Gesellschaft

Queer in Tunesien: „Bist du eine Schwuchtel, oder was?" 

Artikel veröffentlicht am 24. Februar 2014
Artikel veröffentlicht am 24. Februar 2014

Sie sind jung, queer und lei­den. Drei Jahre nach dem ara­bi­schen Früh­ling bleibt Schwul­sein und Bi­se­xua­li­tät ein Tabu und eine Straf­tat in Tu­ne­si­en. Trotz­dem will die junge quee­re Ge­ne­ra­ti­on für ihre Rech­te kämp­fen. Aber noch fehlt es ihr am Zu­sam­men­halt,  der Stra­te­gie und dem Mut, um eine kraft­vol­le Be­we­gung zu star­ten. 

Es war ein be­son­de­rer Mo­ment im Ja­nu­ar 2011. Wäh­rend der De­mons­tra­tio­nen gegen Dik­ta­tor Ben Ali zück­ten junge Tu­ne­si­er_in­nen die Re­gen­bo­gen­flag­ge. Das erste Mal. Öf­fent­lich. Ein Zei­chen des Wan­dels. Ein Foto davon hat Ràm'y auf sei­nem Note­book ge­spei­chert. In einem Café in Marsa, dem schi­cken Stadt­teil von Tunis, zeigt er es stolz. Dass an­de­re Men­schen es sehen könn­ten, stört ihn nicht. Denn das ist nicht der Ort, an dem er sich ver­ste­cken muss. Das Café könn­te in Ber­lin oder Paris ste­hen. Stil: Hips­ter. Jung, wohl­habend, ge­bil­det. Der ein­zi­ge Un­ter­schied ist, dass ein küh­ler Wind vom Mit­tel­meer über die Ter­ras­se weht.

Dort sitzt Ràm'y, raucht und er­zählt. Seine Mut­ter weiß, dass er schwul ist. Sein Vater nicht. Ihm ist das egal. Er lebt sein Leben. Auf Face­book pos­tet er Fotos und Texte übers Schwul-, Bi- und Les­bisch­sein. Er nimmt kein Blatt vor den Mund - auch wenn sich die meis­ten daran stö­ren und nicht sel­ten Kom­men­ta­re wie „Bist du eine Schwuch­tel, oder was?" ge­pos­tet wer­den. „Ich will, dass die Leute sich daran ge­wöh­nen. Mit der Zeit wird Ho­mo­se­xua­li­tät nor­mal wer­den", sagt Ràm'y. Für seine 20 Jahre spricht er über­ra­schend re­flek­tiert. Er hat noch gro­ßes vor im Leben und wünscht sich, dass es in Zu­kunft ein­fa­cher wird für Queers in Tu­ne­si­en. „Ich hätte gern mehr Mög­lich­kei­ten für uns: einen Gay Pride, eine Selbst­hil­fe­grup­pe, mehr Ak­zep­tanz." 

Es geht um die Zu­kunft von jun­gen Men­schen, deren se­xu­el­le Iden­ti­tät in Tu­ne­si­en ver­ach­tet wird - vom Staat und der Ge­sell­schaft. Der Pa­ra­graph 204, der für gleich­ge­schlecht­li­chen Sex mit bis zu drei Jah­ren Ge­fäng­nis droht, kommt zwar nur noch sel­ten zur An­wen­dung. Trotz­dem er­in­nert er daran, dass Schwu­le und Bise­xu­el­le je­der­zeit für ihre se­xu­el­le Iden­ti­tät ver­folgt wer­den kön­nen. Denn in der tu­ne­si­schen Ge­sell­schaft bleibt diese, wie auch Trans* zu sein, ein Tabu.

Dop­pelt ver­hei­ra­tet für den he­te­ro­se­xu­el­len Schein

Das hat auch Methi (Name ge­än­dert, Anm. d. Red.) er­lebt. Er wohnt mitt­ler­wei­le zwei­ein­halb Stun­den von Tunis ent­fernt. Er braucht den Ab­stand zu sei­ner Fa­mi­lie, be­nö­tigt „Luft zum Atmen". Von sei­nem Ein-Per­so­nen­apart­ment aus blickt er auf den Strand einer Tou­ris­ten­stadt an der Ost­küs­te Tu­ne­si­ens. In sei­ner Woh­nung zei­gen klei­ne Öl­ge­mäl­de saf­tig, grüne Wäl­der. Deut­sche Wäl­der. Methi liebt Deutsch­land. Sie­ben Jahre hat er dort ge­wohnt und Ger­ma­nis­tik stu­diert. Es war die frei­es­te Zeit sei­nes Le­bens, er­zählt er. Mitt­ler­wei­le ist er 35 Jahre alt. Dass er bi­se­xu­ell ist, mit Vor­lie­be für Män­ner, weiß er seit sei­ner Pu­ber­tät. Ein Co­m­ing-out kam für ihn da­mals wie heute nicht in Frage: „zu ge­fähr­lich". Auf den Druck sei­ner Fa­mi­lie hin hei­ra­te­te er zwei­mal die­sel­be Frau, mit der er mitt­ler­wei­le auch ein Kind hat. Jetzt lebt er zum zwei­ten Mal in Schei­dung von ihr und ein­sam.

Die Re­vo­lu­ti­on hat für ihn, wie auch für viele an­de­re schwu­le und bi­se­xu­el­le Tu­ne­si­er über 30, nur wenig ge­än­dert. „Die Si­tua­ti­on für Ho­mo­se­xu­el­le ist unter Ben Ali nicht so schwie­rig ge­we­sen, weil sie seine Macht nicht stör­ten", sagt Methi. Er fürch­tet nun sogar eine Ver­schlech­te­rung, falls die kon­ser­va­tiv-sala­fis­ti­sche Be­we­gung ihre Macht aus­baut.

Für Methi ist des­halb klar: Er wird wie­der hei­ra­ten und he­te­ro­se­xu­ell leben. Pro­fi­tie­ren wer­den sei­ner Mei­nung nach dafür die jun­gen Tu­ne­si­er: „Das In­ter­net hat nicht nur die Re­vo­lu­ti­on hier­her ge­bracht, son­dern auch junge Leute mit Gleich­ge­sinn­ten zu­sam­men­ge­bracht. Das ist die wirk­li­che Re­vo­lu­ti­on", sagt er.

Am Pran­ger: Das erste quee­re Ma­ga­zin hat es schwer

Das World Wide Web ist der Ort, wo sich Queers ver­net­zen. Die Da­ting­com­mu­ni­ty Pla­ne­tro­meo bringt Män­ner mit Män­nern zu­sam­men - sei es für Sex, Be­zie­hungs­su­che oder um neue Freun­de ken­nen­zu­ler­nen. Auf Face­book haben viele Queers ein an­ony­mes Zweit­pro­fil, um sich mit an­de­ren Aus­zu­tau­schen und zu or­ga­ni­sie­ren. Eben­so fin­den sich dort Sei­ten wie die von Kelm­ty, der ers­ten und on­line agie­ren­den LGBT-Or­ga­ni­sa­ti­on Tu­ne­si­ens. Auch haben Ak­ti­vis­ten das erste Queer­ma­ga­zin Tu­ne­si­ens Gay­Day­Ma­ga­zi­ne im Web ge­grün­det. Nach dem an­fäng­li­chen Hoch­start wird des­sen Web­sei­te aber nur noch spär­lich ak­tua­li­siert. Seit der tu­ne­si­sche Mi­nis­ter für Men­schen­rech­te a.d. das Ma­ga­zin öf­fent­lich an den Pran­ger ge­stellt hat, lebt der Grün­der in Angst. „Er zieht fast alle zwei Mo­na­te um, um nicht ge­fun­den zu wer­den", sagt Ali.

Der 25-jäh­ri­ge Stu­dent en­ga­giert sich unter an­de­rem als Webad­min für das Ma­ga­zin und ist au­ßer­dem bei Am­nes­ty In­ter­na­tio­nal aktiv. Er ist einer die­ser jun­gen Tu­ne­si­er, die gut ver­netzt sind und für eine brei­te De­mo­kra­ti­sie­rung ein­tre­ten. Seine Aben­de ver­bringt er statt vorm Fern­se­her auf Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tun­gen in al­ter­na­ti­ven Kul­tur­zen­tren;  seine Freun­de sind nicht nur zum Zeit­ver­treib da. Sie wol­len ge­mein­sam etwas be­we­gen - auch in Sa­chen Queer­rech­te. Aber das braucht Zeit. Ali war­tet auf den „Bon mo­ment", den rich­ti­gen Mo­ment, um aktiv zu wer­den. Das un­ter­schei­det ihn von an­de­ren Leu­ten, die nach der Re­vo­lu­ti­on eilig In­itia­ti­ven grün­de­ten: „Al­le haben mit ir­gend­was an­ge­fan­gen, ohne zu wis­sen, was sie kon­kret und wie er­rei­chen wol­len."

Selbst in der Com­mu­ni­ty fehlt die So­li­da­ri­tät

Ali hin­ge­gen agiert etwas ru­hi­ger. Bis­her ana­ly­siert er noch, wie eine Stra­te­gie für die Queer­be­we­gung aus­se­hen könn­te. Er spricht mit Ak­ti­vis­ten an­de­rer Län­der, holt sich Rat ein, ver­sucht sich mit an­de­ren Queers zu ver­net­zen. Leicht ist vor allem Letz­te­res nicht. Viele haben Angst, dass ihr En­ga­ge­ment zwangs­läu­fig zu einem un­frei­wil­li­gen Co­m­ing-out führt. Hin­zu­kommt, dass keine ge­fes­tig­te Com­mu­ni­ty exi­si­tiert, die ge­mein­sam an einem Strang zieht. In den ver­schie­de­nen Stadt­tei­len von Tunis gibt es zwar in­for­mel­le Grup­pen von Schwu­len oder Les­ben. Diese ste­hen aber teil­wei­se in Kon­kur­renz zu­ein­an­der. Wenn wir nicht un­ter­ein­an­der so­li­da­risch sind, dann ist es schwer So­li­da­ri­tät von außen zu be­kom­men", sagt Ali.

Für ihn steht die Queer­be­we­gung drei Jahre nach der Re­vo­lu­ti­on des­halb noch ziem­lich am An­fang. Aber die Zeit drängt. Denn sonst er­geht es noch mehr Queers so wie Methi: Zwangs­hei­rat und Schein­le­ben auf­grund des ge­sell­schaft­li­chen Tabus. Keine gute Aus­sicht.

*Trans: Be­griff für alle Men­schen, die nicht der so­zio­kul­tu­rel­len Ge­schlechts­norm von Frau oder Mann zu­zu­ord­nen sind.