Gesellschaft

Raneem Matouk: Überleben in einem syrischen Gefängnis

Artikel veröffentlicht am 9. Januar 2017
Artikel veröffentlicht am 9. Januar 2017

Laut Amnesty International sind unter dem Bashar-Regime mehr als 18.000 Menschen in syrischen Gefängnissen ums Leben gekommen. Raneem, die aus Syrien geflohen ist und seit 2015 in Deutschland lebt, hat vier Monate im Gefängnis verbracht, wo Folter zu ihrem Alltag gehörte. 

Es wurde viel über die Luftangriffe und die Horden von syrischen Flüchtlingen berichtet, die aus ihrem Land fliehen. Aber über die willkürlichen Festnahmen und die Folter in Gefägnissen im ganzen Land wurde seltener berichtet. Das Syrische Netzwerk für Menschenrechte, eine unabhängige NGO, behauptet Listen mit über 117.000 Inhaftierten zu haben, gegen die keine Straftaten vorliegen. 

Amnesty International (AI) veröffentlichte letzten August einen Bericht, in dem behauptet wird, dass 17.723 Menschen sogar getötet wurden. Überlebende sprachen von Folter, erzwungenden Geständnissen, "Willkommensparty"-Schlägen, Vergewaltigungen, Stromschlägen, Einzelhaft und anderen psychischen und physischen Misshandlungen. Um ihre Situation aufzudecken, hat Amnesty eine Kampagne gestartet, in der unter anderem ein 3D-Modell des berüchtigsten Saydnaya-Gefängnis, basierend auf Zeugenaussagen, designt wurde.

Amnesty International sagt, die meisten Inhaftierten seien friedliche Aktivisten, Journalisten, Schriftsteller und Menschenrechtsverteidiger. Raneem Matouk, eine Kunststudentin, die vier Monate in Gewahrsam der syrischen Behörden verbrachte, passt in diese Beschreibung. 

Raneems Höllenqual begann mit einem unerwarteten Besuch einer Gruppe Polizisten. Insgesamt dreißig Männer stürmten ihr Haus; alle suchten nach einem Mädchen von ca. 1 Meter 60, das mit ihrer Mutter und ihrem kleinen Bruder in ihrem eigenen Heim kauerte. Sie wurde zu einer Haftanstalt in Kafar Souseh, in Damaskus, mehr als zwei Stunden Autofahrt von Homs, gebracht. 

Die 25-jährige Raneem, mit ihren dunken Augen und ihrem schwarzen, lockigen Haar, erzählt ihre Geschichte letzten Dezember bei einer Konferenz, die von einer Bürgerplattform für die Unterstützung von Flüchtlingen in Brüssel organisiert wurde. Mehr als hundert Teilnehmer füllten den Raum. Sie beginnt mit der Frage, ob sich Kinder im Raum befinden: die Geschichte, die sie erzählen wird, sei nichts für Minderjährige oder sensible Menschen. 

Aber Raneem bleibt unerschüttert, als sie von der sogenannten 'Willkommensparty' in der Polizeistation erzählt. Ihr Lächeln verblasst, als sie erklärt wie sie die Polizisten nackt an eine Wand stellten. „Sie entkleideten uns und tasteten uns ab, dann begannen sie uns ohne Vorwarnung zu schlagen. Sie zielten auf mein Gesicht und den Kopf. Sie ließen ihre Wut an mir aus.“

Ihre 2 mal 4 Meter große Zelle teilte sie mit neun anderen Frauen, von denen einige schwanger waren. Auf dem Boden lagen nur fünf Matratzen, sodass die Frauen abwechselnd schlafen mussten oder es zumindest versuchten: „Von unserer Zelle aus sahen wir die Folterräume. Sie nutzten sogar Strom.“ Über ihren Dolmetscher erklärt sie wie die Polizisten sie angriffen und vergewaltigten. „24 Stunden am Tag konnten wir Menschen schreien hören. Der Geruch von Toten begleitete uns die ganze Zeit. In der Eisentür war ein kleines Fenster, durch das wir dauernd schauten, um zu sehen, ob wir jemanden kannten, Familienmitglieder zum Beispiel.“

Laut Raneem verfolgen die Gefängnisse des Regimes andere Absichten als nur die Unterdrückung: „Ich habe gesehen, wie Menschen aus ihren Zellen geholt wurden, um ihre Organe zu entfernen. Zum Sterben wurden sie wieder in die Zelle zurückgebracht. Manchmal lagen die Leichen mehrere Tage in Zellen, in denen andere Inhaftierte weiterlebten.“

Eines Tages hatte sie genug und startete einen Hungerstreik. Der Direktor ließ sie zu sich ins Büro rufen, wo bereits ein anderes Mädchen wartete, das dieselbe Idee hatte. Raneem sagt nicht, was dort mit ihr geschah, als ob sie sich nicht daran erinnern wollte. Aber sie erzählt wie das andere Mädchen vergewaltigt wurde, indem sie dazu gezwungen wurde auf einer Flasche zu sitzen.

Im Juni, nach vier Monaten Todesangst, wurde Raneem vor Gericht gebracht. Der Richter fragte sie, ob sie Geld hätte. Glücklicherweise hatte sie dies und so wurde sie entlassen. 

Plötzlich kehrt ihre Lächeln zurück. „Manchmal mache ich Witze oder wir spielen mit dem, was in Gefängnissen passiert.“ Sie erzählt wie sie eines Tages, als sie in der Uni war, einen Mörserangriff hörte. Ein Freund, der gerade bei ihr war, sagte: „Sollen wir gucken gehen, ob jemand Hilfe braucht?“ Sie antwortete kichernd: „Ok, aber wenn wir sterben, ist es deine Schuld.“ 

„Wir verwandeln Angst in Witze“, sagt sie. „Jeden Tag, als ich zur Uni ging, musste ich mich von meiner Mutter, meinem Bruder und meinen Freunden verabschieden... Würden wir uns je wiedersehen? Jeder Tag könnte der letzte sein.“

Nachdem sie das Gefängnis verlassen hatte, wusste sie, es sei an der Zeit zu fliehen. Sie nahm ein Taxi bis zur Grenze mit dem Libanon, 20 Kilometer von Homs entfernt. Sie hatte Glück, denn der Fahrer war ebenfalls ein Regimegegner. Als sie an der Grenze ankam, wurde sie von einem Zollbeamten angehalten, der aber einen ihrer Angehörigten kannte und sie gehen ließ. Als sie im Libanon waren, stieg sie aus dem Taxi und der Fahrer ließ sie das Versprechen abgeben „nie wieder zurück zu kommen“. Wenige Tage später bewarb sie sich für ein Flüchtlingsvisum in der deutschen Botschaft in Beirut. Jetzt ist sie in Sicherheit und lebt in Neubrandenburg

Raneem ist nicht sicher, ob sie das Versprechen, das sie dem Taxifahrer gegeben hatte, einhalten kann. Sie möchte zurück in ihre Heimat, sobald die Rechtsstaatlichkeit dort wieder gesichert ist. „Es kommt darauf an, wann Russland und die USA entscheiden Al Assads Regime zu beenden. Das Leben in Deutschland ist schwierig. Syrien ist ein wunderschönes Land. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand anderes in meinem Haus lebt.“