Gesellschaft

Rechtsextreme in Ungarn: eine Begegnung mit Europas Wölfen

Artikel veröffentlicht am 23. September 2014
Artikel veröffentlicht am 23. September 2014

Weiter geht´s mit der Bulli Tour! Unsere beiden Reporter, Claire Audhuy und Baptiste Cogitore, machen einen Zwischenstopp in Ungarn, um mehr über Jobbik zu erfahren, der rechtsextremen anti-europäischen Partei, die eines am allerbesten kann: über sich selbst reden.

Nach mehreren Skandalerklärungen des ungarischen Präsidenten Viktor Orban, z.B. als er Ende Juli 2014 erklärt hat, der liberalen Demokratie ein Ende setzen zu wollen, richtet sich die Aufmerksamkeit der Europäischen Union wieder auf Ungarn. Seit mehreren Jahren haben gewisse europäische Medien die Politik des Fidesz-Chefs (Herrn Orbans Partei, Anm. d. Red.) an den Pranger gestellt, dafür dass er anti-europäische Aktionen vermehrt und nicht zögert, die Geschichte seines Landes umzuschreiben. 

Orbans letzte Aktion, die für Schlagzeilen gesorgt hat? Der Bau einer Statue, die man berechtigter Weise als "revisionistisch" bezeichnen kann, auf dem Platz der Freiheit in der Innenstadt von Budapest. Das Monument stellt einen bedrohlichen Adler (Nazi-Deutschland) dar, der sich auf einen unschuldigen Erzengel  (die Nation der Magyaren als Opfergabe) stürzt. Eine ziemlich vereinfachte Darstellung der Geschichte des Zweiten Weltkriegs, in dem Ungarns faschistische Partei "Pfeilkreuzler" ihr Unheil getrieben und 400 000 Juden deportiert hat, überwiegend nach Auschwitz.

Mehr als vier Monate lang haben abwechselnde Bürgermahnwachen dafür gesorgt, dass die Arbeit der Bagger verlangsamt wurde, und die Baustelle des "Memorials" nicht voranschreiten konnte. Letztendlich wurde die Statue nachts aufgestellt, an einem Sonntag, um zwei Uhr morgens. Seitdem wird sie von der Polizei überwacht.

Ein paar Plakate, Schuhe und Steine, die vor der Statue abgelegt wurden, sind Zeugnisse der Abscheu, die ein Teil der Ungarn für dieses Monument hegt. Mit diesen Objekten und Sprüchen wollen sie an die Massaker, die die Pfeilkreuzler verübt haben, erinnern.  Die ersten ungarischen antisemitischen Gesetze, die damals über die Festlegung von Quoten den Anteil der Juden in bestimmten Intitutionen einschränkte, wurden schon in den 1920er Jahren erlassen, bevor sie in den 1930ern verschärft wurden. Die Pfeilkreuzler waren sehr wohl eine antisemitische Partei; Ultra-Kollaborateure, die im Herbst 1944 in Budapest massenweise Juden umgebracht haben.   

Es ist nicht Orbans erster Revisionsversuch. Im Jahr 2002 als er Minister war, gründete er das "Haus der Terrors", das eine ähnliche Botschaft vermittelt: Ungarn ist nur ein armes Opfer der Agressoren. Das Museum liegt in einem Gebäude, das der Reihe nach als Hauptquartier der Pfeilkreuzler und dann der sowjetischen Polizei gedient hat. Es zieht viele Touristen an und stellt letztlich nur den Terror unter dem Kommunismus dar. In der systematischen Präsentation von Ungarn als Opfer, spielt Orban mit nationalen und anti-EU Ressentiments.

"Natios aber keine Chauvinisten"

Wenngleich Orbans Partei revisionistisch ist, ist sie nicht die einzige im Land. Auch der Jobbik (die ungarische rechtsextreme Partei, Anm. d. Red.) hat am Ball der Statuen auf dem Platz der Freiheit teilhaben wollen. So thront seit 2013 eine Büste von Miklos Horthy auf dem Vorplatz einer protestantischen Kirche, deren Pastor und Frau aktive Unterstützer der ungarischen Nationalisten sind.

Als Regent des ungarischen Königreichs von 1920 bis 1944 hat sich Admiral Horthy auf die Seite des Reichs gestellt und gegen die Sowjets gekämpft, bevor er dann ab 1942 in Verhandlungen mit den Alliierten getreten ist. Zwischen Mai und Juli 1944 haben das Regime von Miklos Horthy und die pro-Nazi Bewegung der Pfeilkreuzler 400 000 Juden deportiert, hauptsächlich nach Auschwitz. Der Admiral bleibt in seinem Land eine kontroverse historische Figur: Während manche ihn als Kollaborateur und virulenten Antisemit einstufen, sehen ihn andere als Beschützer des ungarischen Volks an, der durch Hitler genötigt wurde. 

Offiziell befindet sich die Statue nicht im öffentlichem Raum. Sie zeigt auf den Platz der Freiheit. Nach mehreren Farbattacken wird die Büste aus Bronze nun durch eine plastifizierte Scheibe geschützt.  Um besser zu verstehen, für was genau Jobbik steht, entscheiden wir uns  Ferenc Almássy zu treffen, einen jungen 27-jährigen Ungarn-Franzosen, der sich vor mehreren Jahren dazu entschlossen hat, Frankreich zu verlassen:

"Ich war angewidert von der dort herrschenden Korruption. Meine Zukunft liegt in Ungarn. Hier gibt man mir eine Chance. Und man muss ja auch ein Gleichgewicht bilden zu all den jungen Ungaren, die kaum fertig ausgebildet schon das Land verlassen, um im Westen zu arbeiten. Ungarn stellt für Brüssel und Paris ein Pool billiger und gut ausgebildeter Arbeitskräfte dar. Die Länder im Osten sind Kolonien."

Nationalistische Karaoke-Events

 Ferenc Almássy trägt stolz einen hübschen Magyaren-Bart. Seit 2013 ist er bei Jobbik "Berater in frankophonen Angelegenheiten". Die Partei weiß es junge Menschen anzulocken, indem sie gelegentlich nationalistische Karaoke-Abende veranstaltet oder patriotistische Feiern bei denen man den Ruhm des verlorenen Großen Ungarns besingt (Sezessionen von 1920, in Folge des Vertrags von Trianon, der von Horthy als Diktat angeprangert wurde, Anm. d. Red.).

Von Frankreich enttäuscht erklärt sich  Almássy nur noch Ungarn gegenüber loyal. Er hofft, dass die Partei bei den nächsten Wahlen, die im Herbst 2014 stattfinden werden, ein paar Ämter gewinnen wird:

"Es wäre eine riesiger und erstmaliger Erfolg, wenn Jobbik das Mandat für eine Großstadt gewinnen würde. Dann könnten wir den Ungaren zeigen, wie wir handeln, wenn wir an der Macht sind. Es wäre eine hervorragende Probe für die späteren wichtigeren Wahlen. Der Fidesz hält ohne Orban nicht zusammen. Wir warten geduldig darauf, bis wir an der Reihe sind, und die Zügel des Systems in der Hand haben".

Wenn Jobbik an die Macht käme, droht das System dann allerdings nicht mehr ganz das Gleiche zu sein. Für die Partei soll nämlich Schluss mit der EU sein. "Wir haben nichts mit westlichen rechtsradikalen Parteien zu tun (FPÖ, FN…), denn diese Parteien wollen Dinge innerhalb des Systems verändern. Wir hingegen wollen komplett das System umwälzen. Wir sind eine magyarische Insel inmitten eines slawischen und germanischen Meers. Wir wollen weder die NATO, noch die EU. Was die Romas angeht, Schluss mit den Privilegien! Sie werden Bürger wie alle anderen sein." 

Ein Milizenbataillon in den Straßen… das war 2011

Man müsste aber trotzdem mal an die Geschichte des kleinen, nord-östlich von Budapest gelegenen Dorfes Gyöngyöspata erinnern, wo der Kandidat des Jobbik das Bürgermeisteramt im Jahr 2011 für sich entschieden hat, trotz kontroverser Wahlergebnisse. Ein Bataillon einer ungarischen Milize ist dann durch die Straßen gezogen, mit Karpaten-Flaggen - Territorien, die im Jahr 1920 verloren wurden — und Karten des ungarischen Königreiches. Die Miliz bleckte unter Anderen die Romas an und skandierte dabei Parolen wie: "Zigeuner sind Kriminelle!"

Die Skinheads des Jobbiks erinnern daran, dass Ungarns rechtsextreme Bewegung nicht salonfähig ist. Laut eines französischen Journalisten in Budapest, "befindet sich der Jobbik an einem Wendepunkt, wie die Front National vor drei Jahren: Er sucht eine Achtbarkeit, hat aber Angst sich von seiner harten Basis zu spalten."

Schöne Versprechen

Die jungen Ungaren, die wir kennenlernen, haben es satt von all diesen politischen Skandalen und den falschen irreführenden Erklärungen politischer Entscheider. Der seit Kurzem in Budapest wohnende Joël erklärt uns,  dass hier "die jungen Leute seufzen, wenn sie über Politik reden. Sie sind bitter enttäuscht, und es kommt vor, dass sie mit gerade mal 20 Jahren, aufgehört haben dran zu glauben".

Genau dann entdecken wir eine sympathische Bürgerinitiative. Der "Hund mit zwei Schwänzen" war 2010 bei den Kommunalwahlen angetreten. Diese echte-falsche Partei parodiert die Wahlprogramme, um auf ihre eigene Art und Weise die Lügen und Korruption der gegenwärtigen politischen Klasse anzuprangern. "Wenn wir gewählt werden, ersetzen wir Busse durch Achterbahnen." " Freies Bier für alle." "Ewiges Leben plus 20 Jahre (für die ewig Unzufriedenen)"... Dies sind nur ein Paar der Slogans, mit denen die Anführer der Bewegung hoffen, die Aufmerksamkeit auf ihre Bürgerinitiative zu lenken.

Gegründet wurde sie von zwei ungarischen Künstlern, die etwas Ordnung in das politische Leben der Magyaren bringen wollten. Sie zögern nicht durch künstlerische Performances Licht auf dunkle öffentliche Geschichten zu werfen. Immerhin hat der im Jahr 2006 gegründete Hund mit zwei Schwänzen 150 000 Facebook-Fans. Sie haben die Schnauze voll von Mauscheleien aller Art und hoffen das Gewissen ihrer Mitmenschen wachzurütteln. 

Dieser Artikel ist Teil einer Reportageserie im Rahmen des Projekts "Bulli Tour Europa", einem Partner von  Ca­fe­ba­bel Straßburg. Weitere Artikel finden sich auf www.​bul­li­tour.​eu