Gesellschaft

Piergiorgio Rosetti: Humanitäre Hilfe als politisches Instrument

Artikel veröffentlicht am 21. Januar 2006
Artikel veröffentlicht am 21. Januar 2006
Als Volontär in Palästina erlebt Piergiorgio Rosetti das Land jeden Tag mit zwiespältigen Gefühlen: Auf der einen Seite ist da die Angst. Und auf der anderen der Wille, den Weg in den Frieden zu bahnen...

Piergiorgio Rosetti ist 31 und lebt seit zwei Jahren in Palästina, in engem Kontakt mit der Bevölkerung der besetzten Gebiete. Das Weihnachtsfest verbrachte er in seiner Heimat Italien. café babel war bei ihm zu Gast. Im Hause Rosetti erwarteten uns Piergiorgio, seine Freundin Kristine und sein Bruder Riccardo mit einem köstlichen Abendessen.

Angst und Gastfreundschaft

„Ich fürchtete um mein Leben und dann war alles ganz anders. Als ich 2003 nach Palästina ging, hatte ich große Angst“, gesteht Piergiorgio Rosetti während unseres Abendessens. „Aber schon bald stellte ich fest, dass selbst die Vertreter der extremistischsten Parteien nicht so sind, wie man sie sich vorstellt. An erster Stelle steht die Gastfreundschaft und das gibt Mut.“

Das Essen ist beendet, wir machen es uns gemütlich und setzen unser Gespräch fort.

Rosetti ist Volontär der „Gemeinschaft Papst Johannes XXIII - Operation Friedenstaube“, einer Friedensorganisation, die vom Kosovo bis Chiapas in diversen Kriegsgebieten aktiv ist - natürlich auch in Israel und Palästina. Unter dem Namen „Weißhelme“ („Caschi Bianchi“, italienischer Oberbegriff für zivile Friedensdienste) leisten sie unermüdliche Unterstützung. Sie veröffentlichen Dokumentationen, liefern Informationen über das tägliche Leben in besetzten Gebieten und Rosetti unterstreicht, dass „die Präsenz internationaler Zivilorganisationen bei allen Konflikten schwere Gewalt verhindert, weil das Militär auf diese Weise zu humanerem Handeln gezwungen ist“. In seinen zahlreichen Erzählungen aus dem täglichen Leben beschreibt er immer wieder Szenen der Gewalt, unter denen die Palästinenser leiden: Viehherden werden vergiftet, Menschen geschlagen und bedroht – für die Leute sind das nur die die „kleinen Schikanen des Alltags“. „Leider“, fährt er nicht ohne Ernst fort, „werden die israelischen Soldaten, die die Sicherheit aller Bewohner des Westjordanlandes, ob Kolonialsiedler, Palästinenser oder Zivilhelfer aus aller Welt, gewährleisten sollten, nicht immer ihrer Aufgabe gerecht.“ Hinzu kommt der Bau der Mauer, die an vielen Stellen durch palästinensisches Territorium verlaufen wird. „Sie nehmen den Boden und fällen Olivenbäume der palästinensischen Bauern, deren ohnehin schon schweres Leben dadurch noch unsicherer wird.“

Getrennt leben, um sich anzunähern

Rosetti erscheint sehr entspannt, erhitzt sich aber bei seinen Erzählungen und es sprudelt ein wahrer Strom von Begebenheiten aus ihm heraus. Seit der zweiten Intifada haben sich die Lebensumstände weiter verschlechtert. Kolonialsiedler und Palästinenser leben nun getrennt. Die Kolonien sind umzäunt und Palästinensern ist der Zutritt verboten, umgekehrt dürfen auch die Kolonialsiedler die palästinensischen Gebiete nicht betreten. „Es gibt einen Markt für Schwarzarbeit, der ein Minimum an Kontakt ermöglicht, aber im Grunde lebt jeder sein Leben allein“ – fügt Rosetti hinzu. Dennoch gibt es Initiativen unter den Menschen, die die Leiden des Krieges miteinander teilen. Eine Geschichte, die ihn besonders bewegt, ist die des „Parents Circle“, eines Verbandes von über 500 israelischen und palästinensischen Familien mit einer traurigen Gemeinsamkeit: sie alle haben im Konflikt einen Verwandten verloren. Eine weitere Gemeinsamkeit ist aber auch ihr ehrenhaftes Ziel: den Hass endlich zu vergessen und einen Weg einzuschlagen, der mit Dialog und gegenseitigem Verständnis gepflastert ist.

Ich frage mich, wie diese zwei Gemeinschaften die Anwesenheit der EU empfinden, aber Rosetti scheint eher eine Abwesenheit wahrzunehmen: „Mit Ausnahme der Extremisten, die die Mehrheit bilden, erkennen die Kolonialsiedler in der EU einen bedeutenden Markt für die israelischen Agrarprodukte, während die Palästinenser wissen, dass sie ihre größte Quelle wirtschaftlicher Unterstützung darstellt.“ Aber mal abgesehen vom finanziellen Aspekt, fährt er fort, bemerke man eher das Fehlen einer „geopolitischen Strategie, und konkreter Projekte“ vonseiten der EU.

Es wird langsam spät und es zeigt sich erste Müdigkeit, aber wir reden weiter.

Europäische Zivile Friedenskorps für Kooperation

Die Anwesenheit von Pazifisten in Kriegsgebieten wird oft kritisiert. Mitunter werden ihre Beweggründe bezweifelt, man sieht sie als Abenteurer auf der Flucht aus Gesellschaften, in denen sie sich unwohl fühlen. „Was hat dich bewegt, nach Palästina zu gehen?“, frage ich Rosetti. „Der moralische Antrieb war ohne Zweifel ein bedeutender Impuls, hätte sich aber auf momentane Solidarität beschränkt, wenn mir nicht die Notwendigkeit klar geworden wäre, dieser seit hundert Jahren veralteten Denkweise eine kulturelle Revolution gegenüberzustellen. Zwischen Krieg und Diplomatie muss am Schauplatz der Konflikte zunächst eine unbewaffnete Kraft wirken.“ Für Rosetti müssen die Europäischen Zivilen Friedenskorps zu einem Instrument der Außenpolitik werden. Er ist von der Fähigkeit dieser Organisation überzeugt, sich an die verschiedenen Konfliktsituationen anzupassen und kleine Kooperationsprojekte zu entwickeln. „Das Verhalten des Militärs gegenüber der Bevölkerung in den Kriegsgebieten ist in den Augen zivil ausgebildeten Personals oft unverständlich und unentschuldbar. Umgekehrt entwickeln Beobachter militärischer Ausrichtung mitunter ein psychologisch begründetes, solidarisches und rechtfertigendes Verhalten – zum Nachteil der Schwächsten, die am meisten unter den Konsequenzen des Konflikts leiden.“

Dieser Gedanke bringt das Gespräch auf Alexander Langer, den Rosetti sehr schätzt. Langer war Vorsitzender der Delegation des Europaparlaments für die Beziehungen mit Albanien, Bulgarien und Rumänien. Er hat immer die Idee vertreten, dass die Zivilen Friedenskorps die von Gewalt gezeichneten Dynamiken ethnisch-religiöser Konflikte besser unter Kontrolle halten können als traditionelle Aktionen zur Friedenssicherung. „Die Idee, dass professionelle Friedenskorps als außenpolitische Kräfte das Militär ersetzen, könnte bestimmten Gruppen missfallen, ist aber von fundamentaler Bedeutung, um den Schutz der Zivilbevölkerung in Kriegsgebieten in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stellen“, unterstreicht Rosetti. Seiner Ansicht nach habe sich das Europaparlament in letzter Zeit weitsichtiger gezeigt als in der Vergangenheit, da das Thema der Zivilkorps bei mehreren Gelegenheiten angesprochen wurde, und er wünscht sich, dass diese Politik konsequent weitergeführt wird.

Während unseres Gesprächs ist es Nacht geworden und auch unser später Brunch geht seinem Ende entgegen. Die Diskussionen um die Zivilen Friedenskorps gehen weiter und die vorerst eingefrorene Europäische Verfassung sieht ein Europäisches Freiwilligenkorpsfür humanitäre Hilfe vor. Aber ob man der Sache schließlich bis auf den Grund geht, kann niemand wissen.