Gesellschaft

Reinfall deutscher Integrationstest: Kanzler Angelo und sein Vorgänger Hitler

Artikel veröffentlicht am 6. Juni 2011
Artikel veröffentlicht am 6. Juni 2011
Er integriert sich dadurch, dass er mit den Nachbarn Bier trinkt und seine Frau schon seit zwei Monaten nicht mehr geschlagen hat. Von einem Mauerfall in Deutschland hat er nie gehört und für die Hauptstadt seines Landes hält er Luxemburg. Innerhalb von 2 Wochen ist das Video des blonden Schnurrbartträgers zum deutschen Web-Schlager geworden. Bereits 3,5 Millionen Menschen haben geklickt.
Sie streiten jetzt darüber, ob man den jungen Migranten ausweisen oder für einen Oscar nominieren soll und merken dabei nicht, dass man der gescheiterten deutschen Integrationspolitik den Spiegel vorhält.

Der heute 28-jährige Mann mit einem blonden Schnurrbart und dem Zungenbrecher-Namen Tedros Teclebrhan kam mit seiner Mutter und zwei älteren Brüdern nach Deutschland, als er gerade 7 Monate alt war. Die Familie floh vor dem Bürgerkrieg in Eritrea in die neue Heimat. Alle bekamen Asyl und damit auch die Chance, in Deutschland ein neues Leben anzufangen. „Ich liebe Deutschland, ich habe hier meine Familie und Freunde, ich habe auch den deutschen Pass“, sagt Tedros in einwandfreiem Deutsch im Interview mit ihned.cz, der Online-Ausgabe der tschechischen Tageszeitung Hospodarske Noviny. Um im gleichen Atemzug fortzuführen: „Aber ich fühle mich hier nicht als Deutscher. Denn das erste, was viele Menschen sehen, ist nicht ein deutscher Mann, sondern ein verdächtiger Mann dunkler Hautfarbe.“

Genau das ist Tedros Anfang Mai passiert. Auf der Straße wurde er von einem Fernsehteam angehalten und hat bereitwillig angefangen, im Rahmen einer Umfrage ähnliche Fragen zu beantworten, die allen neuzugewanderten Migranten aus den Nicht-EU-Ländern bzw. Ausländern, die eingebürgert werden wollen, gestellt werden. Mit Hilfe dieses so genannten Integrationstests soll geprüft werden, ob sie gut genug integriert sind.

Staatsbürgerschaft? Dann besteh' den Test!

Gleich nach der ersten Frage war klar, dass der dunkelhäutige Muskelprotz in weißem Trikot und Smartphone in der Hand über die Realien seines Landes keinen blassen Schimmer hat. Das Video „Umfrage zum Integrationstest“ mit dem Untertitel „Was nicht gesendet wurde“ ist auf dem Server YouTube sofort zum Schlager geworden. Bereits nach fünf Tagen hatte es die Eine-Million-Grenze durchbrochen, nach zwei Wochen ist die Zahl der Viewer bereits auf dreieinhalb Millionen gestiegen. Für die einen ist die Umfrage nur ein weiterer trauriger Beweis für die gescheiterte Integration von Migranten in Deutschland, für die anderen eine satirische Kritik, die der fremdenfeindlichen deutschen Gesellschaft den Spiegel entgegen hält. Die Diskutierenden vergewissern sich untereinander, ob das Video nun echt sei, oder ob es mit den Kenntnissen der Migranten über Deutschland wirklich so schlimm stehe. Und die Wahrheit?“

Tedros Teclebrhan, mittlerweile ohne sein Markenzeichen - den blonden Schnurrbart - lächelt schüchtern. Mit einem so großen Erfolg seines Sketches habe er nicht gerechnet. Der junge Komiker, der angibt, er spreche fließend Schwäbisch und Türkischdeutsch, wollte nur Spaß haben. „Ich war selber einmal in einer ähnlichen Situation. Ich wollte den anderen beeindrucken, aber es ist schief gelaufen und ich habe mir gleich danach gedacht, ich hätte lieber schweigen sollen. Aber im Nachhinein lacht man darüber. Ich komme aus einer Kultur, wo viel gelacht wird. Als Therapie.“

Die Tatsache, dass viele Menschen sein Video todernst genommen haben und darüber leidenschaftlich diskutieren, kann er kaum fassen: „Ich habe die Antworten ganz bewusst ad absurdum geführt. Völlig überzogen. Jeder weiß ja, dass es in Deutschland eine Bundeskanzlerin gibt. Und kaum jemand würde öffentlich sagen, er schlägt seine Frau zu Hause.“ Dabei gebe es im Lande viele schlecht ausgebildete Menschen, die große Probleme mit ähnlichen Fragen hätten. Sowohl Migranten als auch Deutsche, sagt er.

Tedros' Video-Sketch zur Integration erhielt mehrere internationale YouTube-PreiseTedros selbst war nicht weit davon entfernt, zum klassischen Beispiel der misslungenen Integration zu werden. „Meine Schullaufbahn war ziemlich turbulent, ich wechselte oft die Schule. Aber irgendwann kam ich zu mir, holte meinen Realschulabschluss nach und absolvierte eine Ausbildung in Stuttgart“, sagt Tedros, der bereits in mehreren Fernsehfilmen gespielt hat. Zu seinen größten Erfolgen gehört eine der Hauptrollen in dem weltberühmten, vom Broadway adaptierten Musical Hairspray, das zum Kassenknüller in Köln wurde.

„Ich bin Schauspieler, kein Politiker“, beantwortet Tedros die Frage, ob er die leidenschaftliche Debatte der Spitzenpolitiker kritisieren wolle, die darüber streiten, wie viele Integrationsverweigerer es in Deutschland nun gebe, ob der Multikulturalismus tatsächlich gescheitert sei oder ob der Islam nun zu Deutschland gehöre oder nicht. Jeder könne in seinem Sketch seine eigene Botschaft finden. „Aber ich denke schon, dass as große Problem dieser Gesellschaft die mangelnde Toleranz ist. Und zwar auf beiden Seiten.“

Illustrationen: Fotos (cc)Tedros Teclebrhan/Facebook; Video (cc)TeddyComedy/YouTube