Gesellschaft

PIIGS: Die Europäische Union ist kein Schlachthof

Artikel veröffentlicht am 20. Dezember 2017
Artikel veröffentlicht am 20. Dezember 2017

Was ist wirklich geschehen nach der Finanzkrise von 2008? Welche Konsequenzen hatte die EU-Politik für die Mittelmeerstaaten? Drei italienische Regisseure erzählen Geschichten, die unkonventionelle Perspektiven aufzeigen und versuchen so, diese Fragen zu beantworten.

„PIIGS - oder wie ich lernte, mir Sorgen zu machen und die Austerity zu bekämpfen“ (im italienischen Original: PIIGS - O come ho imparato a preoccuparmi e a combattere l'austerity) lautet der Titel der unabhängigen Dokumentation der drei italienischen Regisseure Adriano Cutraro, Federico Greco und Mirko Melchiorre, die am 27. April 2017 in die italienischen Kinos kam.

Dieser ansprechende und zugleich provokative Titel bezieht sich auf die Situation in den europäischen Ländern, die nach der Krise 2008 am meisten gelitten haben (PIIGS ist ein Akronym  für Portugal, Irland, Italien, Griechenland und Spanien). Das Akronym ist abwertend, es bildet absichtlich das englische Wort für Schweine, „pigs“, denn dadurch werden diese Länder als die unvorbildlichsten der EU dargestellt, die das gesamte System schädigen.

„Wir haben diese Dokumentation gedreht, die uns mehr als fünf Jahre lang Schweiß und Nerven gekostet hat“, erzählt Federico, „um eine wichtige Botschaft zu vermitteln: Es existiert ein anderes System, Politik zu machen, ein System, bei dem die Realwirtschaft im Mittelpunkt steht und das sich nicht auf Kompromisse mit den Lobbies und großen Investmentbanken einlässt. Es liegt nur an uns, uns bewusst zu machen, dass eine Kursänderung möglich ist“. Der Film ist eine echte Herausforderung an das in Europa vorherrschende Wirtschaftsdenken. Es gibt Menschen, die kämpfen und sich als Bürger einsetzen, um zu zeigen, dass ein anderes Europa existiert. Das wird in der Dokumentation durch Interviews und Bilder gezeigt, die von den Schwierigkeiten zeugen, mit denen sich normale europäische Bürger tagtäglich auseinandersetzen müssen.

Das Projekt wurde von zahlreichen namhaften Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Literatur unterstützt: angefangen bei dem Philosophen und Linguisten Noam Chomsky, über den ehemaligen griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis und die wirtschaftliche Beraterin von Bernie Sanders, Stephanie Kelton, bis hin zu dem italienischen Schriftsteller Erri De Luca.

Aber die Dokumentation bezieht auch Akteure ein, die eher im Hintergrund wirken, wie die Mitarbeiter der kleinen (aber großartigen) Sozialgenossenschaft Il Pungiglione aus Monterotondo bei Rom, die sich um die Unterstützung von Menschen mit Behinderung und deren Integration in den Arbeitsmarkt kümmern.

„Wir haben für den Film Situationen ausgewählt, wie sie überall möglich wären“, erklären die Regisseure, „denn die Erfahrungen der Genossenschaft aus Monterotondo stehen für viele andere Realitäten, die man in ganz Europa finden kann. Das Kino ist ein Kommunikationsmittel, das verbindet. Wir möchten, dass unsere Dokumentation das auch schafft.“ Die Genossenschaft ist ein exzellentes Beispiel für die Bereitstellung von sozialstaatlichen Leistungen, weit weg von den Machtspielen der lokalen Mafiafamilien. Sie wird jedoch nicht ausreichend finanziell unterstützt: Genau wie viele andere europäische Firmen und Verbände kann sich auch die Sozialgenossenschaft aus Monterotondo nicht alleine tragen. Und obwohl sie einen Jahresumsatz von zwei Millionen Euro hat, gelingt es ihr nicht, sich von den belastenden Finanzproblemen zu befreien.

Seit der Krise im Jahr 2008 sind die Regierungen der Länder, die die von der Europäischen Union vorgegebenen Sparmaßnahmen nicht einhalten (Schuldenquote nicht über 60% und Defizitquote unter 3% jährlich), gezwungen, die finanzielle Unterstützung für die Sektoren Gesundheit, Bildung und Soziales zu kürzen und diese Dienste an private Einrichtungen zu übertragen.

„Die Dokumentation ist eine unkonventionelle Anschuldigung an die schlechte administrative Führung auf europäischer und nationaler Ebene“, erklären die Regisseure weiter. „Unkonventionell deshalb, weil sie sich den von den klassischen Medien veröffentlichten Informationen entgegenstellt, welche oft die für das System unangenehmen Wahrheiten auslassen“.

PIIGS ist eine Reise durch ein Europa der Widersprüche, das versucht die Schäden zu reparieren, die der Realwirtschaft zugefügt wurden. Ein Europa aus Frauen und Männern, die jeden Tag mit konkreten finanziellen Schwierigkeiten und der Angst zu tun haben, ihren Arbeitsplatz zu verlieren und sich durchschlagen zu müssen. Denn auf angemessene Unterstützung durch Politik und Administration können sie oft nicht bauen.

„Ist es wirklich möglich, dass so ein starker Zusammenhang zwischen den Mächtigen der Wirtschaft und den kleinen Leuten mit ihren alltäglichen Problemen besteht?“, fragt der Sprecher des Films, Claudio Santamaria, der 2016 für seine Rolle in Sie nannten ihn Jeeg Robot mit dem David di Donatello ausgezeichnet wurde. „Sind wir tatsächlich 100 Hunde in einem Raum mit nur 95 Knochen? Und wer entscheidet ob es 95 oder 100 Knochen sind?“ In einem Europa der zwei Geschwindigkeiten spielt Kultur eine wichtige Rolle und gerade mit einem Kulturprodukt, „das wie eine Medienbombe explodiert“, wollen die drei Filmemacher in Europa einschlagen, um die Menschen wachzurütteln und Denk- und Diskussionsanstöße zu geben.

Durch schonungslosen Bericht und schnellen Schnitt versucht PIIGS, mit ebenso einfacher wie brillianter Sprache zu erklären, was ohne unser Wissen in unserer Wirtschaft und in unseren Geldbeuteln passiert. Die Krise ist ein aktuelles Thema, das uns alle angeht. und sie ist alles andere als vorbei.

Die Dokumentation bietet kein Allheilmittel für die Krise, aber sie zeigt, was mit Hilfe von Recherche und geschärftem Bewusstsein möglich wäre, etwa durch das Schaffen einer Identitätsgemeinschaft zwischen Ländern mit denselben Problemen. Oder durch neue gemeinsame Mittel zur Bekämpfung der Leiden der Mittelmeerstaaten: dem sogenannten „nachhaltigen Wachstum“, welches nicht mehr auf die Einhaltung der Sparmaßnahmen abzielen würde, sondern auf die Wiederherstellung des Wohlstands der Bürger und den Schutz der Umwelt.

„Wir fühlen uns nicht als Schweine und können es kaum erwarten, das zu zeigen.“