Gesellschaft

Per Anhalter gegen die Armut

Artikel veröffentlicht am 8. September 2006
Artikel veröffentlicht am 8. September 2006
70 junge Europäer nahmen an „Eurizons“ teil, die heute in Strasbourg zu Ende geht. Zwei Wochen lang fuhren sie per Anhalter durch Osteuropa, um für die Ziele des Millenium-Gipfels zu werben.

„Bisher haben 88 Prozent der Europäer nie etwas von den Milleniums-Zielen gehört“, sagt Vincen, einer der französischen Anhalter, und zeigt auf eine Studie der Europäischen Union, die er in der Hand hält. „Das ist der Grund für unseren Einsatz!“ unterstreicht der begeisterte Teilnehmer der Eurizons-Tour.

Aufrütteln

Am 23. August haben die Anhalter die lettische Hauptstadt Riga verlassen und sind durch sechs neue und alte europäische Mitgliedstaaten gereist. Ihre Tour endet vor dem Europäischen Parlament in Straßburg am 8. September. Junge Leute aus Lettland, Polen, Tschechien, der Slowakei, Ungarn, Deutschland und Frankreich nehmen an diesem internationalen Ereignis teil.

Johannes Krause, Koordinator des „Global Education Network of Young Europeans (GLEN)“ erinnert sich: „Junge europäische Aktivisten entwickelten während eines Seminars für bildungspolitische Arbeit in der Tschechischen Republik die Idee für Eurizons. Dort entstand der Name, das Konzept und später die Route.“ Seitdem haben das Koordinationsteam und ihre Hitchhiker Strategien entwickelt, um die Aufmerksamkeit der Passanten zu wecken. Dazu gehören Flashmobs ebenso wie Straßentheater.

Die Eurizons-Kampagne will die Aufmerksamkeit der Europäer auf die Entwicklungspolitik lenken, zu Debatten und bürgerschaftlichem Engagement anregen. Damit dies gelingt, organisierten die Teilnehmer in Zusammenarbeit mit GLEN Events, Workshops und Konzerte in jeder der acht Städte, in der die Tour hielt. Über 5000 Postkarten und 10 000 Flyer wurden in neun europäischen Sprachen gedruckt. Den Anhaltern erleichtern diese Informationen die Reise – so können Sprachbarrieren überbrückt werden. Und nicht zuletzt erregen Straßenkünstler in Parks und an Hauptverkehrsknoten die Aufmerksamkeit vieler Fußgänger.

Einsatz für die Milleniums-Ziele

Die acht Milleniums-Ziele, die die Vereinten Nationen ausgearbeitet haben, entstanden im Jahr 2000, um Armut und ihre Folgen zu bekämpfen. Bis 2012 soll die Armut in der Welt halbiert werden, jedem Kind eine Schulbildung ermöglicht werden, die Gleichberechtigung von Mann und Frau gefördert und die Gesundheitsversorgung verbessert werden. Dabei fordern die Milleniumsziele Nachhaltigkeit in Bezug auf die Umwelt und eine stärkere Zusammenarbeit zwischen reichen und armen Ländern.

Außerdem will Eurizons ein besseres Verständnis für Entwicklungshilfeländer, Zeit für Diskussionen und ein Gespür für die politische, soziale und wirtschaftliche Situation in den Europäischen Ländern fördern. „Wir Polen sind gerade erst dabei, uns für anderen Länder zu interessieren. Die polnische Geschichte prägt die Sichtweise vieler Polen, aber ihre Haltung beginnt sich langsam zu verändern“, meint Kasha, Politikstudentin aus Polen. „Die Aktion hat einen unschätzbaren Wert für junge Polen“.

Die Anhalter selbst waren während der Tour sehr daran interessiert, ein besseres Verständnis für globale Themen und die unterschiedlichen europäischen Länder zu entwickeln. Die Schweizerin Jovanka, 25, ist eine von vier Anhaltern, deren Heimatland nicht zur Route gehört. Dennoch wollte sie unbedingt teilnehmen. Sie bedauert zwar, dass die Schweiz ausgeschlossen ist, aber durch ihre Teilnahme will sie ihr Land in das europäisches Projekt integrieren.

Am 8. September endet die mit einem Besuch im Europäischen Parlament in Strasbourg. Auf ihrem Weg dorthin haben die Teilnehmer Meinungsbilder aus Europa gesammelt, die sie den Mitgliedern des Europäischen Parlaments überreichen werden. Neringa Gudisauskaite, 20 Jahre, ist fest davon überzeugt, dass junge Letten pro-europäischer denken als deren Eltern. Vijole Arba, ein litauischer Student, schimpft dagegen auf die Europa-Politik: „Sag denen im Europäischen Parlament, dass sie sich aus unserem Leben raus halten sollen. Sie sind viel zu bürokratisch!“

Viele verschiedene Ansichten also, die die Anhalter sammeln und am 8. September gemeinsam mit den Politkern besprechen können. Die wichtigsten Ergebnisse werden schließlich in einem offenen Brief an das Europäische Parlament präsentiert.