Gesellschaft

Pornostar Rocco Siffredi: "Pornographie ist ein Spiegel der Gesellschaft"

Artikel veröffentlicht am 3. September 2010
Artikel veröffentlicht am 3. September 2010
Er ist Schauspieler, Regisseur und Produzent. Eine 25-jährige Karriere an der Spitze der Pornoindustrie liegt hinter ihm, gekrönt von mehr als 40 internationalen Auszeichnungen. Ein perfekter Fremdenführer also für einen Ausflug in Europas Sexgeschehen.

So beliebt sind die Pornofilme von Rocco Siffredi: Ein junger Fan wird einem italienischen Videoverleih 26.000 Euro zahlen müssen, weil er den Kultstreifen Rocco e suo fratello (Rocco und sein Bruder), einen von Luchino Viscontis Film Rocco e i suoi fratelli (Rocco und seine Brüder) inspirierten Hardcorefilm, sechs Jahre lang zu Hause aufbewahrt hatte. In Viscontis Werk spielt Alain Delon die Hauptrolle - in unserem Fall Rocco Siffredi, der “Italienische Hengst”.

cafebabel.com: Rocco, Du arbeitest seit 25 Jahren im Pornobusiness. Irgendetwas lässt mich vermuten, dass Du mehr zu erzählen hast als der Schalterangestellte einer Bank.

Rocco Siffredi: Ja klar! Ich habe in den achtziger Jahren im Pornogeschäft angefangen. Also hatte ich die Gelegenheit, mindestens drei Generationen von Pornodarstellerinnen und Pornodarstellern kennenzulernen. Über das Gesamtbild der Entwicklung des Berufes habe ich gründlich nachgedacht und infolgedessen auch darüber, wie sich unsere Gewohnheiten verändert haben. Ich sage es immer wieder: Pornographie ist ein Spiegel der Gesellschaft.

cafebabel.com: Was hat sich seit Deinen Anfängen verändert?

Rocco Siffredi: In den achtziger Jahren war unser Beruf ziemlich ghettoisiert. Es war nicht einfach, als Pornodarsteller zu arbeiten. Meine ersten Kollegen lebten ein wenig am Rande der Gesellschaft. Aber der Sex war viel spontaner, viel natürlicher. Es genügte, ein bisschen Schamhaar zu zeigen und das Publikum war zufrieden.

cafebabel.com: Schwer zu glauben, dass das genug war.

Rocco Siffredi: Damals war es so. Dann kamen die Neunziger und der Sektor ist stark gewachsen, weil sich die Medien für das Milieu interessiert haben. Es waren die Jahre der internationalen Preise: Cannes, Berlin, die Vereinigten Staaten. Die Jahre der großen Pornostars: ich, Moana Pozzi, Ilona Staller. Für uns alle war es eine wunderbare, unvergessliche Zeit. Dann, ab dem Jahr 2000, hat sich der Markt noch einmal verändert.

Er siegte in der Kategorie "Beste ausländische Sexserie"

cafebabel.com: Ist es so, dass sich die Pornofilme ändern, wenn sich die Gesellschaft ändert?

Rocco Siffredi: Genau. Heute ist der Sex immer extremer und das Publikum wird in dieser Hinsicht immer anspruchsvoller. Die Entwicklung der pornographischen Inhalte entspricht der fortschreitenden Verschiebung des emotionalen Niveaus des Publikums. Wenn das Bild extrem ist, dann bedeutet das, dass es das ist, was die Leute wollen. Heutzutage gibt es ein absurdes Verlangen nach sexueller Freiheit. Das ist nichts Neues. Das lesen wir auch in den Zeitschriften. Es reicht zum Beispiel, an die vielen, oft verheirateten Männer zu denken, die zu Transsexuellen gehen.

cafebabel.com: Sex wird, wie der ganze Rest, immer mehr zu einer Ware?

Regie führte die Französin Catherine BreillatRocco Siffredi: Vor allem ist Sex dabei, zu einem Wettbewerb zu werden, bei dem man immer leistungsstärker sein muss. Das, was mich am meisten beunruhigt ist, dass es heute keinen einzigen Pornodarsteller mehr gibt, der nicht von Viagra Gebrauch macht oder sich gefäßerweiternde Mittel in die Venen jagt. Es ist die Gesellschaft, die dich dazu treibt. Sie verlangt dir das Maximum ab, um dich für einen Augenblick auf den Gipfel zu heben, und dann schmeißt sie dich weg. Sex wird immer unnatürlicher, immer künstlicher. An diesem Punkt angelangt frage ich mich: Ist es möglich, dass es jetzt nicht mehr ausreicht, eine nackte Frau zu sehen, um eine Erektion zu bekommen? Männer haben mittlerweile Angst vor Frauen. Alles, auch der Sex, ist im Begriff, zu einer reinen Arbeitsleistung zu werden.

cafebabel.com: Und die neuen Generationen?

Rocco Siffredi: Meiner Meinung nach leben die Teenager von heute ihre Sexualität besser aus. Sie haben eine ungehemmtere Herangehensweise, reden häufiger über Sex und tauschen sich häufiger aus. Das ist auch ein Verdienst der Pornographie, zumindest teilweise. Jungen haben sich schon öfter bei mir bedankt. Sie hatten komische Dinge im Kopf, die sie im Bett machen wollten. Aber sie behielten sie für sich, weil sie dachten, bei ihnen wäre eine Schraube locker. Als sie jedoch mich sahen, wie ich es tat, haben sie es ausprobiert - und sie hatten Spaß dabei.

cafebabel.com: Was den Sex in Europa betrifft heißt es, im Norden sei man kühler als im Süden. Klischee oder Wahrheit?

Rocco Siffredi: Tja, da gibt es keinen Zweifel, dass die spanischen, italienischen und französischen Frauen die heißesten in Europa sind. Das ist einfach eine soziale und kulturelle Frage.

cafebabel.com: In welchem Sinne „heißer“?

Rocco Siffredi: In Osteuropa zum Beispiel war Sex die einzige Sache, welche die Regierungen nicht verbieten konnten. Die Jugendlichen im Osten sind offener als die Südländer. Und vielleicht sind sie deshalb etwas kühler, wenn sie Sex haben. Sie leben ihn wie etwas Natürliches, eine Gewohnheit, ohne Hemmung.

cafebabel.com: Ich habe keine Zweifel, dass Du aus persönlicher Erfahrung sprichst.

Rocco Siffredi: Das garantiere ich Dir. Als ich Frauen gesucht habe, um einen Film zu drehen, bin ich fast überall in Europa gewesen. In Italien zum Beispiel, habe ich keine einzige gefunden, die mit mir hätte drehen wollen. Aber in Budapest, in Prag und insbesondere in Sankt Petersburg, die alle Universitätsstädte sind, habe ich dutzende gefunden. Das sind Länder, in denen es normal ist, es zu tun. Länder, in denen hunderte von Mädchen Pornofilme drehen, um sich das Studium zu finanzieren oder die Familie zu unterstützen.

Partnerin von Rocco Siffredi war die Britin Amira Casar

cafebabel.com: Wohingegen im Süden… ?

Rocco Siffredi: In Italien oder Spanien wurden wir sozusagen durch den Prohibitionismus, also die vorherrschende katholische Moral "gerettet" (Denn was verboten ist, macht bekannterweise besonders viel Spaß ... Anm. d. Red.). Für uns ist Sex ein Lebensgrund. Wenn wir es tun, dann weil wir dem einen tiefgründigen und einzigartigen Wert beimessen. Das ist gut für das Privatleben, aber weniger für das Pornogeschäft.

cafebabel.com: Sex kollidiert darüber hinaus mit der, in einigen Ländern Europas immer noch vorherrschenden, katholischen Moralvorstellung.

Rocco Siffredi: Sieh mal, in Italien ist die Pornographie der Spiegel der “Nutte”. Eine wahre Schlampe würde niemals einen Pornofilm drehen. Und zwar deshalb, weil der Film für immer existiert. Und das, was die anderen, die Moralisten, denken, ist für sie immer das Wichtigste. Es gibt hunderttausende Italienerinnen, die mit mächtigen Männern ins Bett steigen, um Karriere im Showgeschäft zu machen. Aber das passiert alles im Privaten, niemals in der Öffentlichkeit.

cafebabel.com: Ich vertraue weiterhin darauf, dass Du Dich von all dem persönlich überzeugt hast, richtig?

Rocco Siffredi: Ja, ich erinnere mich noch, als ich einmal eine Oralsexszene mit einem Mädchen drehte. Der Raum war voller Leute, wie es häufig vorkommt. Sie war eine Katastrophe! Dann verließen die Leute das Zimmer. Sobald sich die Tür geschlossen hatte, wurde sie ein echtes Luder und besorgte es mir so… Naja, wir haben uns verstanden. So ist es! Es gibt tausende italienische Studentinnen, die als Escort-Damen arbeiten, aber niemals einen Pornofilm machen würden. In Italien ist es von Bedeutung, immer alles abstreiten zu können.

cafebabel.com: Rocco, gibt es den “Italienischen Hengst” noch?

Rocco Siffredi: Ich muss zugeben, dass wir Italiener mittlerweile von allen überholt worden sind. Eine Erklärung dafür findet man beispielsweise in der Krise der Beziehung zwischen Mann und Frau. Wir waren die Nummer eins der Welt in Sachen Erfindungsreichtum, Geschmack und Image. Die Frauen waren verrückt nach Made in Italy und nach der eleganten Erscheinung des italienischen Don Giovanni. Sie wollten den Mann, der sie leitet, der sie beschützt und der ihr Leben regelt. Aber jetzt verändern sich die Rollen. Frauen sind viel unabhängiger und scheren sich weniger um diese Details. Im Gegensatz zu uns haben zum Beispiel die Deutschen weniger Probleme. Deutsche Frauen sind seit mindestens 30 Jahren viel freier und viel emanzipierter als italienische Frauen. Und somit leidet das Gleichgewicht in der Paarbeziehung heute nicht darunter.

Fotos: ©wikimedia commons; ©kairin/flickr; ©joanna8555/flickr; Video: ©00akroso/YouTube