt herausgewagt, zeichnet sich ein kontroverses Bild der estnischen Gesellschaft ab. Stadtteile wie Nomme, Kristiine oder Ojsmäe haben wenig Ähnlichkeit mit den Designer-Boutiquen und dem mittelalterlichem Dekor der Innenstadt. Beim Anblick der Wohnblocks im Sowjet-Stil fühlt man sich schnell in die kommunistische Zeit zurückversetzt. Die vor den Türen der Sozialwohnungen geparkten Mercedes und BMW deuten jedoch auf den wirtschaftlichen Fortschritt hin. "Sogar die Ärmsten sind reicher geworden", sagt Anu Toots, Professorin an der Universität Tallinn.

Wirtschaftsboom mit Nebenwirkungen

Der Erfolg hat sich jedoch noch nicht in allen Bereichen bemerkbar gemacht. "Estland war erfolgreich im 'hart Arbeiten' und 'Innovationen Begrüßen', leider hat es dabei den Preis des Erfolges außer Acht gelassen", meint Mati Heidmets, Chefredakteur des neusten Berichts über den menschlichen Entwicklungsstand in Estland. Der Bericht weist auf eine Schwäche der estnischen Gesellschaft im Vergleich zu Europa hin.

Estland hat mit 65,8 Jahren nicht nur die im Durchschnitt niedrigste Lebenserwartung der EU – 10 Jahre weniger als beispielsweise in Italien –, es hat auch die höchste Aids-Rate. Im Vergleich zu 0,1 Prozent in Deutschland sind hier 1,3 Prozent der Bevölkerung mit dem Virus infiziert. Heidmets Bericht zufolge hat Estland außerdem eine der ungleichsten Vermögensverteilungen. "Weder der menschliche Entwicklungsstand noch die Stärkung unserer Gesellschaft kann mit dem wirtschaftlichen Erfolg mithalten", warnt der Bericht, der im April 2007 von der Public Understanding Foundation ( PUF) veröffentlicht wurde.

Unreifes Sozialsystem

Die Höhe der Sozialausgaben, die auf die Hälfte des europäischen Durchschnitts geschätzt wird, verdeutlicht, dass Estland in sozialer Hinsicht hinterherhinkt. "Unser Sozialsystem heute ist sehr beschränkt und beruht zu großen Teilen auf Eigenständigkeit und Selbstverantwortung", sagt Anu Toots. Dem Präsidenten des estnischen Gewerkschaftsbundes, Harri Taliga, zufolge verschwendet die Regierung zu viel Geld für unwirksame Sozialpolitik. "Sozialhilfeleistungen sind nicht auf das Ziel abgestimmt, Estland für die Zukunft tragfähig zu machen", sagt er. "Es gibt immer noch viele Menschen in prekären Situationen, insbesondere viele junge Familien mit Kindern. Dennoch scheitert die Regierung daran, diese Probleme richtig anzugehen."

Sozialer Wohnungsbau ist eines der größten Dilemmas. Von Gemeindeverwaltungen finanzierte und verwaltete Sozialwohnungen machen nur etwa 2 Prozent des gesamten estnischen Wohnungswesens aus. Die 70-jährige Rentnerin Urve wohnt seit 2001 in einem der wenigen sozialen Wohnanlagen der Stadt, dem Kristiine Sozialmaja. Ihr Schicksal spiegelt den Konflikt zwischen historischer und sozialer Gerechtigkeit wieder, der die Übergangsphase Estlands prägte.

Soziale Wohnanlage Kristiine Sozialmaja (Foto: ©Ruth Bender)

Als Krankenschwester in einem von der Sowjetunion 'nationalisierten Haus' untergebracht, war sie nach Erlangen der Unabhängigkeit 1991 gezwungen, ihre Wohnung an ihre Vorkriegsbesitzer zurückzugeben. 94 Prozent des estnischen Wohnungswesens wurde nach 1991 privatisiert und ließ viele Menschen ohne Bleibe zurück. "Ich kann froh sein heute ein warmes Zimmer mit einer heißen Dusche zu haben", sagt Urve, "aber ich weiß auch, dass ich niemals nach Italien fahren kann", bedauert sie.

Ein weiteres Problem ist das schwache Versicherungssystem gegen Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten. Dies erweist sich als problematisch für die zukünftige Arbeitsfähigkeit der Bevölkerung, auf der Estlands wirtschaftlicher Erfolg zum Großteil beruht. Froh über jede Arbeit, steht Gesundheit für den Großteil der Bevölkerung an zweiter Stelle. "Unsere Art zu Denken ist etwas primitiv – wir denken, wir müssen erst reich werden, und dann kümmern wir uns um die Gesellschaft", erklärt Taliga. "Wir müssen uns jetzt darauf konzentrieren eine soziale Maschinerie vom gleichen Kaliber wie die Business-Maschine aufzubauen", sagt er hoffnungsvoll.

Auf der Suche nach sozialem Gleichgewicht

Bis 2002 war soziale Gerechtigkeit für die estnische Regierung nur zweitrangig. Die Prioritäten lagen eher darin, das Fundament für den wirtschaftlichen Aufschwung zu legen, die totale freie Marktwirtschaft zu etablieren und damit zur Mitgliedschaft im Club der NATO und der EU berechtigt zu sein. Als die sozialen Probleme Ende der neunziger Jahre ihren Höhepunkt erreichten, scheiterte die Regierung an dem Vorhaben, der immer tieferen Kluft zwischen Arm und Reich mit entsprechenden Umverteilungsmaßnahmen oder Sozialschutz entgegenzuwirken. Das Resultat waren extreme Armut, hohe Arbeitslosigkeit und steigende Kriminalität. Soziologen warnten davor, dass Estland in eine politische, soziale und ethische Krise stürze, welche die estnische Gesellschaft spalten würde: Die 'Gewinner' und die 'Verlierer' des Wirtschaftsbooms.

"Heute würde ich nicht mehr von zwei Estlands sprechen", sagt Anu Toots, "jedoch können wir auch nicht von sozialem Gleichgewicht sprechen". Harri Taliga ist optimistisch. "Verglichen mit dem Anfang dieses Jahrhunderts stehen wir heute nicht vor einer Katastrophe." Sozialpolitik rückt zunehmend in den Vordergrund und Verbesserungen werden sichtbar, wie beispielsweise mit der 2002 eingeführten Arbeitslosenversicherung. Taligas Ziel ist es, einen sozialen Dialog zwischen Bevölkerung und Regierung zu ermutigen. "Estland leidet an einer gewissen Kinderkrankheit und wir arbeiten daran, den Menschen bewusst zu machen, dass sie mitreden können." "Jeder verbessert seinen Lebensstandard, aber keiner kümmert sich wirklich um seine Nachbarn", gibt Anu Toots zu bedenken.

Die Mehrheit der Bevölkerung ist gewillt den Preis für den Erfolg zu zahlen. "Wir sind eine sehr risikofreudige Gesellschaft und im Moment scheinen die Leute glücklich zu sein", glaubt Anu Toots. Mati Heidmets ist der Meinung, die Zukunft Estlands hänge von einem Mentalitätswandel ab. In der estnischen Kultur ist der Wald das Symbol für Sicherheit und Schutz. Auf ihrem Weg hin zu Verbesserung haben die Esten ihren Wald verlassen, jedoch ohne den damit verbundenen Risikofaktor zu berücksichtigen. "Wenn Estland ein kluges Land sein will, dann muss es sich darüber bewusst werden, dass es nicht nur eine Business-Maschine ist, sondern dass es mehr braucht", sagt Heidmets. Dem estnischen Bericht über den menschlichen Entwicklungsstand zufolge hat "Estland den Punkt erreicht, an dem schneller Wirtschaftwachstum nicht mehr auf Kosten der sozialen Entwicklung stattfinden kann – Fortschritt auf beiden Ebenen muss gleichzeitig erfolgen."

Mit Dank an Margarita Sokolova und Giovanni Angioni

(Intext-Fotos: ©Ruth Bender & Giovanni Angioni)