Gesellschaft

Richard Dawkins: „Am Tod ist irgendetwas unlogisch“

Artikel veröffentlicht am 2. März 2009
Artikel veröffentlicht am 2. März 2009
Er ist Evolutionsbiologe, ein bekannter Atheist und durch und durch Darwinist. Im September 2008 wurde die Webseite des 68-jährigen wegen seiner ablehnenden Haltung gegenüber dem Kreationismus von einem türkischen Gericht gesperrt. Vier Fragen an…

Ein übernatürlicher Schöpfer existiere aller Wahrscheinlichkeit nach gar nicht, behauptet Dawkins.

Richard Dawkins, geboren in Nairobi, war früher Inhaber des Charles-Simonyi-Lehrstuhls für Allgemeinverständliche Naturwissenschaft an der Oxford University. Laut Dawkins ist Das egoistische Gen [Titel seines Buches aus dem Jahr 1976; A.d.R.] der Grundstein für die evolutionäre Entwicklung. Sein Buch ist eine der einflussreichsten wissenschaftlichen Arbeiten der heutigen Zeit. In seinem Werk Der Gotteswahn aus dem Jahr 2006 behauptet er, ein übernatürlicher Schöpfer existiere aller Wahrscheinlichkeit nach gar nicht. Religiosität sei ein Wahn, eine gewaltige Täuschung. Bereits im November 2007 war die englischsprachige Ausgabe mehr als 1,5 Millionen Mal über den Ladentisch gegangen und wurde bisher in 31 Sprachen übersetzt.

Dawkins ist dafür bekannt, religiösen Extremismus stark zu verurteilen, ob es sich nun um Christlichen Fundamentalismus oder Islamischen Terrorismus handelt. In der Vergangenheit debattierte er bereits mit liberalen Gläubigen, religiösen Wissenschaftlern, Biologen und Theologen. Dawkins Argumente sind stark umstritten, insbesondere in der englischsprachigen Welt, und wurden zu einem heftig debattierten Thema in der Presse, im Fernsehen und unter Experten. Da ein Großteil der Diskussion zwischen den Vertretern des wissenschaftlichen Rationalismus und den Anhängern eines Glaubens, der keine Beweise fordert, stattfindet, war es unvermeidbar und vielleicht zugleich enttäuschend, dass diese Debatte mittlerweile peinlich und langatmig geworden ist.

Einem sterbenden Soldaten Trost spenden, einer trauernden Mutter Beistand leisten oder der Glaube eines Witwers an ein Leben nach dem Tod - hat der Glaube nicht einen allgemeingültigen psychologischen Wert?

©Capt.Joekickass/flickrIch sehe durchaus einen psychologischen Wert, wenn dieser einen reellen Wert hat. Ich möchte nicht derjenige sein, der den psychologischen Beistand eines anderen zunichte macht. Ich würde mit dem, was ich öffentlich sage oder schreibe, zwar keine Kompromisse eingehen. Aber wenn ich jemanden besuchen würde, der erst kürzlich einen geliebten Menschen verloren hat, dann würde ich meine Meinung vielleicht für mich behalten. Beim Schreiben eines Zeitungsartikels würde ich aber kein Blatt vor den Mund nehmen. Es ist außerdem fragwürdig, ob Religion wirklich so tröstend ist, wenn man bedenkt, dass die Menschen zum Beispiel dazu erzogen wurden, sich vor der Hölle zu fürchten. Vielleicht fühlen sie sich viel mehr getröstet, wenn die Religion nicht im Vordergrund steht. Das hängt ganz von ihrer Erziehung ab. Obwohl sich viele von uns vor dem Tod fürchten, halte ich das für unlogisch.

Sorgt Religion nicht auch für einen nützlichen sozialen Mechanismus, unabhängig vom jeweiligen Glauben der Menschen?

Das religiöse ‘Zuckerbrot und Peitsche‘-Argument, ein guter Mensch zu sein - das heißt Gott wird dich bestrafen oder dich belohnen - ist ein erbärmlicher Grund, Gutes zu tun. Ein Moralist könnte bessere Gründe dafür niederschreiben. Wäre man zynisch, könnte man sagen, dass die Menschen Zuckerbrot und Peitsche brauchen, um gut zu sein.

Nicht die Existenz Gottes bestimmt also das Verhalten der Menschen, sondern deren selbst erschaffene Regeln und Gesetze?

Als Darwinist bin ich der Meinung, dass viele von uns einen Mechanismus in sich haben, der uns dazu bringt, moralisch zu handeln.

Als Darwinist bin ich der Meinung, dass viele von uns einen Mechanismus in sich haben, der uns dazu bringt, moralisch zu handeln, genauso wie wir durch unsere darwinistische Vergangenheit sexuelles Verlangen verspüren. Wir haben einen gewissen Sinn für Gerechtigkeit, Anstand, Mitgefühl und Mitleid für Menschen, die in Schwierigkeiten sind oder die großes Leid erfahren.

Warum halten es viele große Wissenschaftler immer noch für möglich, an ihrem religiösen Glauben festzuhalten?

Ich bin mir nicht sicher, ob das heutzutage noch zutrifft. Für mich wäre der große Wendepunkt mit Darwin gekommen. Ich bin ganz und gar unbeeindruckt von der Tatsache, dass Newton religiös war. Man könnte meinen, dass jeder, der vor Darwin gelebt hat, religiös war. Wenn Sie heute einen großartigen Wissenschaftler ausfindig machen, der religiös ist, nehmen Sie ihn ins Kreuzverhör und fragen ihn, ob er wirklich an die Existenz einer übernatürlichen Intelligenz glaubt, die Ihre Gebete anhört, Ihre Gedanken liest und Ihnen Ihre Sünden vergibt. Oder ob er wie Einstein ist, der daran glaubte, eine quasi-religiöse Sprache zu nutzen, um seine Gefühle für seine Ehrfurcht für die Wunder und Geheimnisse des Universums auszudrücken.

Richard Dawkins‘ nächstes Buch über Beweise für die Evolution erscheint im Sommer 2009.