Gesellschaft

Pro-Live: Kampf für das ungeborene Leben

Artikel veröffentlicht am 9. Februar 2007
Artikel veröffentlicht am 9. Februar 2007
Abtreibungsgegner arbeiten heute wie Lobbies. In ihren Standpunkten mischen sich religiöse und konservative Werte. Inzwischen finden sie in ganz Europa Gehör.

„Eine Gesellschaft, die die Schwachen nicht schützt, egal wie alt oder entwickelt sie sind, kann nicht gleichzeitig die Menschenwürde anpreisen.“ Diese Worte stammen von Benigno Blanco, Vize-Präsident des spanischen Familien-Forums. Dieser Verband versammelt mehr als 5000 Vereine und fordert eine Politik zum „Schutz des Lebens“.

Die Pro-Life-Bewegung entstand 1973 in den USA. In diesem Jahr machte der Oberste Gerichtshof Abtreibung zum Verfassungsrecht. Dies war für die Anhänger der Bewegung der Anlass, bedingungslos dafür zu kämpfen, dass das Leben des Menschen schon in seinen Anfängen geschützt wird.

Viele Vereine der Bewegung bezeichnen sich als „säkular“: „Das Leben ist ein universeller Wert. Er wird von allen Menschen geteilt, die sich für das Allgemeinwohl interessieren. Es ist kein religöser Wert“, sagt Paul Ginoux Derfermon, Präsident des französischen Verbandes „30 Jahre, das genügt“ [1975 wurde Abtreibung in Frankreich legalisiert, Anm. d. Red.]. Dennoch wird den Vertetern der Pro-Live-bewegung vorgeworfen, dass ihre Argumente zum Schutz des Lebens religiös gefärbt seien. „Es kann schon sein, dass unser Verband Werte vertritt, die von der katholischen Kirche und den Protestanten geteilt werden“. Derfermons Verband zählt zehn Vereine und fast 100 000 Mitglieder.

Meinungsverschiedenheiten

Wie aktiv die Pro-Live-Anhänger in den einzelnen Ländern sind, hängt von der Gesetzgebung ab. In den meisten Staaten Europas ist Abtreibung legal, jedoch mit starken Einschränkungen versehen. Nur in wenigen Ländern ist sie verboten, etwa in Portugal, Polen und Irland. Die meisten Mitglieder der Bewegung fürchten eine einheitliche Gesetzgebung in Europa. „Jeder Staat soll Abtreibung streng verbieten“, fordert Ginoux Defermon. „Gleichzeitig müssen die Angebote für Familien mit Kindern verbessert werden.“

In Zeiten des Kommunismus war Abtreibung „frei und kostenlos“. Im Jahr 1993 wurden dieser Freiheit auf Druck der Pro-Live-Anhänger enge Grenzen gesetzt. Dass die Bewegung seitdem immer mehr Zulauf findet, wundert Pawel Wosicki, den polnischen Pro-Live-Präsidenten, nicht: „Eines der wichtigsten Meinungsforschungs-Institute unseres Landes, das CBOS, hat herausgefunden, dass die Zahl der Befürworter eines liberalen Abtreibungsrechts drastisch gesunken ist“. Dieser Umfrage zufolge sprachen sich 1997 noch 65 Prozent der Polen für ein Recht auf Abtreibung aus. 2006 waren es nur noch 44 Prozent.

Am 11. Februar wird in Portugal ein Referendum zur Abtreibung stattfinden. „Wir hoffen, dass die Bürger Portugals nicht denselben Fehler machen wie Frankreichs Abgeordnete“, sagt Ginoux Defermon. „In Frankreich ist die Zahl der Abtreibungen seit der Legalisierung im Jahr 1975 von 60 000 auf 220 000 gestiegen“. Pawel Wosicki glaubt, dass „die Abstimmungen über das Recht auf Leben ein Missverständnis sind. Das Recht auf Leben ist ein Grundrecht und kann nicht zur Wahl gestellt werden.“

Doch es wird bezweifelt, ob härtere Gesetze tatsächlich das beste Mittel darstellen, Abtreibungen zu verhindern. Dort, wo die Gesetzgebung streng ist, können Frauen trotzdem abtreiben. Sie tun es illegal oder in Ländern, in denen es erlaubt ist. „Der ‚Abtreibungs-Tourismus’ ist ein bedauerliches Phänomen“, sagt Pawel Wosicki. „Zu viele Kliniken haben sich darauf spezialisiert. Sie sehen nur ihr Eigeninteresse.“

Die Mutter oder der Embryo

„Das Lebensrecht der Mutter ist wichtiger als das Lebensrecht des Embryos“, urteilt hingegen Rebecca Gompeerts, deren Verein Women on Waves Frauen bei Abtreibungen hilft [siehe Interview unten]. „Warum soll eine Mutter gezwungen werden, ein Kind zu haben, wenn es ihre Lebenssituation nicht zulässt?“ Das sieht Benigno Blanco anders: „Die Frage nach der Abtreibung hat nichts mit einem eventuellen Recht der Frau auf ihren Körper zu tun. Es geht darum, ob die Frau ein Recht hat, ihr Kind zu töten.“

Gloria, 40, hat 1991 abgetrieben. „Abzutreiben ist keine Freude, aber eine Entscheidung, für die jede Frau die Verantwortung übernimmt – aus welchen Gründen auch immer. Vielleicht sollte die Pro-Live-Bewegung damit aufhören, von der Schuld der Frauen zu sprechen. Sie sollten lieber dafür kämpfen, dass junge Frauen besser aufgeklärt werden und sich die Bedingungen in der Gesellschaft für sie verbessern. Das würde die Situation vielleicht ändern.“

Women on Waves: Letzter Rettungsanker für Frauen

Mit ihren Aktionen gegen das Abtreibungsverbot sorgt die niederländische NGO Women on Waves für einigen Medienrummel.

In Portugal werden jährlich fast 20 000 Abtreibungen vorgenommen, von denen 5 000 die Gesundheit der Frau gefährden. In den Territorialgewässern der Länder, in denen Abtreibung verboten ist, können die Frauen an Bord des Schiffs Borndiep kommen [das unter niederländischer Flagge läuft; Anm d. Red.]. Das medizinische Team der Women on Waves kann Abtreibungen bis zur sechsten Schwangerschaftswoche durchführen und Abtreibungspillen ausgeben, ohne dass die Frauen rechtliche Risiken eingehen. Als Hauptaufgabe strebt Women on Waves die Sensibilisierung des Problems an und gibt Online-Anleitungen zur „Selbstabtreibung“.

„Die Finanzierung ist nach wie vor schwierig“

Am Ursprung dieser Initiative steht die 41jährige Rebecca Gomperts, ehemalige Ärztin auf der Rainbow Warrior der Umweltorganisation Greenpeace . Auf einer Reise nach Mexiko sah sie die Not, die Frauen leiden, wenn sie zur illegalen Abtreibung gezwungen werden. Gomperts beschloss, das Projekt in ihrem Büro in Amsterdam alleine aus dem Boden zu stampfen. Dazu erklärt sie : „Ich sah diese Frauen, die so sehr auf Hilfe angewiesen und so verletzlich sind. Ich stellte mir zunächst vor, dass ein Boot, das 20 oder 30 Frauen pro Tag aufnimmt, eine wirkliche Hilfe sei. Heute handelt es sich überwiegend um Aufklärungsarbeit, denn die Finanzierung ist nach wie vor schwierig.“

Medienrummel oder tatsächliche politische Kraft ?

Die Resultate der durchgeführten Kampagnen sind zwiespältig: In Irland konnte 2001 mangels gesetzlicher Garantien keine Abtreibung vorgenommen werden. In Polen reagierten feministische Vereinigungen auf die Präsenz des Seeschiffes, indem sie ein Gesetz zur Legalisierung der Abtreibung vorschlugen. Es wurde vom polnischen Parlament abgelehnt. 2004 wurde der Elan der NGO von den Streitkräften der portugiesischen Autoritäten gebremst. Doch durch ihre Faustschlag-Aktionen, die sich deutlich die große Schwester Greenpeace zum Vorbild nehmen, konnte Women on Waves von einem großen Medienecho profitieren: Über 20 Stunden Fernsehberichterstattung und etwa 700 Artikel sowohl in Portugal als auch in der internationalen Presse beschäftigen sich mit dem Frauen-Boot.

Text: Anne-Laure Aucher - Übersetzung: Diana Kapke