Gesellschaft

Polen: Das unsichtbare Leid der Vietnamesen

Artikel veröffentlicht am 6. September 2006
Artikel veröffentlicht am 6. September 2006
Tausende Vietnamesen, die jedes Jahr nach Polen auswandern, leben dort in der ständigen Angst, wieder abgeschoben zu werden.

Es flüchten vor allem die, die nicht im Kommunismus leben konnten oder wollten: Ehemalige Häftlinge aus Arbeitslagern, schikanierte Oppositionelle oder vom „einzigen richtigen Standpunkt“ abweichende Intellektuelle.

Ton Van Anh, eine attraktive junge Frau mit langen schwarzen Haaren, ist eine von 30 000 Vietnamesen, die in Polen leben. Ihre genaue Zahl ist nicht bekannt. Van Anh gehört zu einer Minderheit unter den vietnamesischen Exilanten, denn sie hält sich legal in Polen auf. So hat sie die Zeit, ihren Landsleuten zu helfen. Die meisten landen im Nichts, nachdem sie aus ihrem Land geflohen sind und die „grüne Grenze“ zu Polen überquert haben: Sie haben keine Papiere, keine ärztliche Betreuung und leben praktisch ohne Rechte.

Polen, ein Märchen

Van Anh kam vor 14 Jahren zusammen mit ihrer Familie nach Polen. Ihr Großvater war Kommunist, der Vater dagegen Oppositioneller – in den Augen des Regimes ein Feind des Systems und des Volkes. Die Ausreise war die einzige mögliche Lösung dieser Pattsituation. Dass der Vater das Visa erhielt, war für die ganze Familie eine große Überraschung. Polen, damals das Land von Papst und „Solidarnoc“, war für sie das Paradies auf Erden. Van Anh erinnert sich mit einem Lächeln daran, wie die Kinder die Gespräche der Eltern auf dem Hof belauschten und sich daraus ihr Polen-Traumbild zusammenbastelten. „Das war unser Kinderpolen“, sagt sie, „ein Märchenland, wo man alles kaufen kann, wo Prinzessinnen wohnen“.

Damals galt man schon als Systemfeind, wenn man das Wort Polen nur in den Mund nahm. Bestes Beispiel ist der Fall des Journalisten Tran Ngoc Than, dem Vorsitzenden des „Vereins für Demokratie in Vietnam“ und Herausgeber der auf der ganzen Welt erscheinenden Monatszeitung Dan Chim Viet. Than war in den 80ern Korrespondent einer vietnamesischen Zeitung in Polen. Als die Solidarnosc-Bewegung begann, schrieb er einen wohlwollenden Artikel über die streikenden und für ihre Freiheit kämpfenden Arbeiter. Daraufhin untersagten ihm die vietnamesischen Behörden die Rückkehr in die Heimat

Vor vier Jahren erhielt Than, inzwischen polnischer Staatsbürger, endlich ein Visum für Vietnam und besuchte seine Familie. Nach einigen Tagen suchten ihn die Funktionäre der Sicherheitsbehörden auf, mit einer Anklageschrift wegen Menschen- und Drogenhandels auf. Doch er hatte Glück: die polnische Botschaft setzte sich für ihn ein und rettete ihn aus der Bredouille.

Kinderhandel, vom Regime toleriert

Einer seiner Freunde, ein Oppositioneller und Priester, konnte den Fängen des Regimes dagegen nicht entkommen. Er war nicht mehr im Stande, den Flughafen in Hanoi zu verlassen, nachdem er von „unbekannten Tätern“ mit einem Messer niedergestochen wurde und an den Folgen der Verletzungen starb.

Die „Vereinigung für Demokratie in Vietnam“ geht davon aus, dass es immer noch politische Gefangene gebe, die zu jahrzehntelangen Gefängnisstrafen verurteilt würden. Ihre „Vergehen“: Die Übersetzung eines Artikels von den Internetseiten der US-Botschaft, der die Grundsätze der Demokratie darlegt.

Nach einem Bericht der Menschenrechtsagentur United States International Mission, einer internationalen Menschenrechtsagentur, ist Vietnam besonders stark von Frauen- und Kinderhandel betroffen. „Der Handel wird vom Regime toleriert“, so der Bericht. Das Ungeheuer, das die Menschen in Vietnam in seinen Klauen hält, wird von Funktionären des Unterdrückungsapparates geführt.

Eine Frau für 3000 Euro

Was Ton van Anh von ihrem Heimatland erzählt, lässt für Vietnam nichts gutes hoffen. In einem Land, das dermaßen korrupt ist, kann man alles kaufen – wenn man genügend bezahlt. Eine Ausreise koste ungefähr 3000 Dollar, die Menschen verdienten durchschnittlich aber nur zwischen 10 und 20 Dollar. Folglich reise man eben „auf Kredit“ aus, so Anh. Diesen gelte es natürlich nach der Ankunft auf Heller und Pfennig zurückzuzahlen. Die Reise könne einige Monate, aber auch ein Jahr dauern. Nur selten gelinge es einer ganzen, sechzigköpfigen Gruppe das Ziel zu erreichen.

Meistens werden die illegalen Einwanderer aber Opfer von Razzien. Da man eine Asiatin in Europa leicht für 3000 bis 6000 Euro verkaufen kann, ist der Menschenhandel weit verbreitet. Die Frauen landen meist in der Prostitution. Die Händler gehen dabei mit dem Zeitgeist: Im März 2004 wurden auf den Seiten von eBay drei junge Vietnamesinnen zur Auktion für einen Kaufpreis von ca. 5 500 Dollar ausgestellt.

Ein Teil der Flüchtlinge reist komfortabel mit dem Flugzeug. Viele von ihnen werden von den Schleppern als „lebende Kühlschränke“ missbraucht. Sind sie einmal in der Bundsrepublik oder Frankreich gelandet, werden sie ermordet und ihre wertvollen Herzen und Nieren entnommen.

Nur wenige Flüchtlinge erreichen das Zielland. Doch damit sind die Probleme nicht beendet. Nach polnischem Recht bleibt derjenige, der die Grenze illegal überquert hat, weiterhin „illegal“. In Polen gilt außerdem das „Abstammungsprinzip“, nach dem Kinder illegaler Immigranten keine polnische Staatsbürgerschaft erhalten, auch wenn sie in Polen geboren sind. Auch ist es schwierig, den Flüchtlingsstatus zu erhalten. Die meisten Vietnamesen wollen ihn sowieso nicht, da sie sonst in ihrem Heimatland als Regimegegner eingestuft würden und ihre Familie in Vietnam Repressionen würden. Daher bleiben sie lieber illegal – und können so leicht erpresst werden.

Für die Vietnamesen in Polen gibt es keinen anderen Ausweg, als schwarz zu arbeiten. Thon Van Anh erzählt, dass viele von ihnen als Schwarzhändler in der Nähe des Warschauer Dziesiciolecia-Stadions arbeiteten und allein für die Anmietung eines Gehwegstückes als Verkaufsfläche jeden Monat 1300 Euro zahlten – das sind über die Hälfte der zu erzielenden Einnahmen. Auch müssten sie, so Anh, dem „Sicherheitsdienst“ und der Polizei Tribut zahlen und eine Wohnung mieten. Die Vietnamesen lebten oft zu zehnt in einer Wohnung, wo sie abwechselnd „auf Raten“ schlafen würden. Bei „Rattenbekämpfungen“, wie die Polizei die Razzien im Stadion nennt, verlieren dann viele ihre gesamte Ware.

Nur die Ärzte helfen

Selbst die Kontrolleure der Verkehrsbetriebe nutzen die schwierige Lage der Vietnamesen aus. „Ein Vietnamese, der mit dem Bus unterwegs ist, kann sich nicht sicher fühlen“, erklärt Robert Krzyton vom Paderewski-Institut für Sozialstudien. „Die Kontrolleure nehmen ihnen für gewöhnlich den Fahrschein ab und fragen grinsend: ‚Und was nun? Rufen wir die Polizei?’ Sich loszukaufen, kostet oft mehr als das Bußgeld für die Fahrt ohne Fahrschein“.

„Insgesamt ist das doch gut, dass weder die Kontrolleure noch die Polizisten eine moralische Hemmschwelle vor der Annahme von Bestechungsgeldern haben“ kommentiert Krzyton sarkastisch. „Wenn die Polizei stattdessen – so wie sie es tun sollte – die Vietnamesen verhaften würde, hätten wir ein größeres Problem“. Doch zum Glück für die Vietnamesen gibt es auch andere Menschen. Theoretisch muss ein Arzt die Polizei über einen Patienten ohne Dokumente informieren. Praktisch ist das aber noch nie vorgekommen.

Während unseres Gespräches mit Ton Van Anh klingelt alle paar Minuten das Telefon. Sie muss abnehmen, denn vielleicht braucht jemand ihre Hilfe beim Ausfüllen von Papieren, vielleicht gebärt eine Frau gerade ein Kind, vielleicht hat jemand Probleme mit der Polizei. So rackert sie Tag für Tag, um das unsichtbare Leid der Vietnamesen in Polen wenigstens ein wenig zu lindern.