Gesellschaft

Pulse of Europe: Aufstand der Europäer

Artikel veröffentlicht am 27. März 2017
Artikel veröffentlicht am 27. März 2017

Seit mehreren Wochen organisiert die neue Bewegung Pulse of Europe jeden Sonntag proeuropäische Demonstrationen, zunächst in Frankfurt am Main und mittlerweile in vielen europäischen Städten. Aber wer genau sind die Menschen, die sonntäglich freiwillig Europaflaggen schwingen? Wir haben Aurélien, einen der Gründer von Pulse of Europe France getroffen.

Alles begann in Frankfurt am Main, wo im vergangenen November eine Handvoll Anwälte die Nase voll hatten. Sie wollten endlich selbst aktiv werden. Und zwar, um Europa zu retten. Die Wahl von Donald Trump in den USA und das Resultat im britischen Brexit-Referendum, nicht zu vergessen die waltende Euroskepsis und der wachsende Populismus auf dem Almten Kontinent, haben die Pulse of Europe-Crew überzeugt, ihre komfortablen Bürosessel zu verlassen.

Auch wenn die ersten Zusammenkünfte in Frankfurt oder Freiburg kaum mehr als einige Dutzend Menschen zählten, ließen die Organisatoren nicht locker. Auf der Basis professioneller Kontakte, Freunde und über die Social Media-Kanäle hat sich das Phänomen rasant ausgebreitet. So konnte sich die Bewegung schnell auch auf Städte wie Wien, Amsterdam und Paris ausweiten. Am letzten Wochenende sollen laut der Veranstalter europaweit 40 000 Menschen für Europa auf der Straße gewesen. 

„Die Organisatoren aus Frankreich haben mich angerufen und gesagt, wir sollen etwas Ähnliches hier in Frankreich auf die Beine stellen“, erklärt Aurélien, der Pulse of Europe in Frankreich mitgegründet hat. „Wir haben zunächst in Paris losgelegt. Und genau wie in Deutschland haben sich umgehend weitere französische Städte bei uns gemeldet, die ihre Unterstützung zugesagt haben.“ Die europäische Bewegung kam somit relativ schnell auch in Straßburg, Montpellier, Lyon und Toulouse zustande.

Die Teilnehmerzahl variiert von Stadt zu Stadt. Mehrere tausend Menschen gehen auf die Straße, besonders in Frankfurt und Berlin, in kleineren Städten kommen mehrere Dutzend oder hunderte Menschen zusammen. Und sie werden jede Woche mehr. „Mal im Ernst, 100 bis 200 Menschen, das ist doch gar nicht mal schlecht. Wir zählen auch darauf, dass es Woche für Woche mehr werden. In Deutschland war das auch so, warum sollte es also nicht auch hier in Frankreich funktionieren?“, hofft Aurélien.

Trotzdem sind die Zahlen der Teilnehmer nicht überwältigend, wenn man beispielsweise mit den kürzlichen Protesten gegen die korrupte Regierung in Rumänien vergleicht, die mehrere hunderttausend Demonstranten versammelten. Sind die Ideen, die Europa verkörpern, einfach zu abstrakt?

„Das finde ich nicht. Sie könnten konkreter nicht sein. Nehmen wir doch mal das Beispiel Frieden. Wenn man die Kriegsrealität schon vergessen hat, muss man nur mal in die Ukraine schauen oder sich erinnern, was vor gar nicht so vielen Jahren in Ex-Jugoslawien los war. Ja, der Frieden ist äußerst real, aber wir sollten auch die anderen Werte der Union nicht vergessen: persönliche Freiheiten, Menschenrechte…“, erinnert Aurélien.

Auch wenn sie noch keinen massiven Zulauf haben, sind die Pulse of Europe-Demos vielfältig und machen von sich reden. Auch 'Freude schöner Götterfunken' ertönt immer wieder und ist sowas wie der offizielle Soundtrack der Bewegung geworden. Die Fahnen, Ballons und Plakate kleiden die Plätze in das symbolische Dunkelblau der Union - ein noch recht ungewöhnlicher Anblick. Laut Aurélien habe diese plötzlich scheinende Euphorie aber ihre Gründe: „Schlussendlich ist die Idee ziemlich simpel - wir geben den Leuten, die Bock haben, sich zu Europa zu bekennen und es zu unterstützen Raum, ihre Meinung zu äußern. Heute sind sie nicht gut genug repräsentiert. Politiker und Politikerinnen aus vielen Ländern, darunter auch Frankreich, präsentieren Europa nicht als Lösung für Probleme“, fügt er hinzu.

Buhmann Brüssel

Aber die Liebe für den Kontinent muss vor lauter Enthusiasmus nicht gleich blind machen: „Bei Pulse of Europe denken wir ebenfalls, dass Kritik angebracht ist und viele Dinge in der EU reformiert werden sollten. Es gibt ja das ein oder andere zu behebende Problem und viele Sachen, die einfach grundsätzlich falsch laufen. Die EU hat den Kontakt zu ihren Bürgern in den letzten Jahren verloren, das ist eigentlich das größte Übel. Ziel unserer Initiative ist es jetzt, Politiker zu ermutigen, nicht immer Brüssel für alles verantwortlich zu machen. Und das gerade aus dem Grund, dass wir doch alle wissen, dass die wichtigsten Entscheidungen auf nationalem Niveau getroffen werden. Die müssen sich jetzt die Ärmel hochkrempeln und für ein effizienteres Europa einstehen und arbeiten.“

Pulse of Europe ist nicht die einzige pro-europäische Demonstration. Am vergangenen Wochenende fand im Rahmen der Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag der Römischen Verträge auch in Rom ein Europamarsch statt, an dem über 5000 Menschen teilnahmen.