Gesellschaft

Polnische Versager?

Artikel veröffentlicht am 29. August 2007
Artikel veröffentlicht am 29. August 2007
Polen stellen zahlenmäßig die zweitgrößte Minderheit in Berlin dar. Der Stereotyp des zugewanderten Arbeiters ist jedoch längst überholt. Studenten, Künstler und Geschäftsmänner strömen in die deutsche Hauptstadt.

"Fahren sie nach Berlin? Das ist so nah, dass es schon fast eine polnische Stadt ist", scherzt die Verkäuferin in dem Warschauer Buchgeschäft, in dem ich mir einen Stadtplan kaufe. Da ist schon was dran - in Berlin, das 70 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt liegt, hat die polnische Minderheit seit Anfang des 20. Jahrhunderts eine lange Tradition. An vergangene Zeiten erinnert die Metrostation Schlesisches Tor, ein Bahnhof, an dem ehemals die Züge polnischer Arbeiter endeten.

Gegenwärtig leben in der 3,5 Millionen Einwohner zählenden Metropole Berlin zwischen 30.000 und 40.000 Polen und eine nicht näher bezeichnete Anzahl polnischer Arbeiter, Studenten und illegaler Einwanderer. Trotzdem wird in den Berliner Straßen kaum Polnisch gesprochen. Ebenso fehlen polnische Siedlungen oder Bezirke. Im Gegensatz zu anderen Bevölkerungsgruppen leben Polen über die ganze Stadt verteilt.

Es ist nicht einfach für einen Polen in Berlin eine Wohnung zu finden, denn, um einen Mietvertrag unterzeichnen zu können, muss er zuerst einen dicken Stapel Dokumente besorgen. Ein verheiratetes Architekten-Pärchen aus Krakau hat die Prozedur schon hinter sich. "Die Bürokratie ist schrecklich. Das Problem ist aber vielmehr, dass auch wenn man alle Papiere endlich in bester Ordnung hat, die Vermieter so oder so lieber an Deutsche vermieten", erklären sie: Ein Ausdruck des mangelnden Vertrauens gegenüber den Immigranten von der anderen Oderseite. Ihre Ausdauer wurde dennoch belohnt und bald werden sie in eine große, bequeme und überraschenderweise günstige Wohnung ziehen. "Was man in Warschau oder Krakau für den selben Preis haben kann?" "Eine große...Einzimmerwohnung!"

Multi-Kulti und schöpferische Wut

Obwohl weiterhin relativ billig, ist Berlin mit einer aktuellen Arbeitslosenquote von über 18 Prozent nicht sehr attraktiv für ausländische Arbeitskräfte. Große westdeutsche Städte, wie Hamburg, beheimaten viel mehr polnische Zuwanderer als die Hauptstadt, obwohl Berlin als der Schmelztiegel der kulturellen Vielfalt gilt. "Ich würde in keiner anderen deutschen Stadt leben und arbeiten wollen. Hier kann sich jeder so frei fühlen wie bei sich zu Hause", versichert Andrzej Raszyk, frischgebackener Absolvent einer polnischen Universität, der vor einigen Wochen nach Berlin gekommen ist. Zwar spricht er kaum ein Wort Deutsch, hat dafür aber eine vom Großvater geerbte deutsche Staatsbürgerschaft im Gepäck. Andrzej arbeitet für ein Projekt namens Culturia, dessen Ziel es ist, Kreativität zu fördern und Kontakte zwischen jungen Künstlern zu knüpfen. Culturia ermöglicht Nichtberlinern 3 bis 6 Monate in der Stadt zu verbringen. In dieser Zeit können sie sich im Rahmen eines Projektes engagieren.

Auch Bezirke investieren in diese Art von Initiativen. "Das war eine seltsame Erfahrung, sich offiziell bei einer Kommission um eine Erlaubnis zu bewerben und ernsthaft über unsere seltsamen Einfälle zu sprechen", lacht Joanna Haasa, die im Laufe der letzten Jahre mit Hilfe von Fördergeldern ein Atelier und eine Galerie aufgebaut hat. Die Galerie trägt den Namen Furie, weil sie die Frucht der Wut auf die talentierten, aber untätigen Freunde Joannas ist, welche die Möglichkeit etwas aufzubauen verschenkt haben.

Dank dieses Engagements wachsen Ausländer in das soziale Berliner Umfeld hinein. Joanna hat sich, ähnlich wie Andrzej, schnell in der Hauptstadt eingelebt. "In Wien, wo ich mehrere Jahre lange gelebt habe, war ich immer eine Fremde", sagt Joanna mittlerweile. Im April 2006 trat sie zusammen mit Bekannten auf dem Festival Terra Polska im Künstlerzentrum Kulturbrauerei auf. Sie machten sich über die volkstümliche Art und Weise der Vermarktung Polens lustig: "Wir haben uns authentische, aber kitschige Trachten angezogen, haben uns falsche blonde Zöpfe angeklebt und Piroggen verkauft.“ Doch damit nicht genug. „Man konnte sich zusammen mit einem Zakopaner Bären fotografieren lassen", erinnert sie sich an den großen Erfolg der Aktion.

In Berlin gibt es, wie in jedem anderen polnischen Ballungsraum polnische Zeitungen, ein Institut der polnischen Kultur, zahlreiche Organisationen und eine polnische Kirchengemeinde. Mit den bilateralen Beziehungen beschäftigt sich die Deutsch-Polnische-Gesellschaft Berlin (DPGB), die unter anderem das Magazin DIALOG herausgibt. Keiner dieser Ansprechpartner hatte jedoch von der gegenwärtig stattfindenden Ausstellung polnischen Designs im Kunstgewerbemuseum gehört und die Museumsräume präsentierten gähnende Leere. Erfolgreichere Reklame, weil untypisch für die Berliner Kulturszene, verdankt Polen nicht irgendeiner bekannten Persönlichkeit oder einer Institution, sondern den "Versagern".

Spott als Lebenseinstellung

Der Club der Polnischen Versager, der seit 2001 Konzerte, Autorentreffen, Vorstellungen polnischer Nischenfilme, Ausstellungen und andere Feierlichkeiten organisiert, braucht keine Werbung. Der unverblümte Hohn über das stereotype Polenbild zieht Landsmänner aber auch Deutsche gleichermaßen an. Letztere stellen gewöhnlich "zwei Drittel der Besucher" dar, schätzt Piotr Mordel, einer der Versager-Gründer und gleichzeitig Grafiker bei DIALOG. "Vielleicht haben die Polen in Berlin einfach keine so großen kulturellen Bedürfnisse", scherzt er.

Dass Stereotypen immer noch an der Tagesordnung sind, zeigt die Reaktion von Frau Halina, Besitzerin eines unweit entfernten Naturstoff- und Kurzwarengeschäfts "Babie Lato" ("Altweibersommer"). Ein im Schaufenster platziertes Plakat, das den polnischen Künstler Chemonski zeigt, lenkt meinen Blick auf die Schönhauser Allee. Das Schicksal des Clubs interessiert die Inhaberin des Babie Lato nicht sonderlich, weil sie schon seit langem versucht, seine Gründer von der Schädlichkeit der Bezeichnung 'Versager' zu überzeugen. "So ein Name kann aus der Warschauer Perspektive selbstironisch und komisch wirken, aber nicht hier in Berlin", so Halina. Sie ist der Ansicht, dass es nicht zu einer Verbesserung des Berliner Polenbildes beiträgt. "Wenn man reich ist, kann man sich über seine Armut lustig machen, aber wenn man arm ist, sollte man die Form wahren: sauber, gebügelt und wohlriechend sein", erklärt sie die Ursprünge ihres Unmutes, während sie an einer Schneiderpuppe herumhantiert. Frau Halina hat nach zehn Jahren Berlin viele Stammkunden. In ihr Geschäft kommen Deutsche und Polinnen. Sie bemerkt, dass die lokale Berichterstattung über Polen deutlich an Qualität zugelegt hat und schreibt diesen Verdienst der entschiedenen Haltung der gegenwärtigen polnischen Regierung auf internationalem Parkett zu.

Wenn man gleichwohl die sehr gemischten Gefühle, die Akteure der polnischen Führung im Ausland hervorrufen sowie ihre zu Zeiten antieuropäische Einstellung in Betracht zieht, bleibt nur noch die Hoffnung, dass sich Selbstironie im Kampf gegen Vorurteile als ausreichend wirksames Mittel erweisen möge.

Auszüge aus dem Manifest der Versager

Unsergleichen gibt es nicht viele in der Stadt.

Ein paar nur, vielleicht einige zehn.

Der Rest, das sind Menschen des Erfolgs,

kühle und kaltblütige Spezialisten –

was immer sie auch tun, das tun sie bestens.

Wir - die Schwachen, weniger Begabten,

(...) versuchen Milch in der Apotheke zu kaufen

(...) werden von Autos angehupt

(...) stolpern auf geradem Wege,

Wir sind geneigt, ihren Vorrang anzuerkennen, dennoch wollen wir Schöpfer bleiben, und zwar nach unseren Möglichkeiten, auf einem niedrigeren Niveau.

"Demiurg verehrte die ausgesuchte, vollkommene und komplizierte Materie, wir bevorzugen den Schund"