Gesellschaft

Rennes: Diskussion am Tresen Europas

Artikel veröffentlicht am 15. Januar 2008
Im Magazin veröffentlicht
Artikel veröffentlicht am 15. Januar 2008
Der Place de l’Europe in Rennes: Einige Läden, ein paar Wohntürme ohne Aussicht und eine Kneipe mit dem Namen 'Bar de l'Europe'. Im Herzen dieses kleinen asphaltierten Babels träumt man nicht von Europa.

Ein sensibles städtisches Gebiet. Eingeklemmt zwischen Sozialbauten und einer lauten Straße ist der Place de l’Europe in Rennes eigentlich nicht mehr, als ein besserer Parkplatz. Rund um diesen asphaltierten Platz im Viertel Maurepas herrscht Hoffnungslosigkeit: Sozialwohnungen, hohe Jugendarbeitslosigkeit, viele Sozialhilfeempfänger.

Ein unscheinbares Einkaufszentrum dort gehört ebenfalls zu "Europa". So wie all die kleinen Läden in der näheren Umgebung: ein Wettbüro, eine Bäckerei, eine Apotheke, eine Telefonzelle, ein Frisör, ein kleiner Supermarkt. Nach und nach haben die Geschäftsleute ihre baufälligen Läden verlassen. Der kleine Tante-Emma-Laden kann gegenüber dem großen Supermarkt nicht mithalten. Der Bürgermeister versucht dieses Niemandsland wieder zu beleben und dort ein Gemeindezentrum einzurichten, um so den Service näher zu den Anwohnern zu bringen.

Ein buntes Völkchen im Wettbüro

Alle hauen ab, aber das Leben bleibt. Im Wettbüro treffen sich die verschiedenen sozialen Schichten, vorwiegend Männer. Jugendliche, Rentner, Arbeiter, Einwanderer der zweiten und dritten Generation. Fast alle Wettbegeisterten und Einwohner des Viertels kommen aus Vergnügen hierher: "Weil es ein geselliger Ort ist" - sagt uns einer der Stammkunden. Hinter dem Tresen steht Sellam aus Marokko, der bei seinen Kunden, die offensichtlich seit Generationen in Frankreich leben, freundschaftlich "Chameau" (Trampeltier) heißt, was er seinerseits mit einem "Hallo ihr Einwanderer" quittiert.

In dieser gesellschaftlichen Zusammensetzung spricht man über alle möglichen Themen. Und wenn man Europa erwähnt, schiebt sich alle Welt gegenseitig die Schuld zu. Und jeder denkt, dass er zu diesem Thema nichts zu sagen hätte. "Die europäische Union, das sind Entscheidungen, die in Brüssel gefällt werden und bei denen wir kein Wort mitzureden haben", sagt jemand.

Man ist sich darin einig. Hier fühlt man sich zuallererst als Franzose, aus Rennes oder aus der Bretagne, bevor man sich als Europäer fühlt. Und niemand misst dem Namen "Europa", der hier auf allen Straßenschildern steht“, besondere Bedeutung bei. Ein Wort wie jedes andere, vergessen, sinnentleert.

Ihr heutiges "Europa" gleicht wieder dem von 1960. Damals, als die Türme von Maurepas aus dem Boden gestampft wurden, um die vielen Arbeiter, die vom Land oder aus einem der Nachbarstaaten gekommen waren, unterzubringen. Es sind viele. Deshalb muss man sich beeilen, den Straßen Namen zu geben in diesem Viertel, das ironischerweise vom fantastischen wirtschaftlichen Aufschwung der Nachkriegsjahre zeugt. Und die Straßenschilder zeigen das Augenzwinkern, mit denen man sie nach amerikanischen Generälen, lokalen Widerstandskämpfern und europäischen Städten, mit denen Rennes eine Partnerschaft verbindet, benannt hat.

Die Stadtverwaltung scheint aus dem 'Quartier' ein Symbol für die Erneuerung Europas machen zu wollen. Aber Urbanismus und Geschichte werden dem Projekt Recht geben: viel zu wenig Straßennamen und Konzeptionsfehler bei der Gestaltung des Viertels. Und auch der Place de l’Europe verliert sehr schnell seine würdevolle Dimension. Nun bewacht er, ganz funktionell, den Parkplatz am Fuß eines der Türme.

Kompliziertes Europa

"Europa ist eine Notwendigkeit, man kann sagen ein Schicksal. Auf alle Fälle kann man nicht mehr zurück", bemerken die Stammkunden im 'Wettbüro Europa', ganz ohne Enthusiasmus. Für sie ist Europa zuallererst ein ökonomisches Werkzeug und kein politisches. Sie glauben daran, aber sie kritisieren es und verurteilen die komplizierte Funktionsweise. "Wenn Europa eines Tages politischer wird, würde ich mich vielleicht auch dafür interessieren", sagt Didier, der Apotheker an dieser kleinen Ecke Europas.

"Das ist totaler Unsinn, dass wir das gleiche Geld haben, wir sprechen eine andere Sprache", fährt ein anderer Gast fort. "Europa kann schon funktionieren, da bin ich auch nicht dagegen, aber die Harmonisierung muss auf Gesetzgebungsebene erfolgen", fügt ein anderer hinzu. Trotzdem sind diese Bürger vielleicht europäischer als sie denken, auch wenn sie nicht den Anschein machen, es selbst zu glauben. Gaëlle arbeitet im Gemeindezentrum: "Hier ist es schon ein bisschen wie in Babel", schätzt sie.

Die Zahlen bestätigen das: 8 Prozent der Bewohner von Maurepas sind Ausländer, das ist doppelt so viel wie der Durchschnitt in Rennes. Es genügt ein Besuch in der Telefonzelle, um den Einwanderern zuzuhören, die mit ihren zurückgebliebenen Angehörigen die Neuigkeiten aus dem Heimatland besprechen. Aus den europäischen Nachbarstaaten kommen nur wenige. Einige telefonieren nach Spanien oder Portugal. Oder vielleicht in eines der osteuropäischen Länder. Aber die Mehrheit der Kunden ist afrikanischer Herkunft, am häufigsten aus den Maghreb-Staaten. Sogar in der Umgebung dieser hässlichen Türme hat dieser Place de l’Europe etwas von dem berühmten Babel, wo die verschiedenen Nationalitäten und Kulturen sich ein gemeinsames Leben geschaffen haben, Seite an Seite.

(Fotos: Élodie Auffray)