Gesellschaft

Politiker-Memoiren: Peinlichkeiten, Persönliches und Prinzessinnen

Artikel veröffentlicht am 9. September 2010
Artikel veröffentlicht am 9. September 2010
Was braucht man, damit eine politische Autobiografie sich gut verkauft? In England hat Ex-Staatschef Tony Blair alles richtig gemacht: Er ließ nach seiner Amtsniederlegung einige Jahre ins Land ziehen (drei), vor dem Erscheinen am 1.
September galt höchste Geheimhaltungsstufe (die man so nur von den Harry-Potter-Büchern kennt), explosive Stellen (Gordon Brown ist „unerträglich“) wurden jedoch kurz zuvor vom Verlag veröffentlicht. Aber was Blair kann, schaffen andere Politiker auch. Eine literarische Reise durch die europäische Landschaft der Politiker-Autobiografien.

Laut Definition ist eine Autobiografie die Beschreibung der eigenen Lebensgeschichte. Erzählt wird mit zeitlichem Abstand zum Geschehenen und objektivem Anspruch. Allerdings lassen sich die meisten Autobiografien nicht klar von sogenannten Memoiren unterscheiden - in letzteren stellt der Schreiber seine bereits gefestigte persönliche Identität in den Vordergrund, während sich der Autobiograf noch auf der Suche nach eben dieser befindet.

Entschlossenheit in Deutschland, schlüpfrige Details in Großbritannien

Zumindest deutsche Politiker scheinen keine Identitätsprobleme zu haben und warten mit Entschlossenheit suggerierenden Titeln auf: Mein Leben in der Politik (Gerhard Schröder), Mein Weg (Angela Merkel) und Mein Deutschland. Wofür ich stehe (Frank-Walter Steinmeier). Berlins regierender Bürgermeister Klaus Wowereit nutzte mit seinem Buch … und das ist auch gut so einmal mehr die Popularität der Worte, mit denen er sich als erster deutscher Spitzenpolitiker öffentlich geoutet hatte („Ich bin schwul - und das ist auch gut so“). Weniger gut fand Wowereits Machwerk die Süddeutsche Zeitung: Über sich selbst verliere „Wowereit kein schlechtes Wort. Und das ist auch schlecht so.“ Schön, wenn Titel von Politiker-Memoiren noch für das ein oder andere Wortspiel genutzt werden können.

Nein, nicht die ausgefallene "Kleidung": Sie alle haben ihre Autobiografie geschriebenDas dürfte bei Tony Blairs jüngst veröffentlichten Erinnerungen schwierig werden. Eine Reise (A Journey) lautet der schlichte Titel des in der englischen Originalausgabe 718 Seiten starken Wälzers. Die Enthüllungen des ehemaligen britischen Premierministers sind umso brisanter: „Politisches Kalkül: ja. Politisches Gefühl: nein. Analytische Intelligenz: absolut. Emotionale Intelligenz: null“, so Blair über seinen Nachfolger Gordon Brown. Dazu eine vehemente Verteidigung des Irak-Kriegs. Blairs Frau Cherie hatte bereits vor zwei Jahren das Bedürfnis, ihre Erlebnisse als „First Lady“ mit der britischen Öffentlichkeit zu teilen. Durch Speaking for myself (etwa: Aus meiner Sicht) erfuhr der Leser, dass Mrs. Blair ihren vierten Sohn auf Schloss Balmoral, dem schottischen Landsitz der Queen, empfing. Der damaligen First Lady, damals bereits 45 Jahre alt, war es zu peinlich, Verhütungsmittel einzupacken, da aus Sicherheitsgründen auch Toilettenartikel untersucht wurden. Konsequenz: „Wie immer war es dort oben bitterkalt, und dann kam eines zum anderen …“

Italienische Pflichtlektüre vs. französische Casanovas

Schlüpfrige Anekdoten könnte Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi eigentlich massenhaft zum Besten geben. Trotzdem (oder gerade deshalb?) war er von der Attraktivität seiner Autobiografie Una storia italiana (Eine italienische Geschichte) wohl nicht so überzeugt. Pünktlich zur Wahl 2001 verfasst und mit vielen Familien-Fotos geschmückt, schickte Berlusconi seine Geschichte gratis an 12 Millionen Italiener. Doch wer freut sich schon über ein Buch, das er gar nicht lesen will? Der Rückversand dieser „Pflichtlektüre“ war natürlich nicht kostenlos - weshalb das Buch wohl immer noch bei vielen Italienern zu Hause vor sich hin schimmelt. Die linksextreme Tageszeitung Il Manifesto empfahl ihren Lesern dennoch, die vier Euro für die Rücksendung zu zahlen.

Teilte Lady Diana das Bett zeitweise nicht nur mit ihrem Gatten Charles - sondern auch mit VGE?Für französische Politiker gehört es zum guten Ton, sich schriftstellerisch zu betätigen: Ex-Premierminister Dominique de Villepin bringt es auf stolze 15 Bücher. Nennenswerte politische Memoiren gibt es hingegen kaum. Zwar veröffentlichte Staatspräsident Nicolas Sarkozy 2006 seine Bekenntnisse (Temoignage). Viel spannender finden die Franzosen jedoch die von Sarkozys Vater Pàl: In Tant la vie (etwa: So viel Leben, 2010) berichtet der 81-jährige Maler von seinen ersten sexuellen Erfahrungen, die er durch Beobachtungen in der Natur („Der Esel ist ein exzellenter Liebhaber“) und dann mit einem Dienstmädchen sammelte. Da war er elf. In erotischen Gefilden bewegt sich auch Valéry Giscard d’Estaing, in Frankreich nur VGE genannt. Seit 2009, als der ehemalige Staatspräsident seinen Roman Die Prinzessin und der Präsident (La princesse et le président) auf den Markt warf, rätselt die ganze Nation: Hatte VGE tatsächlich etwas mit Prinzessin Diana? Zwar bestreitet VGE, jemals eine Affäre mit Diana gehabt zu haben - der Detailreichtum der Beschreibungen machte viele dennoch stutzig. Zumal die Hauptpersonen unschwer als VGE und Lady Di zu erkennen sind. Die Daily Mailstellte fest: „Der Verdacht besteht, dass es sich um die lebhafte Einbildungskraft eines Franzosen handelt - plus eine große Menge Wunschdenken.“

Letzteres dürfte bei vielen Politikern, die ihre Memoiren verfassen, eine Rolle spielen. Viel schöner, als sich auf Identitätsfindung zu begeben ist es doch, sich rückwirkend eine eigene Identität zusammenzuschreiben.

Das Buch : Mein Weg von Tony Blair

Vor der Veröffentlichung von Tony Blairs Meisterstück galt höchste Geheimhaltungsstufe. Nur ausgewählte und natürlich pikante Stellen des Buchs wurden der Presse im Voraus zur Verfügung gestellt. Bei der Lektüre des Buchs stellt sich dann heraus: Die Memoiren des britischen Premiers lassen sich tatsächlich ganz gut auf diese zwei Aspekte reduzieren - den Dauerkampf mit Blairs bestem Feind Gordon Brown und seine vehemente Verteidigung des Irak-Kriegs.

Würde es sich bei Eine Reise um eine Novelle handeln, Gordon Brown wäre der „Falke“, das immer wiederkehrende Leitmotiv. Blair lässt an ihm kein gutes Haar, mokiert sich über Browns fehlende „emotionale Intelligenz“ und definiert sich selbst stets in Abgrenzung zum ehemaligen Vertrauten und späteren Erzrivalen. Blair, so scheint es, hat all das, was Brown nicht hat und ist deswegen verdient zum Leader von New Labour geworden.

Was den Irak-Krieg betrifft, den der damalige britische Premier zusammen mit George Bush Junior führte, ist sich Blair auch heute keiner Schuld bewusst. Immerhin: Die Einnahmen aus dem Verkauf der Memoiren gehen komplett an eine Hilfsorganisation, die Kriegsveteranen unterstützt. Ganz ohne Schuldbewusstsein scheint Blair also doch nicht zu sein. Dafür offensichtlich ohne kritische Selbsteinsicht. Nur ganz selten gibt Blair in seinem Buch zu, eine falsche Entscheidung getroffen zu haben - meistens jedoch, so der Tenor, konnte er aufgrund seines natürlichen Gespürs für Politik und die großen Zusammenhänge dieser Welt das Beste für Großbritannien tun. Bescheidenheit, sie ist nicht Blairs Stärke.

Das ist schade, denn trotz des stellenweise arroganten und überheblichen Tonfalls liest sich die Biografie gut, von dem ständigen Name-Dropping bekannter und weniger bekannter Protagonisten im Blairschen Leben. Relativ oberflächlich bleibt auch die Darstellung von Tony Blairs politischer Entwicklung. Nichtsdestotrotz erfüllt das Buch größtenteils geschickt geschürten Erwartungen und ist das, was eine Biografie sein soll: Ein Zeitdokument.

Fotos: Artikellogo (cc) limonada/flickr ; Tarzan-Blair (cc) azrainman/flickr; Charles und Diana (cc) trainman74/flickr