Gesellschaft

Rainer Höss, Enkel des Auschwitz-Kommandanten: “Populismus ist Propaganda”

Artikel veröffentlicht am 10. Mai 2017
Artikel veröffentlicht am 10. Mai 2017

Vor Kurzem erschien Rainer Höss‘ Autobiographie Das Erbe des Kommandanten in Frankreich. „Ich habe es zerstört” - so lautet die Lebensaufgabe des gelernten Konditors und Enkel des Auschwitz-Aufsehers Rudolf Höss, nachdem er aus einem 6-monatigen Koma aufwachte. Seitdem widmet er sein Leben der Aufarbeitung und dem Kampf gegen Rechtsextremismus in Europa. Interview mit einem Überlebenskünstler.

cafébabel: Sie haben ihren Großvater, den Henker von Auschwitz, nie kennengelernt. Können Sie dieses Erbe trotzdem in Worte fassen?

Rainer Höss: Als Enkel eines millionenfachen Massenmörders in einer Familie aufzuwachsen, die ideologisch sehr tief verstrickt war, ist natürlich ein Erbe, das man ungern hat. Mir wäre auch lieber, mein Großvater wäre Gärtner gewesen oder Häftling, dann würde ich jetzt auch auf die andere Seite gehören und hätte weniger Probleme damit. Aber ich denke, ich habe eine Veränderung geschaffen, zumindest bei meiner eigenen Familie, bei meinen Kindern.

cafébabelUrsprünglich sind Sie Konditor. Können Sie sich an den konkreten Moment erinnern, an dem sie sich sagten, ich muss mich jetzt engagieren?

Rainer Höss: Nein, das war eher unbewusst. Ziel waren immer meine Kinder. Sie zu schützen und diesen schrecklichen roten Faden, die Indoktrinierung in meiner eigenen Familie nicht mehr zuzulassen. Ich bin relativ früh Vater geworden, mit siebzehn. Und ich wusste schon damals, dass mein Sohn keinen Kontakt zu meinem Vater haben sollte. Die Angst, dass er das Gleiche erleben muss wie ich, wollte ich ihm ersparen. Daraufhin kam dann das eine zum Anderen. Ich bin in die Schulklassen meiner Kinder gegangen. Ich habe nie ein Geheimnis daraus gemacht, was ich tue und wie ich es tue. 

cafébabelNervt es Ihre Kinder nicht manchmal, dass Papa schon wieder mit diesem Thema ankommt? Erhält die Familie da nicht ständig eine Extra-Portion Aufmerksamkeit?

Rainer Höss: Nein. Meine Kinder haben es geschafft, sich Distanz zu schaffen. Und wenn sie nach Ihrem Vater gefragt werden, sagen sie: 'Na und? Hast Du ein Problem damit? Bist du Faschist? Sollte dich eigentlich auch interessieren, was er tut.' Meine älteste Enkeltochter ist 15 Jahre alt, und irgendwann sagte sie mal zu mir, 'Opa, wenn Du mal in Rente gehst, dann mach ich weiter.' Eine höhere Auszeichnung kann ein Großvater nicht bekommen. Dann kann ich mir sagen, ich habe meine Arbeit richtig gemacht.

cafébabelSie kritisieren die deutsche Aufarbeitung. Besteht die Gefahr, dass unsere Geschichte in Vergessenheit gerät?

Rainer Höss: Man hat es größtenteils vergessen. Mich ärgert der Standardunterricht an Schulen, wo man den Holocaust in sechs Stunden durchpeitscht. Aber man ist eben nicht durch, wenn man sieht, wie sich die Dinge in Europa entwickeln. Mich stört die Oberflächlichkeit. Und dieser Spruch, es ist doch 70 Jahre her. Als gäbe es heute keine Nazis mehr.

cafébabelWenn man Parteien wie die AfD in Deutschland oder den FN hier in Frankreich als rechtspopulistisch bezeichnet, finden sie diesen Terminus angebracht?

Rainer Höss: Populismus ist für mich ein Teil Propaganda. Und Propaganda ist negativ und verfolgt immer nur ein Ziel - eine Gruppe oder Gruppen auszugrenzen. Ich denke mal, selbst wenn man schärfere Termini verwenden würde, würde es ein Großteil der Bevölkerung gar nicht begreifen, weil er sich nicht mit dem Thema auseinandergesetzt hat. Ich arbeite jetzt schon seit einiger Zeit zum Thema Oradour (Massaker der Waffen-SS in Oradour-sur-Glâne 1944; AdR), das ist eigentlich ein ganz gutes Beispiel. Ich habe Anrufe bekommen von Franzosen, die gesagt haben, sie waren da gar nicht involviert. So etwas wie den Front National zu entblößen, fängt eigentlich schon damit an, dass die Leute gar nicht richtig gucken, wenn diese Dame auf der Bühne steht und man sieht nur ihr Namensschild ‘Marine’. Da steht nichts mit Le Pen, nichts mit Front National. Aber jeder weiß, dass die Familie im Grunde, und insbesondere ihr Vater ein absoluter Fascho ist, ein Rechtsradikaler, ein Holocaust-Leugner. Genauso wie sie auch, wenn man sieht, was im Musée de la Shoah zu den ein oder anderen Themen von ihr kam. Sie ist weichgespült.

cafébabelDie Franzosen nennen diesen Weichspülgang ‘dédiabolisation’, Marine Le Pen hat ja mit ihrem Vater Jean-Marie Le Pen gebrochen. Meinen sie nicht, man kann dieser Vergangenheit auch entsagen? Sie selbst entsagen sich ja auch dem Gedankengut Ihrer Vorfahren.

Rainer Höss: Dann müsste sie in einer anderen Partei sein. Zwischen ihr und mir sind ganz gravierende Unterschiede. Ich bin authentisch, sie nicht. Ich stehe für etwas ein, bekomme dafür auch Prügel. Aber man wird mich einfach nicht los, ich bin wie eine schlechte Angewohnheit. Diese Dame aber versucht ihre Gesinnung hinter einem wunderschönen blauen Vorhang zu verstecken. Ich sehe das auch bei der AfD: Keiner geht wirklich mal in die Programmsituation rein oder stellt auch mal Fragen, wo die Frau vielleicht ins Schwimmen kommt. Was passiert, wenn eine Le Pen, eine Petry (Ex-AfD-Chefin) oder ein Wilders an die Macht kommen würden? Es passiert das Gleiche, was wir jetzt gerade in der Türkei erleben - Erdoğan. Aus einer Demokratie wird eine ganz klare Diktatur, ein Einmannbetrieb, der ein ganzes Land steuert, wie er Lust und Laune hat. Das ist wie in Nordkorea.

cafébabelGerade nach den Frankreichwahlen vom vergangenen Wochenende gibt es fast ein Art Akzeptanz, wo vor 15 Jahren noch eine enorme Revolte war. Gewöhnen wir uns an ein erneutes Aufkeimen dieser Ideen von rechts?

Rainer Höss: Ich denke, das Thema ist abgestumpft, es herrscht Ignoranz. Egoismus tritt auf einmal wieder in den Vordergrund. Und das liegt zum Teil auch an der Politik. Es ist kein neuer Wind drinnen. In Frankreich lebt man ja in gewissem Sinne von der Denkweise her fast noch zur Jahrhundertwende. Macron scheint aber ein innovativer junger Mann. Er steht auch für seine Prinzipien ein, auch zum Thema seiner 24 Jahre älteren Frau. Er macht da kein Geheimnis draus.

cafébabel: Die jungen Menschen in Frankreich haben aber im ersten Durchgang eher Rechts- und Linksaußen gewählt. Was möchten Sie denjenigen, die sich von der Gesellschaft ausgeschlossen fühlen, mit auf den Weg geben?

Rainer Höss: In erster Linie einmal nicht zu verzagen, die Flinte nicht ins Korn zu werfen. Es gibt genug Möglichkeiten, kritisch zu hinterfragen. Sie hinterfragen doch auch ihr Smartphone kritisch. Komischerweise ist man in dem Bereich oberflächlich. Man weiß, was man für ein Auto, eine Frau, ein Haus will, aber man weiß nicht, was man für eine politische Richtung will. Was man für das eigene Land will. Auf den Bauch zu hören, über den eigenen Tellerrand raus zu schauen, was wirklich Fakt ist und nicht dem Herdentrieb folgen. Man muss probieren der Masse zu entfliehen, das heißt, aus ihr herauszustechen, dann funktioniert es auch.

cafébabel: Wie können sich gerade junge Leute mehr gegen Rechts engagieren?

Rainer Höss: Wir haben auf Facebook die Plattform Footsteps gegründet, wo Zeitgeschichte erklärt und in den heutigen Kontext gestellt wird. Wir wollen junge Leute ansprechen. Und ich denke mal, ich bin auch nicht dieser verknöcherte alte Mensch, den man vielleicht erwartet. Ich scheue mich nicht, Demagogen direkt anzugehen. Auch in Schweden haben mich 15-Jährige angesprochen, ob ich einen Clip mit ihnen drehen könnte. Sie wollten mal etwas anderes, als den klassischen Kampagnenfilm. Sie haben mir ihr Projekt erklärt, ich bin hingefahren und der Erfolg hat ihnen Recht gegeben. Ich bin unheimlich stolz auf diese jungen Leute, weil sie Courage gezeigt haben. Wir haben die SD, also die Rechtsradikalen in Schweden, um über 8% gedrückt. Konsens finden, Brücken bauen, genau das ist es, was ich erreichen möchte.

cafébabelKritiker werfen Ihnen vor, mit Ihrer Familiengeschichte Geschäfte machen zu wollen. Was entgegnen Sie auf diese Vorwürfe?

Rainer Höss: Was soll man darauf antworten? Es gibt einfach bildungsresistente Menschen, die versuchen, anderen ihre Meinung aufzuzwingen. Das wird ihnen aber nicht gelingen. Man hat mich schon vor Jahren für tot erklärt und ich bin immer noch da. Ich wachse ja auch selbst mit der Aufgabe. Und das Schöne ist, mit mir wachsen andere. Ich habe in meiner eigenen Familie jetzt schon die nächsten Generationen von Aktivisten gezüchtet. Und wer das Gegenteil behauptet, ist ein Schwachkopf. Meine Tochter ist mit einem Muslimen verheiratet. Ich finde das total genial. Multikulti in einer Ex-Nazi-Familie. Mischlingsehe, Blut und dieser ganze Kram rauf und runter - ich habe es zerstört!

cafébabelIn Deutschland floriert auch die Satire rund um das Thema Drittes Reich, ein noch relativ neues Phänomen - finden Sie es richtig, dem historischen Drama auch mit Humor zu begegnen?

Rainer Höss: Jedes Mittel ist recht, um Menschen Bildung zu verabreichen. Der eine ist eben nicht für den trockenen Stoff, der mag es eben mehr mit Schmackes und Humor. Der Böhmermann hat ein tolles Ding gebracht. Man sieht aber auch sofort die Reaktionen: Getroffene Hunde bellen. Ein Erdoğan hat sofort reagiert, weil ihm die Wahrheit nicht geschmeckt hat. Ich selbst habe erst mit den Überlebenden gemeinsam lernen müssen. Die haben einen unheimlichen Sarkasmus und schwarzen Humor zum Thema Holocaust. Am Anfang habe ich mich geschämt. Und heute kann ich es auch.

cafébabelDeutschland wird von seinen Nachbarn als Leader gesehen, verachtet, mockiert aber auch bewundert - welche Rolle sollte Deutschland heute im europäischen Kontext und auf der Weltbühne einnehmen?

Rainer Höss: Die Deutschen haben nach dem Nationalsozialismus als Phoenix aus der Asche gezeigt, dass sie wieder aufstehen können, mit allen Problemen, die das Land nachwievor hat. Speziell jetzt auch in der Flüchtlingskrise, ich komme aus Baden-Württemberg, waren wir die ersten, die 12 000 traumatisierte Kinder aufgenommen haben. Rechtsextremisten werden bei uns in der Region platt gemacht, wir haben kein Pegida.

cafébabelDie AfD ist aber in Baden-Württemberg eine ziemlich starke Kraft.

Rainer Höss: Viele sind Frustwähler. Meines Erachtens wird sich die AfD selber abschaffen. Da mache ich mir keine allzu großen Sorgen. Nur wenn noch mehr Rechtspopulisten in Europa an die Macht kommen, Farage von der Ukip, Orbán in Ungarn, diese Wölfe im Schafspelz, Le Pen, dann sehe ich ziemlich viel Ärger auf uns zukommen, den wir, glaube ich, nicht schlucken können.

cafébabelIn Deutschland war Rechtsaußen im europäischen Vergleich eher schwach. Mit der AfD und Pegida erleben wir aber in den letzten Jahren ein neues Erwachen rassistischen Gedankenguts - woher kommt dieser neue Patriotismus?

Rainer Höss: Meinen Schülern sage ich immer, Gott liebt dumme Menschen, denn er macht ja so viele davon. Das Thema Faschismus oder Nationalsozialismus werden wir nie wegkriegen in der Welt, das wird uns immer begleiten.

cafébabelAber kann man denn so viele Wähler als dumm verunglimpfen? Sollte man die Bedenken in der Bevölkerung nicht ernst nehmen?

Rainer Höss: Wenn ich die Leute sehe, die da mit ihren Frisuren auf den Märschen mitlaufen und ihre Aussagen höre, würde ich ihnen gern antworten: 'setz dich mal mit mir hin oder fahr’ mit mir mal nach Auschwitz'. Ich hatte derartige Begegnungen schon. Man darf Probleme nicht beiseite schieben. Auch ich habe mich den Problemen in meiner Familie gestellt, in allen Formen, Farben und Facetten. Und ich lebe noch, bin glücklich. Ich möchte nichts Anderes machen. Die Aufarbeitung ist für mich zum Beruf geworden.

cafébabelSie haben ein Stück Aufarbeitung sprichwörtlich unter der Haut. Vor ein paar Jahren haben Sie sich einen Davidstern tätowieren lassen. Dürfen wir den sehen?

Rainer Höss: Nein, das ist privat [lacht]. Aber vor allem ist es hier in Paris zu kalt. Das Tattoo zeigt meinen Respekt gegenüber den Überlebenden, die mir Vertrauen geschenkt haben. Sie haben mich nicht vorverurteilt aufgrund meiner Familie und Herkunft. Und ich wollte diese Menschen in irgendeiner Form honorieren. Klar, ich könnte denen jetzt ein Marzipanschwein auf den Schreibtisch stellen, ich wollte aber etwas hinterlassen, das über deren Tod hinaus weiterexistiert. Ihnen das Gefühl geben, sie leben weiter. Das soll nicht schreien, schaut mal wie tough ich bin, das Ding ist wirklich nur für diese drei Überlebenden und für mich. Es zeigt unsere Zusammengehörigkeit, unsere Gemeinschaft. Wir sind nicht mehr Nazi-Enkel und Opfer, in vielen Fällen hat man mich sogar in die Familie aufgenommen. Und das macht Mut. Ich wünsche mir, dass sie so lange wie möglich überleben. Denn sie sind das einzige Bollwerk, das wir gegen Holocaust-Leugner wie Le Pen oder Orbán noch haben [sic. Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán hat den Holocaust nicht offiziell geleugnet]. Sie sind Zeitzeugen. Wenn die mal nicht mehr sind, dann sind wir diesem ganzen Shit in freier Wildbahn ausgesetzt. 

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Rainer Höss: 'Das Erbe des Kommandanten' (2013) - im Französischen: 'L'Héritage du commandant' (Notes de Nuit 2016)