Gesellschaft

Profiteure der Krise: Wer verdient an den Flüchtlingen?

Artikel veröffentlicht am 1. Oktober 2015
Artikel veröffentlicht am 1. Oktober 2015

Bürger nehmen Flüchtlinge bei sich auf, Hilfsorganisationen berichten von einem hohen Spendenaufkommen und Freiwillige helfen in den Aufnahmelagern – die Hilfsbereitschaft der Deutschen für Flüchtlinge ist ungebrochen. Doch auch Unternehmen springen auf den Zug des Mitgefühls auf, mit empathischen oder kommerziellen Hintergedanken? Wer profitiert eigentlich von der Krise?

Die Flüchtlingskrise ist allgegenwärtig in unserem Alltag. Sei es im Fernsehen, in den Zeitungen oder den sozialen Netzwerken. Viele Unternehmen haben sich auf die Flagge geschrieben, den Ankommenden zu helfen, von ihrer Ankunft im Aufnahmelager bis zum selbstständigen Leben und Arbeiten. Der Langenscheidt Verlag unterstützt Flüchtlinge und Helfer in einem grundlegenden Problem: die Verständigung. Seit Ende August stellt das Unternehmen sein Arabisch-Wörterbuch online kostenlos zur Verfügung. „Wir haben in den letzten Monaten sehr viele Anfragen von Flüchtlingsorganisationen und privaten Initiativen erhalten“, erklärt Eckard Zimmermann, Leiter der Abteilung Digital Business, „Deutsch zu lernen ist ein wichtiger Teil der Integration.“ Langenscheidt möchte bereits bei der Ankunft der Geflüchteten die Kommunikation mit den Helfern erleichtern: „Daher kein Buch, sondern eine digitale Anwendung.“ Vertrauen und Kontakt würden mit den ersten Worten entstehen.

Die Anregungen kamen aus den sozialen Netzwerken, die eine bedeutende Rolle für Helfer und Ankömmlinge einnehmen: „Das Smartphone ist für Flüchtlinge das Tor zur Welt. Es ist faszinierend zu sehen, mit welcher Geschwindigkeit sich die Nachrichten verbreiten, auch über unsere Aktion“, stellt Zimmermann fest. Dem Verlag ist es wichtig, den Flüchtlingen nicht nur mit Geld zu helfen, sondern sie im direkten Kontakt zu unterstützen: „Durch das persönliche Engagement erfahren sie, dass sie willkommen sind und fassen Vertrauen.“ In den nächsten Wochen und Monaten wird der Verlag an weiteren Sprachversionen arbeiten und eine digitale Anwendung entwickeln, die ganze Sätze in Arabisch beziehungsweise Deutsch übersetzt, erneut kostenlos. Langenscheidt hat Probleme erkannt und auf Anregungen der Community reagiert. Der Verlag bietet seine Angebote umsonst an. Von einem Profit aus der Krise kann hier nicht gesprochen werden.

Andere Unternehmen helfen nicht direkt vor Ort, sondern zeigen klare Kante gegen rechte Parolen. Die Marke Fisherman’s Friend veröffentlichte am 27. August ein Bild auf ihrem Facebook- und Twitteraccount. Zu sehen ist ein bunter Stapel der typischen Verpackungen der Marke. Statt der Geschmacksrichtung tragen sie die Aufschrift „Toleranz – mehr Vielfalt für Deutschland“. In ihrem Post spricht das Unternehmen rechte Hetzer direkt an: „Hey Heidenau und Co, exklusiv für Euch: Unsere neueste Sorte. Solltet ihr auch mal probieren.“ Bisher erhielt der Beitrag 64 000 Likes und wurde 1 300 Mal retweetet. Indirekt kann das Unternehmen Sympathien sammeln, doch auch bei Fisherman’s Friend steht die Botschaft und nicht der Profit im Vordergrund.

Diese Einstellung ist nicht selbstverständlich. Manche Unternehmen nutzen die Flüchtlingskrise, um aus ihr wirtschaftliche Vorteile zu ziehen, erklärt Stephan Lessenich, Soziologieprofessor an der LMU München: „Wir leben in einer Ökonomie, die für wirtschaftliche Akteure Anreize setzt, alle möglichen gesellschaftlichen Bedürfnisse zu kommerzialisieren.“ Wenn dazu das „rhetorisch-symbolische Aufspringen auf den Refugees-Welcome-Zug“ sinnvoll erscheine, würden Unternehmen genau dies tun, so der Soziologe.

„Refugees Welcome“-Produkte sind in diesen Tagen ein echter Kassenschlager. Seit Mai sind die Suchanfragen für die Begriffe „refugees welcome shirt“ auf Google stark angestiegen. Allein von August bis September haben sich die Anfragen verdoppelt. Viele kleinere Händler bieten ihre Produkte, darunter auch die Flüchtlings-Shirts, zum Beispiel auf Amazon an. Der Versandhändler verlangt eine Gebühr von 15 Prozent des Verkaufspreises, damit Händler ihre Produkte dort anbieten dürfen. Amazon verdient somit mit an Produkten der „Welcome Refugees“-Kampagne. Doch auch wenn die Händler ihre Shirts in eigenen Shops und nicht bei Amazon anbieten, ist nicht sicher, dass Flüchtlinge davon profitieren. Das Problem: Es ist unklar, wie viel Geld in die Produktion fließt und wie viel theoretisch als Spende für Flüchtlinge übrig bleibt.

Manche Shops versuchen dem Problem mit Transparenz zu begegnen. Der Onlinehändler „DirAction“ ist ein kleiner Shop, der hauptsächlich Produkte mit antifaschistischen Motiven anbietet. „Dressed to misbehave“, lautet sein Slogan. Auf der Homepage des Shops stoßen Kunden auf die sogenannten Soli-Aktionen. Ein „Refugees welcome“-Shirt wird hier für 14 Euro angeboten. In der Beschreibung ist erklärt, dass fünf Euro an „Lampedusa Hamburg“ fließen. Es handelt sich um einen Protestverein von 300 Flüchtlingen, die seit 2013 für ein dauerhaftes Bleiberecht kämpfen.

Ebenfalls in Hamburg bildete sich ein Kollektiv von 15 Unternehmen und Labels mit dem Ziel, Flüchtlingshilfe zu leisten. Sie nennen sich „Moin Moin Refugees“ und haben sich zusammen getan, um ein großes Event zu organisieren. Am 20. Oktober wird in Hamburg ein Festival in sechs Clubs stattfinden. So lautet der aktuelle Plan, das endgültige Programm ist noch in Arbeit. „In Bezug auf ein so wichtiges und aktuelles Thema lag der Gedanke nicht fern, so viele Menschen wie möglich zu mobilisieren“, schreibt das Kollektiv auf Facebook. Der komplette Erlös aus Eintritt, Getränken und Essen soll für das verwendet werden, was die Flüchtlinge im Moment am dringendsten brauchen. Die Unternehmen arbeiten zusammen mit „Menschhamburg“, einem gemeinnützigen Verein, der die Sach- und Geldspenden für Flüchtlinge in Hamburg koordiniert. 11,70 Euro kostet der Eintritt im Onlineshop, zehn Euro gehen pro Ticket direkt an den Verein. 23 000 Personen haben bisher auf Facebook zugesagt, zum Festival zu kommen. „Am Ende darf natürlich nichts für uns rausspringen, das ist selbstverständlich“, teilt das Kollektiv mit. Kein Profit für die Unternehmen und eine große Party für ganz Hamburg, um so vielen Flüchtlingen wie möglich zu helfen.

„Ob Initiativen von Unternehmen bei den Menschen ankommen, hängt sicher von der Intelligenz, Kreativität und Überzeugungskraft der jeweiligen Aktion ab“, erklärt Soziologieprofessor Stephan Lessenich. So ist es möglich, dass Flüchtlingshilfe auch nach hinten los geht. Ein Beispiel ist die BILD-Zeitung. Das Boulevardblatt startete die Aktion „Wir helfen“ und konnte hochkarätige Politiker wie Sigmar Gabriel dazu gewinnen, mit dem offiziellen Logo zu posieren. Ziel der Aktion sei es, über Hilfsaktionen zu berichten und Spenden zu sammeln. Mitte September vereinbarte Bild mit allen Mannschaften der ersten und zweiten Bundesliga, dass sie zu ihren Spielen das „Wir helfen“-Logo auf dem Trikot tragen. Eine Aktion der Solidarisierung mit großer Reichweite mit dem Stempel der BILD-Zeitung. Der FC St. Pauli distanzierte sich von der Aktion und wurde von BILD-Chefredakteur Kai Diekmann in die Nähe von rechten Parteien gerückt. Das ging anderen Vereinen zu weit. Sie unterstützten den Hamburger Club. Neun weitere Mannschaften liefen ohne das BILD-Logo auf. Die Aktion sorgte für reichlich Wirbel, lenkte aber vom eigentlichen Sinn ab, den Flüchtlingen zu helfen.

Dem Blatt wurde daraufhin vorgeworfen die positive Grundstimmung für Flüchtlinge in der Gesellschaft für sein Image zu nutzen. Hatte BILD doch wenige Monate vorher noch abfallend über einen „Asyl-Ansturm“ gesprochen.  „Man kann davon ausgehen, dass zivilgesellschaftliches Engagement dauerhafter und verlässlicher ist als die Sympathiebekundungen kommerzieller Unternehmen“, so Professor Lessenich, „Deren Interesse wird sich schnell anderen Anlässen zuwenden, wenn sich das zu lohnen, sprich zu rechnen, scheint.“