Gesellschaft

Portugiesinnen: bärtige Schönheiten

Artikel veröffentlicht am 12. Dezember 2007
Artikel veröffentlicht am 12. Dezember 2007
Frauen mit Bart gibt es wirklich. Und zwar in Portugal. Das sagt man jedenfalls in Frankreich und Spanien. Wir haben einen Kontrollgang durch Lissabon gemacht und entdeckt, dass die Frauen dort nicht nur haarige Probleme haben.

Die Portugiesinnen tragen die Schnurrbärte sicher nicht für den politischen Machtkampf. Beim traurigen Klischee, dem das schwache Geschlecht Portugals zum Opfer gefallen ist, handelt es sich ganz bestimmt nicht um eine Provokation, um für die Frauenquoten in der Politik zu kämpfen. Dies war im Mai 2007 in der Türkei Thema einer Kampagne. Damals klebten sich die Repräsentantinnen der Vereinigung 'Kader' künstliche Schnurrbärte über die Lippen, um gegen die Abwesenheit von Frauen im Parlament zu protestieren. Schnurrbärte und üppige Behaarung sind in Portugal einfach Realität: wie auch im restlichen Mittelmeerraum.

Die alte Geschichte des Bartes

"Die meisten Europäer haben das Klischee der Frauen im Kopf, die in den siebziger Jahren emigriert sind. Sie kamen vom Land und gehörten den niedrigeren Gesellschaftsschichten an. Diese Frauen hatten zur Körperpflege weder Zeit noch Geld. Genau wie es den italienischen Einwanderern in Amerika ergangen ist!", erklärt Patricia Barnabé, Chefredakteurin der portugiesischen Vogue. Das beste Beispiel ist Frankreich, das von portugiesischen Frauen aus den untersten Gesellschaftsschichten geradezu überschwemmt worden ist. Sie arbeiteten oft als Pförtnerinnen in den Wohnhäusern der Großstädte.

Wenn Patricia, 33 Jahre, an portugiesische Frauen denkt, wünscht sie sich mehr Ausdrucksfreiheit: "Sie leben noch nach einer Mentalität, die aus der Zeit der Diktatur stammt, deren wichtigsten Werte Familie, Arbeit und Bescheidenheit lauteten." Aber man darf nicht vergessen, dass diese Haltung auch sehr positive Seiten hat. So sind die Portugiesen ein nur schwach nationalisitisch gesinntes Volk und eher als die Franzosen dazu bereit, eine europäische Identität zu akzeptieren.

"Wir sind nicht sehr stolz auf unsere Kultur. Wir lieben das, was wir sind, aber es interessiert uns viel mehr, was im Ausland passiert. Wir meinen nicht, wir seien die Besten. Wir sprechen mehrere Sprachen, vielleicht aus historischen und geographischen Gründen, wir sind offen gegenüber den ausländischen Kulturen. Wir sind zwar ein kleines Land, haben aber nie aufgehört, in die Ferne zu blicken."

Patricia gehört zu einer neuen Generation. Bevor sie sich verabschiedet, um nicht zu spät zur wöchentlichen Jogastunde zu kommen, meint sie lachend, die Bärte seien "ein Stereotyp, der vom Aussterben bedroht ist, den man mit Ironie betrachten muss und der selbstverständlich auf Spanien und Italien genauso zutrifft".

Sonne, Meer und Konfektionsgröße "small"

Wir verlassen das Büro- und Bankenviertel, in dem sich die Redaktion von Vogue befindet, und kehren ins Stadtzentrum zurück, in das Szeneviertel Chiado. Hier treffen wir Joana Pote, Bookerin der Modelagentur Elite. Sie ist etwa dreißig. Bei Kaffe und Zigaretten sagt sie ohne Umschweife: "Die Portugiesinnen haben wunderschöne Gesichter und die Barthaare sind das kleinste Problem. Die bringt man in wenigen Minuten zum Verschwinden!".

Joana kennt die portugiesischen Schönheiten. Und leise vertraut sie uns an, dass die Französinnen wahrscheinlich noch mehr Körperbehaarung hätten. Portugiesische Models würden einzig und allein unter ihrer kleinen Statur leiden. "Nur wenige sind größer als einen Meter siebenundzechzig. Meist sind die Hüften zu breit, um mit den Mädchen aus Osteuropa mithalten zu können. Es ist schwierig, portugiesische Modelle für Modenschauen zu finden", erzählt Joana. Im Gegensatz dazu hat der kulturelle Mix, der durch die Jahrhunderte hindurch in diesem Land der Reisenden und der Immigranten entstanden ist, dazu beigetragen, dass Züge aus China, Afrika und Südamerika zu finden sind.

"Die portugiesische Schönheit ist so faszinierend, weil hier das Meer und die Sonne das Ihre tun. Man ist einer sanften Bräunung ausgesetzt!", betont Joana. "Diese Gesichter sind perfekt für Fotoaufnahmen im Studio, aber wegen der fehlenden Körpergröße können wir die Modelle nicht an Modenschauen teilnehmen lassen. Wir sind dazu gezwungen, Models aus Brasilien oder Osteuropa anzuheuern."

Zurück auf der Rua Garrett. Tatsächlich ist die Durchschnittsgröße der Portugiesinnen typisch mediterran. Floor Manager Katia von Zara bestätigt: "80 Prozent der Frauen tragen die Größe 'small' und sind im Schnitt einen Meter sechzig groß." Wenn amerikanische Touristen den Laden besuchen, merkt man den Unterschied: "Unsere XXL sind noch zu klein für sie...".

Fotos: Paulgi/flickr/paulgi.com , ein portugiesischer Fotograf