Gesellschaft

Reality-Fernsehen: Opium fürs Volk

Artikel veröffentlicht am 10. Oktober 2007
Im Magazin veröffentlicht
Artikel veröffentlicht am 10. Oktober 2007
Werden Reality Shows in Europa immer beliebter, weil sie so schlecht sind?

Im Rahmen der aktuellen Staffel von Big Brother haben mehr Briten zum Telefonhörer gegriffen, um ihre Stimme abzugeben (14,2 Millionen, 2002), als bei den letzten landesweiten Wahlen für die regierende Labour Party (nur 9,5 Millionen). Die Vox Populi hat entschieden: Reality Shows haben eine erfolgreiche Zukunft vor sich.

Wer saugt hier wen ein? (Foto: Big Fat Rat/ Flickr)

Das Konzept, das eigentlich hinter diesem Zirkus an Reality-Programmen steckt, ist dessen "unreality" - die Unwirklichkeit: stilisierte, sterotype Blickwinkel und Wiederkäuen entsprechender gesellschaftlicher Interessen bestimmen den Tenor der Sendungen. Die wachsende Anzahl solcher Programme und die "Das gabs doch alles schonmal"-Einstellung der Zuschauer veranlassen die verantwortlichen Macher zu immer extremeren Soap-Varianten, um ihren hart erkämpften Platz auf der Titelseite verteidigen zu können. Die konventionellen Grenzen des guten Geschmacks sind längst überschritten.

Big Brother

Seit seinen Anfängen in den Niederlanden 1999 hat sich Big Brother seinen jährlichen Platz auf den Quotensendern Europas gesichert. Und das in allen 27 EU-Mitgliedstaaten (häufig einmal, in einigen Länder sogar zweimal im Jahr ausgestrahlt). Die Teilnehmer sind Durchschnittsbürger, die mehrere Wochen zusammengepfercht in einem Haus oder Container wohnen. Die Zuschauer können regelmäßig per Telefon abstimmen, wer das Haus verlassen muss und wer bleiben darf. Die Grundidee bleibt dabei immer gleich. Um den Zuschauer trotzdem an das Programm zu fesseln, werden Tricks mit immer höherem Schock-Faktor angewandt, die von Land zu Land variieren.

Im nächsten Jahr startet die neunte Big Brother-Staffel in England auf "Channel 4". Für 2008 haben die Produzenten versucht, den Sex-Faktor deutlicher in den Mittelpunkt des Geschehens zu rücken. Beispielsweise werden nicht genügend Betten für die Teilnehmer bereitgestellt und es wurden Kandidaten bevorzugt, die außergewöhnliche sexuelle Neigungen haben. 2005 waren unter anderem eine psychopatische Hexe und ein portugiesischer Transsexueller, der den "Sieg" davon getragen hat, von der Partie. Außergewöhnlichster Teilnehmer in Tschechien: ein Gorilla!

Auch in Deutschland hat Big Brother Schlagzeilen gemacht. 2005 wurden die Bewohner in "arm" und "reich" aufgeteilt, in einer Zeit, in der die Bundesrepublik die höchste Arbeitslosenquote in Europa aufwies (5,2 Millionen).

Italiens Grande Fratello auf "Canale 5" machte dieses Jahr mit Gotteslästerung auf sich aufmerksam und musste dafür zahlen. Die beiden verantwortlichen Agenturen RAI und Mediaset wurden für ihre Formate Big Brother und Celebrity Survivor im Oktober zu 100.000 Euro Strafe verurteilt.

Körperwelten

Bald schon ist kein Zentimeter der menschlichen Anatomie mehr vor den Kameras sicher. Der britische Sender "Channel 5" überträgt regelmäßig Schönheitsoperationen live im Fernsehen. Seit neuestem kann der interessierte Zuschauer auch live dem Skalpell während einer Kaiserschnittgeburt folgen. "Talpa TV" hat 2005 in den Niederlanden mit dem Programm "Ich will ein Kind von dir - sonst nichts" für Samenspenden geworben. Extreme Bilder, die für eine Menge Zunder gesorgt und Potenzial für hochkarätige Parodien geboten haben.

Auf einem anderen holländischen Kanal wurde dieses Jahr De grote Donor Show ausgestrahlt. Eine todkranke Frau sollte den Kandidaten bestimmen, der ihre Niere am ehesten verdient. Später wurde aufgedeckt, dass es sich um eine Schauspielerin handelte und die Sendung genutzt wurde, um auf einen Mangel an Organspendern aufmerksam zu machen.

Was sagt der Erfolg dieser Sendungen über die Europäer aus, die in die Röhre glotzen? Ist die Kritik an den gezeigten Inhalten ein Zeichen von Arroganz gegenüber fundamentalen menschlichen Interessen - das Makabere, das Absurde, die Erforschung unserer Psyche und derer Gesetze? Oder sind Reality-Shows nur das Produkt quotenbenebelter TV-Produzenten und einer Hand voll Teilnehmer auf der Suche nach 15 Minuten Ruhm? Eine neue Form des Hahnenkampfs?

Grundsätzlich gilt es für Reality-Formate, eine eigendynamische Dramatik zu erzeugen, die vermittelt werden kann, ohne auf Fiktionalität angewiesen zu sein. Die amerikanische Schriftstellerin und Essayistin Susan Sontag beschreibt diese Thematik in ihrem wegweisenden Essay Anmerkungen zu >Camp<</em> (1964): "Alle Wirklichkeiten, die der Begriff Camp bezeichnen kann, stehen in Anführungszeichen. Das ist keine Lampe, sondern eine "Lampe"; keine Frau, sondern eine "Frau". Um "Camp" in Objekten und Personen ausmachen zu können, muss das Leben als Rollenspiel verstanden werden." Im weitestgehenden Sinne: das Leben metaphorisch als Theaterbühne. Schön, weil abschreckend.